Phocuswright

Was suchen wir eigentlich?

Universell über Google, sozial über Facebook, vergleichend über Metasearch: Wie sieht eigentlich die perfekte Reisesuche der Zukunft aus? Vermutlich aus einer gesunden Mischung aus allem, plus Personalierung, mobilen Applikationen und persönlicher Kompetenz. Aber ist das überhaupt zu leisten?

von Dirk Rogl, 06.03.2013, 18:03 Uhr

Die Erkenntnis vorweg: Nobody is perfect. Das wird deutlich, wenn man die drei Web-Giganten Google, Facebook und Kayak auf eine Bühne stellt, wie heute auf dem Phocuswright-Kongress der ITB. Gesucht ist die perfekte Reisesuche der Zukunft. Und das Trio steht im Verdacht, diese künftig zu ermöglichen. Google ist mit seiner universellen Web-Suche ohnehin ganz vorn dabei. Kayak ist der Weltmarktführer im boomenden Metasearch-Geschäft. Und Facebook könnte es mit seiner neuen Suchfunktion Social Graph tatsächlich möglich machen, endlich auch Reisetipps aus dem eigenen Netzwerk des Users strukturiert aufzubereiten.

Jedes dieser Portale hat eine extrem hohe Relevanz für den Reisevertrieb, Tendenz extrem steigend. Meine These aber: Niemand von diesem Trio hat mittelfristig das Zeug, zum allgegenwärtigen Einstiegspunkt für die Urlaubssuche zu werden. Gewiss, Google ist das heute schon in Teilen, aber eben auch nur in Teilen. Dem Web-Riesen fehlen unter anderem strukturierte Angebotsdaten. Und das leidenschaftliche Datensammeln der Amerikaner stößt an Grenzen, siehe die aktuellen Debatten um das Leistungsschutzrecht. Je mehr Daten Google auf seinen eigenen Seiten anbietet, desto angreifbarer wird Google. Und desto weniger attraktiv wird die Suchmaschine für das so relevante Adwords-Geschäft.

Es ist wohl kein Wunder, dass Googles touristische Suchtools Hotelsearch und Flights noch immer in den Kinderschuhen steckt bzw. in Europa gar nicht verfügbar ist. Google verfügt eben nicht über sämtliche Flugtarife im Markt. Und mit dem simplen Auslesen von Web-Sites wird das auch nicht möglich sein. Kayak ist da schon einen Schritt weiter. Das jüngst von Priceline übernommene Metasearch-Portal zapft munter alle verfügbaren Datenquellen an, bereitet die Angebote strukturiert auf und macht sie transparent. Bei der Preissuche sind Kayak und Swoodoo eine ernst zu nehmende Alternative zu den klassischen GDS und den Vertriebssystemen der Touristik.

Ganz anders sieht die Lage bei Kayak im Bereich Beratung und Inspiration aus. Wer kreative Anregungen für seinen nächsten Urlaub sucht und ohne ganz konkrete Zielvorstellungen auf die Suche geht, ist auf Metasearch-Portalen völlig fehl am Platz. Da helfen schon eher die persönlichen Empfehlungen aus sozialen Netzwerken, allen voran Facebook. Das Netzwerk kommt nun mit seiner Graph Search (fvw 5/13, S. 38) und kündigt die daraus resultierende "Weisheit der Freunde" als neue entscheidene Instanz bei der Urlaubssuche an.

Keine Frage: Empfehlungen von Freunden sind großartig, aber eben auch nur eine Seite der Medaille. Was Facebook völlig fehlt, sind strukturiert aufbereitete Angebotsdaten. Quasi überall im Web ist die Angebotstransparenz größer als in dem sozialen Netzwerk. Und nicht jede Empfehlung einer flüchtigen Facebook-Bekanntschaft mag Relevanz haben für die eigene Urlaubsplanung.

Wie also sieht sie aus: die perfekte Urlaubssuche der Zukunft? Vermutlich aus einer Mischung aus allen drei Logiken: Ergebnisse, die us den weiten Welten des World Wide Web strukturiert aufbereitet werden, mit den Empfehlungen von Freunden als einen Faktor, aber eben auch nur einem Faktor. Viel wichtiger sind die eigenen Präferenzen, hinterlegt in Kundenprofilen. Und dass die "Weisheit der Freunde" ein Adäquat für die persönliche Beratung ist, muss erst einmal bewiesen werden.

Es wird wohl eine Zeit dauern, bis die perfekte Suche gefunden und etabliert ist. Aller Voraussicht nach wird sie so auch nicht kommen. Denn gerade der boomende Mobile Commerce setzt auf "push" statt auf "pull". Klingt kompliziert, ist es aber gar nicht: Perfekterweise kommen über mobile Endgeräte die perfekten Angebote quasi unaufgefordert dafür aber maßgeschneidert zum Reisenden. Man muss nicht suchen, man bekommt sie geliefert. Es bleibt abzuwarten, ob diese touristischen Maßanfertigung vollautomatisch am Computer erfolgt, oder vielleicht doch mit Hilfe eines menschlichen Experten. Kompetenz könnte auch langfristig ein hohes Gut bleiben.

Kommentare

von Jürgen Barthel, 06.03.13, 19:29
Ich frage mich, was nach Google, Kayak, Facebook & Co. kommt... Vor gut 10 Jahren hinterfragte Richard Eastman beim ITB Kongress, dass künftig ein User im Freitextverfahren bspw. eingibt "10 Tage Sonne, Hotel am Strand, 2 Erwachsene, 2 Kinder" und bekommt aus der Masse der touristischen Produkte zielgerichtete Angebote die diesen Anforderungen und seinen "üblichen Anforderungen" entsprechen, bspw. 3-4*, Preisspanne, etc. Heute bekomme ich bei entsprechenden "Strandhotel" massenweise mehrere hundert Meter vom Strand entfernte Hotels, kaum mal Informationen zur Zielgruppe (gut, da meinte ein Anwalt ja kürzlich er müsse Kind in einem Hotel erzwingen, welches sich auf Erwachsene fokussiert). Ob da vor allem russische, englische holländische oder deutsche Gäste, Familien oder Singles buchen - keine Ahnung! Es ist noch ein weiter Weg und wer auch immer hier eine Idee hat und diese verwirklicht, wird "den Großen" sehr schnell den Rang ablaufen. Noch hat sich aber keine gefunden, der hier die richtige Idee gehabt hätte...

von Patrick Upmann, 06.03.13, 21:59
Ein sehr gelungener Beitrag zum aktuellen Geschehen. Tourismus ist ein Produkt von Menschen für Menschen und an dieser Sichtweise wird sich auch nach der ITB 2013 nicht ändern. In dem gesamten touristischen Massmarket werden sich nur die hervorheben, die es verstehen mit Emotionen und Einfachheit dem Gast zu begegnen. Wer es versteht das Push Marketing mit Emotionen zur richtigen Zeit an seine Zielgruppe zu senden, der wird auch keinen Medienbruch erfahren. Meta Suchmaschinen werden auch in Zukunft nur ein Teil des Auswahlverfahrens darstellen. Personalisierte Zielgebiets Angebote im Push Versand in Form von eMagazine, Apps werden in den nächsten Jahren das Suchverhalten korrigieren und nachhaltig verändern. Wichtig wäre hier eine gemeinsame Reise mit dem Menschen bzw. Kunden zu starten und das in allen Lebens und Reisezyklen. Ob BUSINESS ODER HOLIDAY Kunde. Man entwickelt immer mehr Meta Maschinen und verliert den Blick auf den Reisenden aus den Augen...

von Reisenavigator, 07.03.13, 10:26
Mein Eindruck ist: Für den Kunden ist die Reisesuche über Internet eher schwieriger wie leichter geworden. X-Veranstalter ohne Kinderfestpreise belegen die vordersten Plätze der Ergebnisse und sind mit den oft ungünstigen Flugzeiten alles andere als attraktiv. Die angekündigten neuen Technologien der IBEs sind sehr störanfällig und haben jede Menge Datenschrott zu bieten. Den Reisebüros kann dies nur Recht sein, den der Kunde besinnt sich auf gute Beratung!

von Horst, 07.03.13, 11:15
Ja richtig - den Reisebüros kann es nur recht sein... Zumindest denen, die es dann noch gibt ;-) Knapp 200 Reisebüros in UK und 'erst mal' jeder 6. MA bei TC können gehen. Den aufgeblasenen Wasserkopfstrukturen in dem Laden wird es gut tun - und good old europe wird auch noch kernsarniert. Damit ist auch in D. mit "Optimierungen" zu rechnen... Und zu google: nicht jedes business, dass sich google einkauft muss auch betrieben werden. Da reichen schon Ansätze, um google-Klickpreise dahingehend so zu optimieren, dass es noch profitabler wird. Mit compare business muss google nicht zwingend Geld verdienen, aber die insights daraus helfen enorm der Preisbildung in adwords...

von Skeptiker, 07.03.13, 16:05
Also ich glaube auch nicht an die "perfekte" Urlaubssuche, sondern daran, dass man die Leute das, was sie suchen, da finden lässt, wo sie es suchen, bzw. dass man sie entsprechend dahin lockt, wenn man ihnen was verkaufen will. Das gilt für Intranets und beliebige Informationssysteme (Beispiel Wikipedia, in der viele Wege zum Ziel führen - und noch mehr weg davon :-)) ebenso wie für das Web als ganzes. Und das setzt ein heftiges Vernetzen von Daten und Informationen voraus, das ist klar, da sind Google, Facebook und Kayak nur Synonyme für deren Datenwelten. Den Königsweg zwischen "Ach wie gern würde ich ..." bis zu "Jetzt kostenpflichtig buchen" kann es doch gar nicht geben. Da mag es den einen geben, der durch Lektüre inspiriert "plötzlich" weiß, dass er in der Woche nach den Osterferien mal ein paar Tage nach Madrid will, aber noch keine Vorstellung, was er da überhaupt soll, und da gibt es andere, die über "zwei Wochen Sonne und Strand, aber mal woanders als sonst" noch nicht hinausgekommen sind. Beides oft dieselbe Person, Thema Haupt- und zusätzliche Reisen. Ich sehe da nicht "den" Tunnel durch die Datenflut zum "jetzt buchen" Button. Die Vorstellung maßgeschneiderter gepushter Angebote erzeugt bei mir allerdings Horrorvisionen, quasi Minority Report mal 1984 zum Quadrat. Das setzte ja voraus, dass da meine und jedermanns persönliche tägliche Datenspuren mit hineinvernetzt werden. Ich weiß, dass das heute schon passiert. Noch kann man sich aber ja halbwegs davor schützen (wenn man das will)... *grusel

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