Nullprovision

Ein Gandhi für den Reisevertrieb

Stellen Sie sich vor, es ist Nullprovision und keiner macht mit. Die Inder beherrschen die Kunst des gewaltfreien Widerstands offenbar auch im Reisevertrieb.

von Dirk Rogl, 15.04.2009, 11:55 Uhr

Schaut Ajay Prakash eher so aus wie Klaus Laepple, dem Präsidenten des Deutschen Reise-Verbands oder doch wie Mahatma Gandhi, dem großartigen Führer der indischen Unabhängigkeitsbewegung? Die Antwort ist frisch

. Der Chef des indischen Reisebüroverbands Tafi ist optisch ein Unikum, doch seine Art des Protests nimmt Anleihen bei beiden Herren. Wohlbemerkt: es geht hier nicht um die aktuelle Haar- und Brillenmode, sondern um einen historisch einmaligen Schritt: Prakash droht mit dem Hungerstreik von bis zu 5000 indischen Reisebüroagenten. Aus der deutschen Perspektive des Jahres 2009 hört sich der Grund geradezu skuril an: Singapore Airlines beharrt in Indien auf der Einführung der Nullprovision. Noch ist unklar, wie der Kampf ausgeht. Doch Prakash hat gute Chancen. Einige nationale Carrier, die ebenfalls mit Nettopreisen geliebäugelt hatten, sollen nach Medienberichten in der Vergütungsfrage bereits eingelenkt haben. Der Protest der Agenten entlädt sich nun mit voller Macht gegen Singapore Airlines. Denkbar, dass der Star-Alliance-Partner in Indien ein leichteres Spiel vermutet hatte. Auf allen Kontinenten ist die Nullprovision etabliert. Und ausgerechnet die zersplitterte indische Agentenszene, die von sechs Verbänden vertreten wird, treibt nun den Widerstand auf die Spitze. Wenn die Verhandlungen scheitern, wird gehungert. Der Protest gegen die Transaction Fee habe die Gemeinschaft der Agenten wieder zusammen geführt, bestätigt auch Rajinder Rai, Präsident des Konkurrenz-Verbandes TAAI und Initiator einer Vorgänger-Aktion, die so in Europa ebenfalls nicht denkbar gewesen wäre: ein 100-tägiger Boykott von SIA in den Reisebüros. Gebracht hat der Verkaufsstopp bislang wenig – wohl auch, weil nicht alle Agenturen mitmachen. Das klingt dann schon etwas europäischer. Und auch das Gerücht, dass SIA statt auf Nullprovision in Zukunft eine Mini-Vergütung von einem Prozent zahlen könnte, klingt vertraut. Bleibt der Hungerstreik. Der hat in Indien seit der Zeit des Mahatma Gandhi eine große Tradition. Allerdings: zu Gandhis Zeiten ging es um das Ende der kolonialen Unterdrückung, diesmal um die Einführung eines weltweit etablierten Vertriebsmodells. Und: zu Gandhis Zeiten wäre die Alternative zum gewaltfreien Widerstand ein blutiger Krieg gewesen. Heute ist es eine Transaction Fee für die Agenten. Zugeben: derartige Vergleiche sind nur bedingt statthaft. In Indien gelten andere kulturelle und soziale Regeln als in Europa. Trotzdem würde mich Ihre Meinung interessieren: Ist der Hungerstreik ein legitimes Mittel, um gegen die Nullprovision zu protestieren?

Kommentare

von Helmuth Schubert, 15.04.09, 16:33
Schon allein Herrn Läpple mit irgendjemanden zu vergleichen der sich traut einer Flug- gesellschaft die Stirn zu bieten würde sich in der BRD lächerlich machen.

von Dieter, 15.04.09, 17:06
Aber natürlich ist das legitim, aber nicht alles, was legitim ist, zeigt auch Wirkung Deshalb wird das auch gut Internet-vernetzten Indien weder SIA noch alle anderen, für die SIA nur der Vorreiter ist, davon abhalten, sich den globalen Marktgegebenheiten anzupassen. Wirkungsvoller wäre es da schon, wenn die Inder heilige Kühe auf die Lande- und Startbahnen lenken könnten - sie dürften schließlich von dort nicht vertrieben werden. Aber die haben vermutlich mit Provisionen nichts auf ihrer Kuhhaut.

von Attlla, 15.04.09, 17:44
Lieber voher kurz hunger als nacher unedlich hungern.... Ich sage ja, damit mein Portemomaie fetter wird und uebrigens es ist bald Sommer, ich moechte im alte Badehose vom vorletztes Jahr reinpassen............ Dann goenne ich mir ein Mega-Eis mit Sahne und es geht von vorne los...........

von Thea, 16.04.09, 09:21
Mit dem Aufruf zum Hungerstreik würde sicherlich mancher Manager in Deutschland auch den Arbeitsplatzabbau im Hinterkopf haben. Frei nach dem Motto "zwei Fliegen mit einer Klappe"...;-)

von Michael Buller, 16.04.09, 14:08
Andere Länder andere Sitten! Zumindestens auf Seiten des Vertriebs aber beim Verursacher! Verkaufe mein Produkt aber bitte mache das umsonst? Man stelle sich vor das würde bei Aldi ein Produzent mal anfragen (ich bin mir sicher wir hätten den rauswurf gelesen ;-). Das Problem sind nicht die Verbände die durchaus was machen (einfach mal Herrn Schweissgut anrufen!) sondern leider die Mitglieder die eigentlich am Zug sind und ob der deutsche Vertrieb Hungern würden für eine Provision von einer Airline....na da bin ich mir nicht ganz so sicher ;-)

von Wolfgang Hoffmann, 18.04.09, 12:50
Es macht mich einfach nur stinkewütend, wie nonchalent mal wieder darüber gegrübelt und schwadroniert wird, warum wir Reisebürobesitzer- und Mitarbeiter in Deutschland gefälligst nicht noch leidensfähiger sind, als wir angeblich immer vorgeben zu sein. Verdammt-noch-mal-an, da wird als Zeitzeuge doch tatsächlich eine völlig andere Kultur herbeizitiert, die uns in puncto Masochismus doch um einiges voraus zu sein scheint. Einfach nur zum Kotzen, sich daran abzuarbeiten, im Hinblich darauf, dass der Vertrieb sich gefälligst darauf einzustellen habe, seinen Gürtel noch enger zuzuschnüren! Es reicht jetzt langsam! 'schuldigung, dass ich so ausraste, aber sich einzubilden, dass wir tatsächlich ein Gen für Anarchie haben oder wir uns gar lustvoll Bombengürtel umbinden könnten, das ist doch lediglich Folklore. Entweder, wir packen es gemeinsam, VAs, Leistungsträger und wir Reisebüros, oder wir bleiben alle gemeinsam auf der Strecke. Basta!

von Bernd Schray betravel, 19.04.09, 08:39
Mit dieser einseitigen Sicht auf den Markt (entweder packen wir es gemeinsam oder bleiben gemeinsam auf der Strecke) wird man nichts gewinnen. Warum? Weil es immer Nachfrage geben wird und dementsprechend Angebote. Wie sich der Markt entwickelt, ob direkt vom Käufer zum Leistungsträger, über die Reisebüros und Veranstalter, oder andere Wege, entscheiden viele unterschiedliche Faktoren wie Preise, Marketing, Service, Technik und ... mitunter auch die Intelligenz der Markteilnehmer ;-) Von daher sehe ich eine Aktion wie beispielsweise ein Hungerstreik nicht als Folklore, sondern als ein Mittel, das, sollte es gut durchdacht Chancen zum Erfolg und entsprechender Aufmerksamkeit bieten, überlegt werden kann. Legitim ist es allemal, ob es nützlich und die beste Methode ist, eine andere Frage. Oder? Sagt der Schweizer.

von Dirk Rogl, 24.04.09, 11:10
Kleines Update: Der Hungerstreik der indischen Reisebüros ist auf die Zeit nach den indischen Parlamentswahlen verschoben. Aber Tafi-Chef Ajay Prakash klingt in der Sache ziemlich bestimmt. Ein Interview mit ihm gibt es in fvw 9/09 am 30. April.

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