Mobilität

Deutsche Start-ups sind besser als ihr Ruf

Blablacar schluckt Mitfahrgelegenheit.de – ein neuer Monopolist im Internet entsteht. Daraus lässt sich viel lernen: Zum Beispiel über die Attraktivität deutscher Start-ups und das Funktionieren von Märkten im World Wide Web.

von Georg Kern, 17.04.2015, 11:40 Uhr

Zugegeben, wildfremde Menschen im Auto mitzunehmen oder bei wildfremden Menschen als Mitfahrer einzusteigen, ist nicht jedermanns Sache. Ich betreibe sie allerdings mit einiger Leidenschaft. Vor mehr als einem Jahr habe ich mich auf dem Portal Mitfahrgelegenheit.de angemeldet, später auch beim Konkurrenten Blablacar.de. Seither habe ich geschätzt 100 Menschen in meinem Auto mitgenommen. Nie hatte ich ein Problem. Dafür habe ich aber eine erkleckliche Summe eingenommen. Sie deckt zwar sicher nicht die Gesamtkosten meiner Fahrten – ja nicht einmal die Benzinkosten. Dennoch bedeuten Mitfahrer für mich, der aus privaten Gründen oft Langstrecke fährt, eine finanzielle Erleichterung, auf die ich nicht verzichten möchte. Und dabei lernt man oft sympathische und interessante Menschen kennen.

Mit Interesse habe ich auch gelesen, dass das französische Unternehmen Blablacar den deutschen Konkurrenten Carpooling.com übernimmt, der die Portale Mitfahrgelegenheit.de und Mitfahrtzentrale.de betreibt. Es entsteht ein Monopolist auf dem Gebiet mit einem Marktanteil von geschätzten 90 Prozent. Für Touristiker mag das auf den ersten Blick nur bedingt interessant sein. Denn welchen Kunden schicken Reisebüros oder Veranstalter schon per Mitfahrgelegenheit in den Urlaub? Dennoch ist die Entwicklung für die Branche von einiger Bedeutung. Denn sie verrät eine Menge über den E-Commerce in Deutschland.

Oft heißt es, die deutsche Internet-Wirtschaft hinke anderen Ländern hoffnungslos hinterher. Gerade den USA hätte die deutsche Start-up-Szene nichts entgegenzusetzen. Das Buch „Silicon Valley“ von Christoph Keese, das ich gerade lese, ist beispielsweise über weite Strecken in diesem Duktus geschrieben.

Ich meine: Die deutsche Internet-Wirtschaft ist weit besser als ihr Ruf. Das zeigt sich etwa am Phänomen Mitfahrgelegenheit. Portale wie Mitfahrzentrale.de und Mitfahrgelegenheit.de waren die ersten ihrer Art. Sie sind ein wichtiger Teil der Share Economy. Deutsche Unternehmer waren und sind Pioniere dieses Teilbereichs im E-Commerce. Das geht in den vielen aufgeregten Debatten um Sites wie Arbnb oder Uber oft unter.

Schließlich ist die Übernahme von Carpooling durch Blablacar auch mit Blick auf die Debatte um die Machtstellung von Google interessant. Denn der geplante Deal unter den Mitfahr-Portalen verrät Einiges über das Wesen des Internets.

Der deutschstämmige US-Starinvestor Peter Thiel vertritt die These, Monopole im World Wide Web seien nichts Schlimmes. Sie seien gewissermaßen natürlich, denn das Netz funktioniere anders als die Realwirtschaft: Im Internet entstünden häufiger Monopolisten, die dann allerdings von Wettbewerbern mehr oder weniger vollständig zerstört werden – immer dann nämlich, wenn sie eine Technik auf den Markt bringen, die dasselbe Problem revolutionär besser löst. Die eigentlich treibende Kraft der Internet-Wirtschaft sei Disruption, sagt Thiel, nicht Innovation.

Ich halte das für übertrieben. Blablacar und Mitfahrgelegenheit.de sind weitgehend identische Portale. Der Hauptunterschied ist, dass Mitfahrgelegenheit.de seit einiger Zeit Nutzergebühren verlangt, womit sich die Macher offenbar verzockt haben. Blablacar kann dagegen gratis genutzt werden – und das Portal ist in kurzer Zeit atemberaubend schnell gewachsen. Mittelfristig werden nun wohl sämtliche Nutzer der Portale Nachteile haben: Denn man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass demnächst alle wichtigen Mitfahr-Sites gebührenpflichtig werden.

Was das mit dem Streit um die Machtstellung von Google zu tun hat, der in Brüssel anhängig ist? Sehr viel. Denn der Blablacar/Carpooling-Deal zeigt, dass Monopole im Netz genauso wie in der Realwirtschaft entstehen können: Ein Anbieter schluckt den anderen und erhält dadurch eine überragende Marktmacht. Virtuelle Märkte funktionieren nicht wesentlich anders als reale. Das ist die Lehre aus der Fusion auf dem Markt für Mitfahrgelegenheiten. Die Kartellwächter in Brüssel sollten das bei ihrer Google-Entscheidung berücksichtigen.

Kommentare

von Marie Fincher, 23.04.15, 15:47
I have been using Blablacar for a long time but having read this article I understand that there are lots of better alternative German services.

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