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Kreuzfahrt nach Haiti?

Darf man derzeit in Haiti Urlaub machen? Royal Caribbean läuft mit seinen Schiffen die Insel an.

von Klaus Hildebrandt, 20.01.2010, 08:54 Uhr

Das Erdbeben in Haiti hat auch in der Reisebranche Betroffenheit ausgelöst. Viele Unternehmen spenden. Kreuzfahrt-Gigant Carnival überweist etwa stolze fünf Millionen Dollar an Hilfsorganisationen. Denn gerade für die US-Kreuzfahrtreedereien ist die Karibik das zentrale Fahrtgebiet. Royal Caribbean betreibt in Labadee an der von dem Erdbeben weitgehend verschonten Nordküste Haitis sogar einen privaten Strandabschnitt, auf dem die Gäste bei einem Stopp karibisches Strand-Feeling genießen können. Auch in diesen Tagen läuft Royal Caribbean Haiti an. In Medienberichten schlägt dies hohe Wellen. Dürfen Urlauber es sich an Haitis Stränden bei Barbecue und kühlen Drinks gut gehen lassen, während in der Hauptstadt die blanke Not herrscht und erst zäh die internationale Hilfe anläuft?

Royal-Caribbean-President Adam Goldstein sagt ja. Es sei besser, auf die Insel zu kommen und die Wirtschaft anzukurbeln, als wegzubleiben, schreibt er in seinem Blog, in dem er auch über die Hilfsmaßnahmen seines Unternehmens berichtet. Einige Kommentatoren finden dies "zynisch", und wohl nicht alle Kreuzfahrt-Gäste gehen von Bord oder haben ein gutes Gefühl bei dem Strandabstecher.

Ich bin da anderer Meinung. Auch wenn es bizarr anmutet, stimme ich mit Goldstein überein, dass ein Wegbleiben die von der Reederei auf Haiti beschäftigten Mitarbeiter und ihre Familien in Not bringen würde. Ich erinnere mich an den Tsunami vor fünf Jahren: Wir hatten für den Januar einen fvw Workshop in Thailand geplant. Nach dem Tsunami hatten auch wir ein komisches Gefühl, ob wir mit 30 Reisebüros im Schlepptau wirklich auf eine Rundreise durch die teilweise zerstörten Urlaubsregionen gehen sollten. Dann bekam ich einen Anruf aus Bangkok: Bitte kommt jetzt erst recht, wir brauchen euch dringender denn je! Denn in Phuket und anderswo ist der Tourismus nun mal die Haupteinnahmequelle der Menschen. In Thailand wurden wir sehr herzlich empfangen, offen wurde während der Reise mit Touristikern aus Thailand über die Verwüstungen und das Leid gesprochen.

Wenn Labadee einige hundert Kilometer weiter in der Dominikanischen Republik liegen würde, gäbe es die Diskussion nicht. Auch dort entspannen gerade Urlauber in luxuriösen AI-Resorts oder starten deutsche Urlauber von La Romana aus ihre Kreuzfahrt. Dort jetzt nicht hinzufahren, würde auch keinem helfen. Ob man wirklich jetzt einen Urlaub mit Zwischenstopp in Haiti bucht oder dort von Bord gehen will, muss jeder für sich allein entscheiden.

Kommentare

von Kreuzfahrtinspektor, 20.01.10, 09:51
Ich finde es im besten Fall schon sehr zwiespältig – natürlich muss das Geschäft auch im Sinne der Insel (oder derer die im "Labadee"-Teil arbeiten und den 6$ p.P. die RCCL an die Regierung zahlt) weitergehen, das aber erst / auch nur wenn "grundlegende" Dinge für die Haitianer gesichert sind. Der Urlauber jedenfalls muss es für sich selbst ausmachen.

von Hansjörg Kunze, 20.01.10, 10:49
Hallo, sicher ist, dass der wirtschaftliche Effekt der Kreuzfahrer in der Karibik sehr gross ist. Sowohl die Gäste als auch die Besatzungen aller Schiffe beteiligen sich derzeit persönlich mit Spenden. Und ... touristisch muss es weitergehen, die Reedereien helfen kurz - und langfristig. http://phx.corporate-ir.net/phoenix.zhtml?c=200767&p=irol-newsArticle&ID=1376212&highlight=

von noblemarina, 20.01.10, 11:26
schon vor der katastrophe war die diskrepanz zwischen den urlaubsfreuden auf labadee und dem alltagsleben auf haiti gross. jetzt noch viel grösser. stimme jedoch royal caribbean und klaus hildebrandt voll zu, dass mit einem wegbleiben der schiffe keinem geholfen ist - lt adam goldsteins blog geht immerhin um 500 arbeitsplätze, die ein netzwerk an familien versorgen.

von Wolfgang Hoffmann, 20.01.10, 13:19
Ja, stimmt denn der Medienrummel jetzt, dass die Sicherheitslage insgesamt in Haiti für Ausländer viel zu gefährlich ist? Dürfen Haitianer aus dem Erdbebengebiet sich nicht mehr frei in ihrem eigenen Land bewegen? Oder werden an den Strandabschnitt in Labadee auch Marines zum Schutz der Kreuzfahrtgäste abgestellt? Und darüber hinaus, als Kreuzfahrtgast empfände ich tiefste Scham, so nahe mit einem voller Treibstoff, voller Lebensmittel, voller Medikamente, etc. vollgestopften Schiff an einem Katastrophengebiet zu sein. Von dem Labadee nahen Hafen Cap Haitien aus lassen sich sicherlich besser Hilfsgüter in den Süden transportieren. Dass ein paar Souvenirdollars bei Einheimischen hängen bleiben oder am Strand ein paar Büchsen Cola konsumiert werden könnten, das ist für mich allerhöchstens ein Grund, mich zu Entsetzen.

von Hans-Peter, 20.01.10, 14:35
Spontan war ich über die Meldung auch entsetzt, aber nach einigem Nachdenken kam ich zu ähnlichen Schlüssen wir Klaus Hildebrandt und andere: Wenn die Reederei den Hafenaufenthalt mit etwas Fingerspitzengefühl gestaltet, im Rahmen ihrer Möglichkeiten sogar die Hilfe für die Erdbebenopfer unterstützt (z. B. auch durch Spenden der Passagiere) könnte das sogar als positives Zeichen dafür gewertet werden, dass das Leben weitergeht und weitergehen muss, und dass gerade der Tourismus dazu geeignet ist, ziemlich unmittelbar einen wichtigen Beitrag dazu zu leisten. Die Naturschönheiten Haitis sind doch in dieser Situation das einzige Kapital, das außerhalb der Zerstörungsregionen sofort einsetzbar ist: wie gesagt "in geeigneter Form"! Fröhliche Strandparties oder Bordfeste im Hafen gehören natürlich nicht dazu.

von Martin Pundt, 20.01.10, 15:24
Mit den Schiffen reisen nicht nur Touristen, sondern es werden auch dringend benötigte Hilfsgüter angeliefert - derjenige, der dies nicht mittragen will, hat die Kritik verdient, nicht aber Royal Caribbean. Da, wo die Infrastruktur noch besteht, ist es jetzt sehr wichtig, dass die haitianische Volkswirtschaft Devisen generieren kann. Wer sich anmaßt, dies für unmoralisch zu erklären - aber gleichzeitig wenige km östlich, in der Dom. Rep. "Business as usual" zu machen - hat das Recht verspielt, in dieser überflüssigen Diskussion ernst genommen zu werden.

von Wolfgang Hoffmann, 20.01.10, 16:07
zumindest scheint das Thema geeignet, sehr gereizt miteinander umzugehen.

von Gerd Laatz, 20.01.10, 16:41
Die Kommentare erfreuen mich sehr und rücken meine im Allgemeinen nicht zu positive Sichtweise von uns Deutschen wieder etwas gerade. Zeigen sie mir doch, dass der Deutsche nicht generell als Synonym für Negativ-Denke und destruktive Haltung gesehen werden muss. Hilfe für die Haitianer ist bitter nötig - direkt und indirekt. So tut es gut zu sehen, dass die meisten Kommentatoren auch die Aufrechterhaltung von jeder möglichen Beschäftigungs- und Einnahmequelle als Hilfe ansehen. Ein "beschämtes Fernbleiben" wäre jedenfalls die schlechteste Alternative.

von hingucker, 20.01.10, 16:57
Ich finde das richtig , den geplanten Stop an diesem Ort Haitis beizubehalten. Es wird den Haitianern nichts weg genommen , eher im Gegenteil , denn durch das persönliche Erleben werden auch die Passagiere zur weiteren Solidarität mit den Bewohnern angehalten . Weg gucken hilft nicht ! Probleme hätte ich ,wenn die Kreuzfahrer für Versorgungsschiffe dringend benötigte Hafenplätze blockieren oder Personal binden, das im eigenen Land an anderer Stelle benötigt wird. Oder wenn Landausflüge in die Trümmergebiete angeboten werden und die Passagiere vom Bus aus das Elend begaffen sollen. Vielleicht sollte jetzt beim Neuaufbau des Landes untersucht werden, ob in absehbarer Zukunft noch weitere Tourismusprojekte unter besonderer Berück- sichtigung der notwendigen Sicherheit für die Besucher Arbeitsplätze und Aus-kommen für Haiti bringen können.

von Uwe Herrmann, 20.01.10, 16:58
Selbstverständlich muß alles -so auch Geschäfte-, die dem Land wirtschaftlich zu Gute kommen, unbedingt fortgeführt werden. Nur mit Spenden ist es nicht getan!! Deshalb meine volle Zustimmung zum Kommentar von Martin Pundt und totale Ablehnung des polemischen Artikels des Herrn Wolfgang Hoffmann (einige Buechsen Cola etc).

von Wendy, 20.01.10, 17:04
Hallo ich habe einen Bericht eines Reisenden gelesen, der gerade eben auf Labadee mit RCCL angelegt hatte. Die Passagiere wurden informiert, die Reederei spendet derzeit alle Einnahmen auf Labadee, es wurde eine Benefiz-Veranstaltung an Bord gemacht, deren Erlös 26.500 $ erbrachte und die Schiffe haben vorher Tonnen an Hilfsgütern an Bord genommen, die nach Labadee zur Weiterverteilung gebracht wurden. Es ist keinem der Mitarbeiter geholfen (die vor allem aus Haiti kommen) wenn ihnen der Job nun genommen wird, der nun mehr denn je ganze Familien ernährt. Ich gehe völlig konform mit der Meinung: Die wenigen noch erhalten Jobs dürfen auf keinen Fall auch noch dem Erdbeben mittelbar zum Opfer fallen - zudem auf Labadee nichts zerstört ist. Wendy

von Carola Naumann, 20.01.10, 19:26
Hallo Kollegen Ich hatte 2005 das Glück mit Tischler Reisen ,gerufen von den Touristikern in Thailand die Folgen des Tsunami "anzuschauen". In einem Meeting von Touristikern u. Politikern stand ich auf, mit viel Betroffenheit in der Stimme wollte ich wissen wie wir helfen können? Die Antwort war, bitte bitte schicken Sie uns Ihre Kunden zu uns in den Urlaub, wir wollen unseren Lebensunterhalt selbst verdienen. Es hat uns alle sehr beschämt den Stolz dieses Volkes unterschätzt zu haben. Wir wollen immer alles nur mit Geld lösen. Ich hoffe ich habe Euch alle ein bischen wach gerüttelt. Einen schönen Abend Carola Naumann

von travelmatz, 21.01.10, 07:31
Kann dem Kommentar von "Klaus" nur uneingeschränkt zustimmen. Wemm wäre geholfen wenn RCCL Haiti ausweicht ? Niemandem, im Gegenteil - die Devisen die durch RCCL u deren Gäste eingenommen werden, wären verloren. Lassen wir uns durch den Kommentar von Herrn Hoffmann nicht verwirren, fahren mit RCCL nach Haiti und lassen noch eine Spende extra dort !

von travelmatz, 21.01.10, 07:37
Kann dem Kommentar von "Klaus" nur uneingeschränkt zustimmen. Wem wäre geholfen wenn RCCL Haiti ausweicht ? Niemandem, im Gegenteil - die Devisen die durch RCCL u deren Gäste eingenommen werden, wären verloren. Lassen wir uns durch den Kommentar von Herrn Hoffmann nicht verwirren, fahren mit RCCL nach Haiti und lassen noch eine Spende extra dort !

von Wolfgang Hoffmann, 21.01.10, 11:26
mit oder ohne Erlaubnis meiner werten Kollegen bleibe ich bei meiner Frage nach der Sicherheit, bleibe ich bei meinem Entsetzen, auch wenn es noch so polemisch aussehen mag. So ein Kreuzfahrtschiff, mit seinen Vorräten, mit seinem Personal, mit seinen medizinischen Einrichtungen, Trinkwasservorräten ist geradezu eine Provokation des Luxus angesichts des Mangels und des Elends auf der anderen Seite. Es fehlt an Diesel für die LKWs im Lande, die die Hilfsgüter an die richtigen Stellen bringen könnten. Ein Kreuzfahrtschiff ist vollgetankt mit Diesel. Und die Gäste geben tatsächlich nur geringe Geldmengen bei landausflügen aus, weil sie an Bord voll verpflegt werden. Business as usuall mag bei einem kleinen Kataströphchen ja angebracht sein, aber angesichts des Ausmaßes entsetzern mich schon unsere aktuell 12 Paxe nach DomRep. Und das Gefühl steht mir zu, und dafür muss ich mich nicht branchenkongruent disziplinieren lassen. Heute Morgen war ein Kommentar im Radio, dass es immer noch an Medikamenten und Op-Handschuhen fehlt. Bei jeder Katastrophe, die weltweit passiert spenden wir nicht unerheblich an Action Medeor bei uns vor Ort. Ich habe eben mit denen tel. Sie kriegen ihre Hilfslieferungen nicht in die Karibik. Es besteht eine Warteliste! Nennt mich ruhig polemisch, aber ich vertrete zumindest meine unabhängige Ansicht und lasse mich nicht um jeden Preis committen.

von Petra Villinger, 21.01.10, 11:31
Ein schwieriges Thema, ist es nun besonders notwendig, das touristische Unternehmen sich nicht komplett abwenden, zumal auf diese Weise noch einmal auf die Situation, die teils ja unvorstellbar ist, aufmerksam gemacht werden kann. Es ist zu hoffen, dass die Gäste die Bilder mit dem Hintergrund mitnehmen, selbst aktiv zu werden und Haiti nicht nur als Schauplatz einer Katastrophe in Erinnerung behalten.

von W.Maier, 23.01.10, 22:39
Werte Leser, es ist geradezu ein Zynismus mit welch scheinheiligen Argumenten in den meisten Kommentaren für das business as usual mit RCI auf Haiti "geworben" wird. Wer den "trip" mit RCI auf Labadee miterleben durfte, dem kann angesichts des Grauens auf Haiti nur die Schamröte ins Gesicht steigen. Am Privatstrand von RCI hat man es stets verstanden, Einheimische vor Brührungen mit den Kreuzfahrern fern zu halten.Ganz zu schweigen von angeblichen wirtschaftlichen Vorteilen die für die Bevölkerung eines des ärmsten Länder der Erde daraus erwachsen sollte.Wenn Gelder fließen,dann nur in die Taschen einer korrupten Regierungsklique. Ein Umdenken und die Rückbesinnung auf wirkliche, nachvollziehbare Hilfe im Angesicht unvorstellbaren Grauens würde auch dem Turismus gut zu Gesicht stehen.Eine turistische Infrastruktur wird nicht durch hermetisch abgeschirmte Gettos geschaffen, in welche dickleibige Turisten auf Ballonreifen zu Barbeques gefahren werden, während in deren Rücken mit bloßen Händen nach einem Stück Brot in den Ruinen gegraben wird. RCI steht für mich als Kreuzfahrtalternative nichtmehr zur Wahl.

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