Medien

Die Krise der anderen

Die Wirtschaftsflaute trifft nicht nur die Touristik, sondern auch die Medien. FTD-Chefredakteur Steffen Klusmann sprach gestern Klartext – und ich sehe mich natürlich wieder mal bestätigt.

von Klaus Hildebrandt, 21.01.2009, 11:39 Uhr

Auf der DRV-Tagung in Budapest stand Arcandor-Chef Thomas Middelhoff mit Journalisten zusammen und sagte, er lese in den Wirtschaftsblättern viel über die Probleme im Handel und bei Arcandor. Aber die Medien selbst hätten doch eine eine noch größere Krise. Und darüber lese er wenig. Das stimmt wohl sogar. Gestern abend allerdings schilderte Steffen Klusmann, Chefredakteur der "Financial Times Deutschland" (FTD) bei einem Vortrag schonunglos und selbstkritisch die Lage. "Wir Wirtschaftsjournalisten haben die Stahl- und die Musikindustrie und die Banken hart kritisiert, weil sie den Strukturwandel nicht anpacken. Und jetzt trifft es uns, die Medien. Und ausgerechnet wir denken, es wird alles gut!" Vor allem bei Tageszeitungen sei es nicht mehr nur eine konjunkturelle, sondern auch eine strukturelle Krise, weil junge Leute sich vor allem im Internet über aktuelle Nachrichten informieren. Es werde auch in Deutschland wie derzeit in den USA eine "dicke Konsolidierung" und sogar Pleiten geben. So hat etwa der Kölner Verlag DuMont Schauberg nach der "Frankfurter Rundschau" jetzt auch die "Berliner Zeitung" und die "Hamburger Morgenpost" geschluckt. Für Magazine ist Klusmann optimistischer, denn sie bieten exklusive Geschichten, Hintergrund und Lesevergnügen. Künftig firmiert der FTD-Chef schließlich auch als Chefredakteur von "Capital", denn dieser Titel wird ebenso wie "Impulse" und "Börse Online" mit der FTD in Hamburg zusammengelegt, über 100 Stellen fallen in Köln und München weg. Geht denn das, Tageszeitung, Magazine und Internet-Auftritte aus einer Hand?, wurde Klusmann gestern im "Club Hamburger Wirtschaftsjournalisten" gefragt. Ja, sagt er natürlich, gute Magazinleute würden es sogar begrüßen, auch mal was tagesaktuelles zu schreiben. Und Tageszeitungen könnten ohnehin nur überleben, wenn sie wie "FTD" oder "Süddeutsche" im Magazinstil die Geschichte hinter der Nachricht bringen. Und damit komme ich zu uns. Denn bei uns werden die Fachtitel fvw, TravelTalk und BizTravel sowie die dazugehörige Online-Sites seit langem aus einer Redaktion bedient. Und ehrlich gesagt macht es auch mir Spaß, neben großen Interviews und Hintergrundartikeln tagesaktuell für fvw.de zu schreiben (und dazu auch noch zu bloggen) und mich mit den Kollegen von TravelTalk und BizTravel auszutauschen. Erfunden haben wir das Modell nicht, Vorreiter in Deutschland war die "Welt", die neben der Tageszeitung die "Berliner Morgenpost", die "Welt am Sonntag" und mehrere Portale aus einer Redaktion steuert. Natürlich hat das auch immer was mit Kosten und Synergien zu tun, aber auch mit Kompetenz. So gibt es laut Klusmann etwa bei "Capital" oder "Börse Online" Journalisten, die mehr von einzelnen Unternehmen und Branchen oder von Geldanlage verstehen als die FTD'ler. Nun könne das Wissen ausgetauscht werden – für bessere Geschichten in allen ihrer Medien. Sie merken's schon: Natürlich sehe ich mich durch diese Philosophie der FTD-Mutter Gruner + Jahr bestätigt. G+J-Chef Bernd Buchholz sagte auf einem Fachkongress sogar, die großen Verlage könnten von den Fachverlagen lernen. Das ist etwa so, als ob der FC Bayern Energie Cottbus loben würde (wobei wir Mittelständler dann Cottbus sind). Buchholz meinte, wir Spezialisten hätten es besser geschafft, über eigene Events und auch online Communities aufzubauen. Altdeutsch würde man sagen, wir haben die treueren Leser und sind besser in unserer Zielgruppe verankert. Gewiss, die Medien- und Konjunkturkrise geht auch an uns nicht spurlos vorbei. Aber nach einer Studie des Instituts Projekt M sind Fachzeitschriften gerade für Reisebüros das wichtigste Informationsmedium, noch vor allen Infos von Veranstaltern, Leistungsträgern oder Zielgebieten. Da bin ich dann doch zuversichtlich, dass die Fachmedien in Touristik und Business Travel eine gute Perspektive haben – ob gedruckt, online oder bei unseren eigenen Events. Oder hätten Sie von mir ein anderes Fazit erwartet?

Kommentare

von barthel.eu, 21.01.09, 15:22
Also für mich ist der Mix der FVW praktisch einzigartig. Tagesaktuelle News per e-Mail mit Link auf die Website wenn's mich interessiert... Meist ist was dabei, was mich animiert die Links anzuklicken! Dazu die Printausgabe - immer wieder finde ich was, was ich in der täglichen News überlesen oder ganz anders interpretiert habe. Dazu in der Printausgabe, Themen, die so gar nicht in eine tägliche News passen. Der "neueste" Streich ist ja wohl das Blog, das mir einen direkten Austausch auf Meinungsebene mit Euch, den FVW-Machern ermöglicht! Ich bin sehr gespannt wie's weitergeht. Langweilig sicher nicht!

von Jörg Lenz - AUSTRALIEN-INFO.DE, 21.01.09, 17:13
Ein sehr lesenswerter Blog-Beitrag, der hoffentlich noch von etwas mehr Nutzern gelesen wird. Die große Chance von Fachmedien wie der fvw (und nicht nur der Zeitschrift sondern gerade auch in stark zunehmendem Masse des Online-Dienstes oder den Schwesterpublikationen) liegt in der Funktion als kompetenter, meinungsfreudiger Lotse in der Informationsflut, der mehr tut als nur als „Durchlauferhitzer“ von PR-Mitteilungen zu sein oder ein pseudo-redaktionelles Umfeld für ein Anzeigensammelsurium zu bieten. Insbesondere in der Tourismusbranche wissen viele noch nicht so richtig zu selektieren welche Informationen aus welcher Quelle auch welche Verlässlichkeit haben. Es ist nun mal so dass Airlines, Fremdenverkehrsämter oder auch Reiseveranstalter jeweils immer nur akzentuiert kommunizieren. Das liegt in der Natur der Sache. Die Aufgabe des Journalisten ist es diese Infohäppchen, sein Wissen und seine Perspektive auf die "Marktmitspieler" und das Interesse seiner Leserschaft zu verbinden. Es macht Spass die fvw oder Travel Talk zu lesen, aber der Hauptgrund ist es mit Nachrichten versorgt zu werden die die eigene Arbeit leichter und effizienter machen. Information und somit „News to Use“ darf durchaus auch etwas kosten, ja sie muss es sogar wenn man nicht nur berichte lesen möchte in denen es von versteckter Werbung nur so wimmelt. Nur Medien mit einer gewissen Glaubwürdigkeit können in stürmischen Zeiten verlässliche Orientierung liefern und Impulse setzen (wie beispielsweise bei der Kampagne 2006, die Reisebüros motivieren sollte online präsent zu sein). Der fvw und Ihrem Team und Ihren Schwesterpublikationen ist dies bis dato immer wieder gelungen und ich wünsche es ihr schon im eigenen Interesse dass sie ihre diese Lotsenfunktion für die Branche im Allgemeinen weiter ausübt - ganz so wie wir dies für den Nischenmarkt der Australien-Reisenden und diejenigen, die Ihnen diese Reisen verkaufen seit 1997 tun. Freundliche Grüße aus Allmersbach im Tal aus dem Schwäbischen

von Sylvie, 21.01.09, 17:18
Ich glaube auch, dass wir in der Touristik in Zukunft unsere Fachzeitschrifen dringend brauchen. Klar, wir werden im Reisebüro von den Veranstaltern und Leistungsträgern mit Infos zugeballert. Aber die wollen doch immer nur das eine: Wir sollen genau die eine Marke stärker verkaufen. Aber eine Tageszeitung brauche ich persönlich nicht mehr: Ich muss nicht heute in der Zeitung lesen, dass Obama neuer Präsident ist - da sind Spiegel.de oder Bild.de viel schneller und bringen viel mehr.

von Oliver, 22.01.09, 09:46
Die Verlage haben das große Problem, dass sie wegbrechende Anzeigenerlöse nicht im Internet auffangen können. Da helfen kein "Online first" (die Webstrategie der Axel Springer AG) und keine gemeinsamen Newsrooms. Sie sind eher kontraproduktiv, da auf Klickzahlen und Reichweite ausgelegt und damit die Gratiskultur im Internet unterstützend. Paid Content (wie ja auch bei der FVW praktiziert, wenn man auf einen Artikel klickt) wurde nur von wenigen Anbietern erprobt, zu groß war die kostenlose Konkurrenz im Web. Eine Refinanzierung über Online-Werbung - zumindest eine schwarze Null - gelingt bei den hohen Kosten, die eine qualifizierte (Online-)Redaktion verursacht, den wenigsten. Der Online-Werbemarkt nähert sich der Stagnation (aktuelle Internet World pro). Für andere kreative Geschäftsmodelle ist das Online-Business den traditionsreichen deutschen Zeitungshäusern einfach zu fremd. Die Verlagsgruppe Holtzbrink beispielsweise hat mit studivz eine der wirtschaftlich interessantesten Webseiten überhaupt. Laut IVW ist das VZ-Netzwerk das reichweitenstärkste deutsche Online-Angebot. Es gelingt Holtzbrink aber nicht, dieses enorme Potenzial zu monetarisieren. VZ machte im vergangenen Jahr 10 Mio. Euro Verlust. Schließlich ist die Nutzung komplett kostenfrei, während andere Communities (die keinem Verlag gehören) wie XING über ein Premium-Modell Erlöse generieren.

von Wolfgang Hoffmann, 22.01.09, 11:25
wer stellt denn die Frage, ob man etwas anderes als Fazit erwartet hätte? Stellt ein Journalist sie, oder jemand, der sich Sorgen um seinen Arbeitsplatz macht? Vielleicht sogar der Verleger, der den ständigen Spagat zwischen den Interessen üben muss. Wenn Letzteres, dann empfinde ich tiefes Mitleid! Als es nämlich noch Friede, Freude, Eierkuchen zwischen Vertrieb und Veranstaltern gegeben hat - relativ - da war es den Reisebüros egal, ob die fvw VA orientiert war, da wurde auch schon mal wohlwollend registriert, dass es eigentlich null Nutzen haben muss, wenn sich ein VA über eine ganze Seite 4c bei denen in Erinnerung ruft, die ganz genau wissen, dass es ihn gibt. Diese Alimentierung einer Fachzeitschrift für Reisebüros führt mitunter dazu, dass eine Fachzeitschrift aufgeben muss. Ich wünsche der fvw für 2009 alles, alles Gute!

von Klaus, 23.01.09, 09:21
Lieber Herr Hoffmann, zwei Anmerkungen zur Ihrem Kommentar: Erstens ist die fvw nicht veranstalterorientiert. Vor einiger Zeit sagte der Chef eines großen Veranstalters zu mir: Herr Hildebrandt, warum vertritt die fvw eigentlich immer nur vehement die Interessen der Reisebüros? Das ist eben immer eine Frage des Standorts. Und genauso wie über die Herren Böttcher, Fankhauser, Euling, Verhuven, Gunz etc berichten wir über das Tun der Herren Bösl, Molina, Osken oder auch der Damen Bachor und Aust (und über die Onliner, die im wesentlichen ja auch Vertrieb sind). Genauso wie wir eine Serie über Spezialisten-Veranstalter haben stellen wir in der Reihe "Top-Seller" auch gute Reisebüros vor (und mit der Serie Travel Management by... auch Travel Manager). Zweitens: Anzeigen in der fvw sind keine Alimentierung. Unsere Anzeigenkunden (ob VA, Airlines, Hotels oder IT-Firmen) geben uns keine Anzeigen, weil wir so nette Leute sind und der Chefredakteur so schöne blaue Augen hat, sondern buchen bei uns, weil wir ihnen eine klar definierte und belegbare (Auflagenzahlen, Leseranalysen etc) Medialeistung bieten und sie ihre Produkte an unsere Zielgruppe (zwei Drittel unserer Abnonnenten sind Reisebüros und Veranstalter) kommunizieren wollen. Die Zeiten, als Anzeigen automatisch reinkamen und einfach so verteilt wurden, sind in den Medien seit vielen Jahren vorbei! Aber natürlich freuen wir uns über Anzeigen - denn ohne Anzeigen gäbe es in Deutschland außer dem gebührenfinanzierten Rundfunk keine Medien!

von Wolfgang Hoffmann, 27.01.09, 14:18
Juchuh! Ich liebe es, wenn sich jemand auf den Schlips getreten fühlt, obwohl ich gar nicht getreten habe ;-) Nix-für-ungut, aber mir erschließt sich immer noch nicht, wieso der Kosten/Nutzen einer Anzeige sich lediglich an der Leseranalyse festmachen lassen soll. Korrigieren Sie mich, aber wir im aktiven Verkauf sind höchst unzufrieden, wenn die Besuchsfrequenz in unseren Ladenklokalen messbar hoch ist, aber wir stellen keine Buchungen fest. Das ist doch der Grund, warum es Direktmarketing der Hersteller selbst gibt. Direkt, dich dran am Kunden mit der Möglichkeit, alle Zwischenstationen zu umgehen und konkrete Angebote nicht nur direkt zu transportieren, sondern direkt auch das Geschäft ablaufen zu lassen. Und, da gebe ich Ihnen jetzt aber wirklich recht, da sitzen wir, die Fachzeitschriften der Reisebüros und die Reisebüros selbst in ein und demselben Boot - und (wert)schöpfen gemeinsam!

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