Marktplätze

Das Ende der Online-Flug-Buchung?

Jetzt haben wir es schwarz auf weiß: Die Online-Flugbuchung allein ist nicht gut genug. Auf der Suche nach dem besten Flugticket bedarf es der persönlichen Beratung. Diese Aussage kommt nicht etwa von Reisebüros, sondern von einem neuen Onine-Portal. Ganz schön schräg oder die nackte Wahrheit?

von Dirk Rogl, 26.06.2013, 09:01 Uhr

Die Franzosen waren schon immer gut für Revolutionen. Hier kommt wieder eine, oder zumindest deren verbale Ankündigung. Die Macher der Flugportals Darjeelin.com haben in diesen Tagen ihre deutsche Seite eröffnet und kommen mit starken Sprüchen. "Der Ticketvertrieb hat zu schnell den Verkauf vor Ort mit persönlicher Beratung zugunsten der Online-Suchmaschinen den Rücken gekehrt", sagt Gründer Hugo Bailey. Der Alogrithmus einer Suchtechnik werde niemals so leistungsfähig sein wie ein Experte aus Fleisch und Blut.

Würden Bailey und sein Kompanion Charles Guilhamon also ein neues klassisches Online-Reisebüro oder ein Metasearch-Preisvergleichssystem in den Wettbewerb schicken – und das geschieht derzeit nahezu täglich - so könnten sie gemäß ihren eigenen Angaben den Laden wohl gleich wieder dicht machen. Wie gut, dass das Duo eine aus ihrer Sicht neue Marktnische ausgemacht haben. "Crowdsourcing im Ticketvertrieb" nennen sie es. Was dann kommt, ist in etwa das, was die Branche seit 1999 mit der Etablierung des Reserve-Auction-Prinzips von Priceline immer wieder gesehen hat. Ein Kunde nennt den Preis für eine bestimmte Flugverbindung, den er bereit ist zu zahlen. Anbieter versuchen diesen Preis zu erreichen oder gar zu toppen. Priceline hat damit seine ersten Erfolge gefeiert, doch die Liste der Gescheiterten ist lang. Wir erinnern nur mal an Tallyman, Ihrpreis.de und an ein paar andere, denen wir vor drei Jahren einen eigenen E-Blog gewidmet haben.

Nun also versucht es Darjeelin.com. In Nuancen ist das System ein anderes. Das Portal arbeitet nicht entweder mit Airlines oder Reisebüros zusammen, sondern mit "Flight Hackern". Das können sowohl professionelle Reiseverkäufer sein, oder eben auch freiberufliche Flugexperten. Wer für den User in den Weiten des World Wide Webs oder eben auch im GDS-Profitool eine günstigere Flugverbindung recherchiert, bekommt 18 Euro Provision. Weitere sechs Euro gehen an Darjeelin.com. Zu zahlen hat diese 24 Euro der User, allerdings nur im Erfolgsfall.

Es bleibt spannend zu sehen, wie häufig dieser Erfolgsfall eintritt. Wie häufig kann persönliche Intelligenz bessere Fluganbebote ermittleln, als die hochgerüsteten Flug Booking Engines der großen Flugportale und die Preisvergleichssysteme von Swoodoo, Idealo, Billigflieger.de & Co? Auch sie verstehen sich inzwischen bestens auf Grid Pricing (sprich die Kombination unterschiedlicher Airlines für Hin- und Rückflüge), auf Gabelflüge und zunehmend auf die Integration von Billigfliegern.

Eine Schwachstelle ist immer wieder Ryanair, die mit aller Macht aus den Preisvergleichssystemen drängt und dennoch dort immer wieder versucht wird abzubilden. Ein anderer Punkt sind Spezialtarife etwa für Studenten oder ethnische Gruppen, die längt nicht in allen Internet Booking Engines abbildbar sind. Gleiches gilt für globale Rundreisepässe und für die wenigen nicht via GDS buchbarer Regionalcarrier. Und dann gibt es noch ein paar recht einfache Tariftricks, die tatsächlich jeder gute Reisebüro-Mitarbeiter kennt, die aber in der Inter-Technik nicht stringent abgebildet werden können. Das populärste Beispiel ist die Kombination zweier günstiger Return-Tickets, von denen jeweils nur ein Hinflug abgeflogen wird. Dass dies bei Kurzreisen ohne Wochenende im Zielgebiet häufig eine günstige Alternative ist, gehört zum Grundwissen jedes guten Reiseverkäufers.

Um in den Genuß solher Angebote zu kommen, gibt es allerdings auch eine nicht ganz so revolutionär klingende Idee wie das "Crowdsourcing über Flight Hacker": ein Anruf oder optional auch der persönliche Besuch im Reisebüro des Vertrauens. Das ist dann übrigens auch beim Service-Entgelt durchaus konkurrenzfähig gegenüber Darjeelin.com und seiner Vermittlungs-Fee von 24 Euro. Bei der Antwortzeit sowieso. Bei Darjeelin.de dauert es 24 Stunden, bis die Flight Hacker das optimale Angebot ermittelt haben. Was glauben Sie, haben Marktplatzmodelle wie Darjeelin.de eine Zukunft?

Kommentare

von Jürgen Barthel, 26.06.13, 12:16
Als einer, der Flugbuchung per Internet mit Amadeus erstmalig umgesetzt hat, erlaube ich mir den Hinweis auf den ITB Technologiekongress, wo ich schon vor nun bald 15 Jahren darauf hingewiesen hatte, dass Internet toll ist, wenn man einfache Oneway- oder Return-Tarife sucht, bei komplexen Reisen diese Komplexität die (programmierte) Internetintelligenz der Flugbuchungssysteme überfordert. Dieser Meinung bin ich auch heute noch. Eine Reise nach Asien. Ich möchte/muss drei bestimmte Tage nach Singapur, will einen flexibel planbaren Abstecher nach Hong Kong machen und dann die Gelegenheit nutzen, zwei Wochen zum Tauchen in Bali anzuhängen, evtl. auch Cebu. Oh, gut, ich kenne da ein gutes Büro, die sich auf sowas spezialisiert haben... Aber schon USA mit Stop in zwei verschiedenen Städten überfordert viele Systeme. Oder was ich gerade mache. <24h Aufenthalt "en route", also ohne Tarifbruch in USA auf dem Weg nach Kanada... Oder "Cross Tickets". Kann man machen, aber nur, wenn man weiss wie - Otto Normalverbraucher ist da überfordert. Für das Reisebüro Alltag.

von klaus hansen, 27.06.13, 11:33
Also das mit den 2 Returntickets funktioniert schon lange nicht mehr. Sobald das die Airline mitbekommt, wird die Differenz zum teuren OW Flug nachbelastet. ;)

von Urs Angst, 27.06.13, 16:57
Vom Modell wie es Darjeelin praktiziert hatte ich vor einigen Monaten schon auf Mashable Travel gelesen. Die vorgestellte Anbieter-Site dort war die Folgende: https://flightfox.com/ . Sicher ein spannender Ansatz, vor allem für komplizierte Itineraries. Für solche fragt man auch lieber einen Expertenpool an als nur ein, zwei Reisebüros.

von heut mal anonym, 27.06.13, 17:15
@klaus Hansen: Bei meinen Kunden bislang kein Problem, wenn Du nur den first lag abfliegst. Dass das gegen die Transportbedingungen der meisen Carrier verstößt, steht natürlich außer Frage... ;-)

von Walter Bracun, 28.11.13, 10:29
Hier gibt’s einen Beitrag, was mann/frau so alles bei der Online-Buchung beachten sollte: http://indien-und-afrika-reisen.com/achtung-kostenfalle-flugpreise-tipps-und-hinweise/

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