Management

Mehr Muße wagen

Terminhetze, Dienstreisen-Stress, immer online – brauchen Touristiker eine Entschleunigung? Der Reisegipfel in Hamburg regte zum Nachdenken an.

von Klaus Hildebrandt, 27.05.2014, 08:47 Uhr

Der für die Reiseversicherung zuständige Hanse-Merkur-Vorstand Andreas Gent hat eine Veranstaltung der anderen Art etabliert. Statt um Zukunftstrategien oder die Sorgen der Versicherungsbranche geht es um nachdenkliche Themen. Diesmal redete der ehemalige Benedektinermönch und Prior des Kloster Andechs, Anselm Bilgri, über "Mehr Muße wagen". Gerade der Ethos der Benedektiner ("bete und arbeite") hat die Gesellschaft geprägt. "Unser Selbstwergefühl beziehen wir im wesentlichen aus der Arbeit", so Bilgri. "Time is money" gelte unverändert.

Doch es gehe nicht nur darum, Zeit immer effizienter zu nutzen, zumal auch die Freizeit oft komplett verplant sei. Müßigkeit sei nicht aller Laster Anfang, sondern gerade gestresste und eng von außen durchgetaktete Manager müssten lernen, wieder die Hoheit über ihre Zeit zurückzugewinnen. "Muße ist eine innere Haltung, jeder braucht eine eigene Zeit für sich", warb der Theologe für Entschleunigung. Denn sonst könne man die "Fülle des Lebens" überhaupt nicht wahrnehmen. Wer nur durchs Berufsleben rase, sei nicht die bessere Führungkraft. Stattdessen müsse man sich eine "heitere Gelassenheit" bewahren.

Aber geht das wirklich so einfach mit der Entschleunigung?, fragten sich die Touristiker anschließend (und auch wir Journalisten arbeiten ja nicht gerade in der Ruhezone). Und beim anschließenden Rundgang durch das Museumsdorf Volksdorf checkte dann jeder erstmal wieder seine Mails. Das ist auch okay. Aber mir geht es mittlerweile auch so, dass ich des Social-Media-Gewitters leicht überdrüssig werde und ganz gezielt einmal am Tag bei Facebook und Twitter reinschaue. Einen wichtigen Punkt brachte in der Diskussion auf dem Reisegipfel Phoenix-Chef Hans Zurnieden ein: Er finde das Gerede von der Work-Life-Balance falsch. Es gehe doch darum, dass auch die Arbeit Spaß und Erfüllung bereite und nicht dieser Gegensatz zur angeblich nur freudigen Freizeit betont werde. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine "heitere Gelassenheit" für den Rest der Woche!

Kommentare

von Walter Krombach, 27.05.14, 09:49
Hans Zurnieden hat recht. Es mag Branchen geben, in denen Mitarbeiter auf eine Work-Live-Balance achten sollten. In der Touristik sollte das eigentlich nur auf emotionslose Nur-Shareholder-Value-Orientierte (Seiteneinsteiger) zutreffen. Für echte Touristiker sollte die Tourismusbranche die Erfüllung der Work-Live-Balance schlechthin bedeuten. So sehe ich das für mich jedenfalls.

von Carsten Wolf, 27.05.14, 10:37
Erfolg ist auch ohne dauerhaften Stress möglich - gutes Management ist auch in einer 40 Stunden-Woche bei genuß des privaten Lebens denkbar. Klar - Touristik macht Spaß und idealerweise macht Arbeit Spaß als der Teil des Lebens, der die meiste Zeit einnimmt. Nur kommen mir die besten Ideen für die Weiterentwicklung, die Zukunft, wenn ich entspannt und ohne Stress bin - sicherlich nicht nur mir. Auch meine Mitarbeiter arbeiten dann am besten. Stress ist kein Beweis für Leistung

von Jürgen Barthel, 27.05.14, 15:46
Es geht nicht um den Einzelnen von uns der sich aus Überzeugung "reinhängt", sondern darum zu verstehen und dies zu ermöglichen, dass nicht jeder derart lebt. Es sei an den toten Banker in London erinnert, dessen Tod öffentlich machte, unter welchem Druck diese Leute stehen. Das hat keiner gewollt. Wie immer hinterher. Den Mitarbeitern eine "Arbeits-Lebens-Balance" zu ermöglichen sollte Chefsache sein. Wenn der/die Chef/in aber von Mitarbeitern erwartet, dass die das "selbstverständlich" so wie er/sie sehen und sich 24/7 "reinhängen", dann knallt das. Und obwohl "Familie" einen hohen Stellenwert haben soll und auch "Doppelverdiener" Normalität in deutschen Haushalten sind, wird bei entsprechend flexibler Arbeitszeitnotwendigkeit oft gemauert. Nachdenken finde ich gut. Und sich mal bewusst machen, dass Mitarbeiter evtl. andere Prioritäten haben. Sonst verursacht man Stress.

von Dirk Bender, 27.05.14, 16:42
Ist es nicht vielleicht so, dass "Mehr Muße wagen" gar nichts mit "Work-Life-Balance" zu tun hat? Für mich bedeutet "Mehr Muße wagen" sich einfach mal in die Sonne setzen und nichts tun. Den Gedanken hinterher hängen, sich treiben lassen, eben "den lieben Gott 'nen guten Mann sein lassen". Weit weg von Arbeit - aber eben auch weit weg von Freizeit. Denn auch diese ist ja bei vielen von uns generalstabsmäßig verplant. Wie sehen denn die Wochenenden aus? Da ist die Familie, das Hobby, da ist der Garten, das Haus, der Hund... und zu den Schwiegereltern müssen wir auch mal wieder. Nicht umsonst gibt es den vielbeschworenen "Freizeitstress". Hier sollten wir ansetzen. Vielleicht meint "Mehr Muße wagen" nur, dass wir ab und zu versuchen sollten, die Zeit ein wenig anzuhalten. Hier und da - jeder für sich.

von Rolf Römer, 27.05.14, 21:00
Einfach den Stecker ziehen, sich in den Garten auf die Liege legen, den Rasen wachsen hören und NICHTS tun. Das hilft.

von Skeptiker, 28.05.14, 19:59
Kommentator Bender deutete es schon an: Es gibt solchen und solchen "Stress", das Wort wird aber meist negativ konnotiert. Stress macht sich ja auch der ambitionierte Hobbysportler, die engagierte ehrenamtlich Tätige, und von Freud und Leid durch die eigenen Kinder brauche ist gar nicht anzufangen. Ich glaube, es ist die (gefühlte) Fremdbestimmung, die einen fertig macht, nicht die Arbeitsmenge oder der Druck an sich, jedenfalls nicht in erster Linie. Und nur dann macht der Begriff "Work-Life-Balance" für einen selbst überhaupt Sinn, andernfalls hat man das Problem doch gar nicht. Aber dann und wann auch mal nur eine Stunde lang Ferien zu machen und dem Fluss bei Fließen oder dem Mond beim Scheinen zuzuschauen: Das kann man gewiss allen empfehlen!

von Sabine Neumann, 29.05.14, 17:46
Wow…, lieben Dank Klaus, dass Du das Thema auf den fvw-Blog gehoben hast. Und ein großes Dankeschön an Hanse-Merkur-Vorstand Andreas Gent, der Pater Anselm Bilgri zum Tourismusgipfel in die Hansestadt einlud. Das mögen einige mutig, andere überflüssig finden, das Ziel des Benediktiners ist aufgegangen. Diejenigen, die zugehört und vielleicht nicht ununterbrochen aufs Smartphone geschaut oder simultan getwittert haben, denken nach. Einige hier auf dem Blog teilen sogar ihre Gedanken – spontan zum Selbstverständnis und zum Ausprobieren. Vielen Dank! Ich denke, es hilft uns allen, die wir im und mit dem Tourismus arbeiten, mal nichts über Kennzahlen und Marktpräsenz, über Suchmaschinenoptimierung und EU-Reiserichtlinie zu hören, sondern das Angebot zu bekommen, sich auf eine Reise zu sich selbst zu machen. Nicht oberflächlich wie beim Netzwerk-Small Talk, sondern zum unteren Drittel des Eisbergs. Der ruht unter der Wasseroberfläche – übertragen im Unbewussten, da, wo es persönlich wird und sich jeder bewusst hindenken muss. Für manchen kann das eine weite, für andere eine lange Reise werden. Einige berichten, dass sie steinig war, andere fühlten sich, als kämen sie zu Freunden nach Haus. Wieder andere kehren gestärkt und aufgeräumt zurück. Ein Großteil wird zu Wiederholern, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Schlechte Erfahrungen hat – soweit mir bekannt ist – noch niemand gemacht. Die Reklamationsquote tendiert gen null. Die Reiseerlebnisse werden fast automatisch in den Alltag übernommen. Wie aufgeräumt und klar kann Kommunikation sein, wenn sie aktiv und achtsam stattfindet? Wie gut kann sich Potential entfalten, wenn Chefs und Vorgesetzte loslassen und Zutrauen in Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geben können! Wie bereichernd und im Ergebnis erfolgreich kann Teamarbeit sein, wenn jede und jeder gesehen und in seinen Stärken und Schwächen akzeptiert wird! Ich kann nicht einschätzen, ob Andreas Gent für seine Idee im Vorfeld viel Überzeugungsarbeit leisten musste, ob es ihm ein persönliches Anliegen war oder ob er vielleicht bewusst einen salutogenesischen Impuls setzen wollte – einen, mit dem sich in der Branche laut Spezialveranstalter wie FIT Reisen Geld verdienen lässt : „weg von Krankheit“ hin zu Gesundheitsfürsorge, ganzheitlich betrachtet. Noch fahren viele Manager und Stressgeplagte in den Kurz- oder Erschöpfungs-Urlaub, um Muße zu wagen. Da kann auf der Wiese liegen und nichts tun ein Programmpunkt sein. Einer, der quasi und oft teuer gekauft wurde, um das Entspannen wieder zu lernen. Wie oft Mails gecheckt, auf dem Tablet gepostet und Bilder an Freunde verschickt werden, hängt vermutlich von der eigenen Entscheidung, dem Zugang und kostenfreiem W-Lan und nicht zuletzt von Anbietern ab, die – so verraten es unzählige Pressemeldungen - auf Social Media und Web 2.0 setzen. Sie erhöhen ihre Präsenz dort, in dem sie u.a. Urlauber casten und auf den Hessen-Trail wandern oder ans Great Barrier Rief reisen lassen mit dem Auftrag, ihre Eindrücke und Erlebnisse permanent zu posten. Da ist Stress in den Marketingorganisationen und Unternehmen hausgemacht vorprogrammiert. Es muss ständig kontrolliert werden, was die Test-Gäste und andere schreiben. Wieviele „Like’s“ und Follower sie generieren. Und wir wissen mit Sicherheit seit dem letzten VIR-„Klassentreffen“ auf der ITB Berlin, dass deutsche Gäste gern schreiben, vor allem in Bewertungsportalen. Das macht Stress! Als einer der Vorreiter hat sich Oberstaufen mal selbst verpflichtet, innerhalb von 24 Stunden zu antworten, im Schwarzwald arbeiten sie in drei Schichten. Klaus, merkst Du, worauf ich hinaus will? Es wäre doch ein großer Gewinn in Sachen Entschleunigung, wenn Andreas Gent einigen als Türöffner in das Reisebüro von Pater Bilgri dankbar in Erinnerung bliebe. Für die, die an Himmelfahrt und Pfingsten Zeit und Lust haben, gedanklich auf Reisen zu gehen, hätte ich zwei Reise-Empfehlungen, die mich angesprochen haben. Nicht vom Titel verwirren lassen! • Marshall B. Rosenberg – Konflikte lösen durch Gewaltfreie Kommunikation, ein Gespräch mit Gabriele Seils • Ulrike Scheuermann – Wenn morgen mein letzter Tag wär – So finden Sie heraus, was im Leben wirklich zählt Viele Grüße Sabine Neumann, Redaktionsbüro Schwartz, Berlin

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