Management

Der ehrbare Kaufmann in der Touristik

Wie ehrbar muss ein Manager handeln? Wie beschädigen einzelne Verfehlungen ganze Branchen? Und wird unter dem Schlagwort Compliance ein bürokratisches Monster geschaffen?

von Klaus Hildebrandt, 17.05.2013, 09:15 Uhr

Beim "Hanse Merkur Reisegipfel", zu dem die Reiseversicherung am Donnerstag Geschäftspartner ins Hamburger Planetarium eingeladen hatte, ging es um Grundsätzliches. Denn Vorstand Andreas Gent will dieses Kundentreffen nutzen, um über den Horizont des täglichen Reise- und Versicherungsgeschäfts hinauszublicken. Deshalb hatte er den bekannten Wirtschaftsethiker Josef Wieland aus Konstanz eingeladen. Der Professor, der internationale Firmen berät und auch in London lehrt, schilderte anschaulich, wie sich das Leitbild des "ehrbaren Kaufmanns" wandelt, berichtete von Skandalen wie dem Schmiergeld-Verfahren bei Siemens, der Ergo-Reise nach Budapest und einstürzenden Textilfabriken in Billiglohnländern, die das Image von Firmen und ganzen Branchen tief in Mitleidenschaft ziehen.

Auch wenn es meistens immer nur Einzelfälle seien, das Image der Wirtschaft und speziell von einigen Branchen wie Banken oder Pharma sei schlecht. Das kann angesichts schrumpfender Bewerberzahlen ein Problem werden, meinte der Ökonom. Da in einer globalen Welt ethische Fragen immer wichtiger würden, müsse dies auch zur BWL-Ausbildung an den Hochschulen gehören, forderte er. Es gehe hier nicht um Themen für "Weicheier", sondern um Fragen, die für Unternehmen existenzbedrohend sein können.

Auch in der Touristik sind diese Themen elementar. Man denke nur an die Ermittlungen gegen Unister oder die von Tourismuspolitiker Klaus Brähmig ausgelöste Debatte, wie es die Veranstalter eigentlich mit Geschäften in diktatorisch regierten Ländern halten. In Hamburg wurde ebenfalls lebhaft diskutiert: Wie verhalte ich mich als Manager in einem Land, in dem Schmiergeldzahlungen üblich sind? Schaffen die USA es, über ihre strikten Regulierungen nicht nur Schweizer Banken in die Knie zu zwingen, sondern den globalen Verhaltenmaßstab vorzugeben? Welche Verantwortung hat ein Reisebüro, wenn männliche Kunden in eindeutiger Absicht eine Reise in ein Zielgebiet buchen, in dem Prostitution, teilweise sogar von Kindern, an der Tagesordnung ist?

Viele Firmen haben inzwischen strikte Vorschriften erlassen, Konzerne beschäftigen Compliance-Manager. Doch das hat eine Kehrseite: Einige Mitarbeiter, gerade von angelsächsischen Firmen, beschleicht angesichts der strikten Verhaltensregeln das Gefühl, ständig fast mit einem Bein im Gefängnis zu stehen. Und ist eine Einladung zu einem Fußball-Spiel schon eine Bestechung und muss, wie bei Touristikkonzernen teilweise üblich, von der obersten Geschäftsführung abgezeichnet werden, oder doch nur eine gute Gelegenheit, um abseits des Spiels Geschäftskontakte zu pflegen?

Endgültige Antworten gab es in Hamburg nicht. Prof. Wieland empfiehlt, das Thema in jeder Firma zu diskutieren, glaubwürdige Leitsätze zu verabschieden und vorzuleben und als Unternehmen zu kommunizieren, was man tut, um seiner ethischen, sozialen und umweltpolitischen Verantwortung nachzukommen. Beim Abendessen diskutierten die Touristiker weiter – mich würde aber auch Ihre Meinung interessieren. Denn die Reisebranche steht mit ihrem weltweiten und schillerndem Geschäft schließlich in ganz besonderem Maße im Blickpunkt.

Kommentare

von Rainer Nuyken, 17.05.13, 12:45
Tue Gutes und rede darüber - so missverstehen viele Manager ihre soziale Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Im Verborgenen handelt man dann aber nicht immer ethisch korrekt. Ein Beispiel? Warum müssen Flugpassagiere angesichts eindeutiger Verordnungen und Gesetze, die inzwischen unzählige Gerichte immer wieder einmütig bestätigt haben, vor Gericht ziehen, um die Ausgleichszahlungen für Verspätungen und Flugausfälle zu bekommen? Die Antwort ist ganz einfach: weil die Streitwerte so gering sind, dass letztinstanzlich ein Amts- oder Landgericht urteilt und solche Urteil nur im konkreten Einzelfall gelten. Für eine allgemein richtungsweisende OLG- oder BGH-Entscheidung sind die Streitwerte zu gering. Und da höchsten jeder 10. klagt rechnet sich das am Ende für die Airlines. Geltendes Recht wird hier also bewusst ignoriert. Ist das ethisch korrekt? Ähnliches lässt sich zwischen Veranstaltern und Reisebüros beobachten, wenn es um Streitigkeiten über die Provision geht, z.B. wenn eine Reise abgesagt wurde oder der Kunde wegen einer Flugzeitenänderung storniert. Ein besonderes "Geschäckle" bekommt diese Frage schließlich, wenn auf Veranstalterinitiative im DRV diskutiert wurde, ob Rechtsauskünfte, die ein Reisebüro bei der DRV-Rechtsabteilung einholt, zugleich auch dem betreffenden Veranstalter zugestellt werden soll, sofern der ebenfalls DRV-Mitglied ist. Wenn man weiß, dass viele Reisebüros die DRV-Rechtsabteilung nutzen, weil sie kein Geld für teure Anwälte haben, wird klar, dass ihnen damit der kostengünstige Weg zu einer vertraulichen Rechtsauskunft verwehrt würde. Oder wenn im DRV diskutiert wird, dass aus dem DRV-Prozesskostenfond keine Grundsatzverfahren unterstützt werden sollen, die ein Mitglied gegen ein anderes anstrengt, z.B. zur verbindlichen Klärung unterschiedlicher Auslegungen des Handelsvertreterrechts. Ist das ethisch vertretbar? Für eine Diskussion der ethischen Grundsätze im Machtspiel zwischen "Groß und Klein" müssen wir also nicht nach Bangladesch schauen, uns über Korruption und die bösen Banken ereifern - bleiben wir doch ganz einfach in unserer Branche.

von Uwe Herrmann, 17.05.13, 13:10
Herr Rainer Nuyken hat völlig recht mit seinem Kommentar. Durch die Einstellung des DRV, wie im letzten Satz des 2. Absatzes, in dem es um Klärung eines Falles zwischen 2 DRV-Mitgliedern (1 Reisebüro und dem größten RV) geht, hätte ich vor 26 Jahren fast meine Existenz verloren. Der DRV hatte einfach ab- lehnt, überhaupt zu vermitteln. Ich bin daraufhin aus dem DRV ausgetreten. Uwe Herrmann

von Jürgen Barthel, 17.05.13, 14:34
Ethik. Was ist eigentlich "ethisch"? Meine Frau ist Russin. Für sie sind Bestechungen in Russland schlicht "Normalität". Prostitution? Das älteste Gewerbe der Welt. Sexindustrie nach der Kirche die wohl größte Industrie überhaupt. Kinder sind ein anderes Thema, aber noch im Mittelalter war eine Hochzeit mit 12 oder 13 auch in Deutschland gar nicht so unüblich. Nun bestimmt die Gesellschaft die Moral. Was politisch und wirtschaftlich in Deutschland abgeht bezeichnet man häufig als "Gier", eigentlich im Christlichen Glauben eine Todsünde. Wobei mit Verhütung das Thema Ehe und Ehebruch eine andere Wertigkeit bekommen hat - dennoch habe ich geheiratet und nicht vor, mich jemals scheiden zu lassen: "Bis dass der Tod Euch scheidet". Nachdem ich vor einigen Jahren Regressfälle bei Amadeus im Flugbereich bearbeitet habe, verstehe ich, dass Airlines erstmal alles mit einem freundlichen "Sorry", manchmal mit einer kleinen "Anerkennung" zurückweisen. Das spart schlicht viel Geld. Deshalb muss es nicht gleich vor Gericht gehen. Aber man sollte eben auch abschätzen können, wann Ansprüche "rechtens" sind. MICH ärgert es immer wieder, wenn Richter nicht Recht sprechen dürfen! Weil es zwar "offensichtlich" Unrecht war, aber es eine Gesetzeslücke gibt. Diese Denkweise fordert doch geradezu dazu heraus, diese zu suchen und für sich selbst zu nutzen. Ein falscher Anreiz. Und wenn unsere Regierung als Vorbild die Antikorruptionsregeln der UN willentlich nicht umsetzen... Schönes Vorbild :-( Am Ende des Tages möchte ich in den Spiegel sehen und der Kerl, der mir da entgegenblickt sollte ein netter Kerl sein, mit dem Leute gern mal ein Bier trinken wollen. Das hat mit Vertrauen zu tun. Und mit Glaubwürdigkeit.

von Skeptiker, 17.05.13, 18:23
Also, das im Blogpost beschworene "Leitbild des ehrbaren Kaufmanns" würde sich doch auch dann nicht ändern, wenn es nur noch schwarze Schafe gäbe!! Was sich allerdings in der Tat ändert, ist das Ansehen der real existierenden Kaufleute, Firmen usw. Hier werden aber zwei verschiedene Dinge diskutiert: Einerseits das vielfach fragwürdige Verhalten von Marktteilnehmern gegenüber Wettbewerbern und Kunden vor allem dort, wo die Rechtslage zu fragwürdigem Verhalten geradezu ermuntert. Und andererseits um "Compliance", diesen seltsamen angelsächsischen Import, wo es um straf-, handels- und zollrechtliche Dinge usw. geht, vereinfacht gesagt: Um die Sachverhalte, bei denen die Vorstände persönlich in Haftung genommen werden können (und auch schon genommen wurden). Das ist bei simplem, auch systematischem Kundenveräppeln, Markenmissbrauch usw. ja nicht der Fall. Die Strafbarkeit indes erklärt die ganzen "Compliance Officers", Antikorruptionsbeauftragten, Ethikberater und wie die alle heißen. Dafür sind Ressourcen da. Erinnert sich jemand an den Begriff "kriminelle Energie"? Dass man Energie aufwenden und sich anstrengen muss, um Gesetze zu brechen und es eher einfach, naheliegend und dem gesunden Menschenverstand entsprechend ist, legal zu bleiben? Ich weiß, romantische Schwärmerei. Aber dass man ganze "Compliance"-Abteilungen beschäftigen muss, um gesetztestreu zu bleiben und garantiert keine Regeln zu übersehen, ist doch wohl schon als Hinweis auf eine groteske Überregulierung zu werten, oder? Und eine mächtige Heuchelei ist es außerdem.

von Siegfried Manzel, 20.05.13, 12:57
Der ehrbare Kaufmann ist aus meiner Sicht immer der hanseatische Kaufmann, der auf Basis eines partnerschaftlichen Verhältnisses zu Kunden und Lieferanten integer seine Geschäfte macht. Er muß nicht bei jedem Auftrag reich werden - Leben und leben lassen. Der kleine Betrug gehört nicht dazu - diese Grenze zu überschreiten ist moralisch verwerflich und lehnt sich an den Kant´schen Imperativ an. Oder wie Epikur (alter Grieche) schon schrieb: Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug. Leseempfehlungen: Skidelsky: Wie viel ist genug? Jeremy Rifkin: Kritik der reinen Unvernunft

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