Mallorca

Mallorca ist nicht Somalia

Das Zitat des Tages stammt von Frank-Walter Steinmeier: „Mallorca ist nicht Somalia und nicht der Gazastreifen." Das stimmt. Trotzdem müssen die Mallorquiner etwas tun.

von Klaus Hildebrandt, 11.08.2009, 12:31 Uhr

„Ich sehe nicht die Notwendigkeit zu einer Reisewarnung, die die Bevölkerung vom Besuch Mallorcas abhält", sagte der Außenminister am Dienstag. Da hat der Kanzlerkandidat mehr als Recht. Eine Reisewarnung wäre angesichts der Dimension der erneuten Anschläge – glücklicherweise wurde am Sonntag niemand verletzt – völlig unangebracht und würde ein Storno-Chaos mitten in der Hauptreisezeit produzieren. Im übrigen hätte eine Warnung des Auswärtigen Amts genau den Effekt, den die ETA-Bombenlegen erzielen wollen, nämlich die Tourismuswirtschaft zu schädigen. Glücklicherweise lassen sich die deutschen Urlauber bislang kaum beirren. Bei den Hotlines der großen Veranstalter gab es zwar gestern eine Reihe von Anrufen, aber angesichts von tausenden von Urlaubern pro Tag in der Hauptsaison sind selbst einige hundert Telefonate wenig. Die deutlichsten Worte zum Anschlag fand König Juan Carlos, der von "Verbrechern und Mördern" sprach. Merkwürdig ruhig sind dagegegen die Tourismusverantwortlichen auf Mallorca. In den vergangenen Jahren liefen die Marketingaktivitäten in Richtung Reisevertrieb eher auf Sparflamme – das Geschäft lieft schlicht von alleine. Und oftmals waren die Mallorquiner sogar Krisengewinnler, wenn in Ägypten oder der Türkei Anschläge die Touristen verschreckten. Jetzt müsssen die Mallorquiner den Spagat schaffen. Einerseits keine zusätzliche Panik verbreiten, andererseits informieren. Für Urlauber gibt es eine Service-Hotline (0800 -180 66 80) und für die Medien wurde eine auf Krisenkommunikation spezialisierte Unternehmensberatung angeheuert. Auf Dauer reicht es nicht, nur zu reagieren. Mallorca ist ein Klassiker und bietet wegen ihrer Vielfalt und guten Erreichbarkeit unschätzbare Vorteile. Aber nun ist die touristische Vorzeige-Insel in der rauen Wirklichkeit angekommen, der Sicherheitsnimbus des gefühlten deutschen Bundeslands erst einmal weg. Die Insel muss sich künftig wie jedes ganz normale Urlaubsziel wieder bei den Vertriebspartnern profilieren.

Kommentare

von Herbert, 11.08.09, 13:14
In (fast) allen Berichten äußert sich die Branche optimistisch, dass es nicht zu Stornierungen gekommen und daher keine Auswirkungen zu spüren seien. Eine gestern im HR-Fernsehen gezeigte Umfrage in Reisebüros und an den Last-Minute-Schaltern des Frankfurter Flughafens ergab jedoch auf konkrete Nachfrage, dass es z. B. gestern zu Null Mallorca-Buchungen gekommen sei und potenzielle Mallorca-Interessenten sich für andereZiele entschieden haben. Ich fürchte, dass dieser Schaden für Mallorca angesichts des anhaltenden Kurzfrist-Buchungsbooms noch garnicht absehbar ist. Genugtuender Jubel ist daher überhaupt nicht angebracht, sondern wirkt ziemlich aufgesetzt. Die Branche sollte sich "Mallorca - jetzt erst recht" Kampagnen einfallen lassen, wenn die Mallorca-Saison nicht doch noch zum Desaster werden soll. Dann hätten die ETA-Gangster Ihr Ziel erreicht - nachhaltig!

von Sylvie, 11.08.09, 14:23
Herbert hat Recht. Klar, dass die Urlauber ihre Reise antreten, will doch keiner hohe Stornogebühren bezahlen. Aber in unserem Reisebüro gibt es gerade ältere Kunden, die immer gerne im Frühjahr und im Herbst nach Mallorca fahren, weil denen Ägypten und auch die Türkei irgendwie zu unsicher sind. Das Verkaufsargument Sicherheit ist jetzt für Mallorca erstmal weg.

von Norbert Schmitz, 11.08.09, 16:50
Ich glaube, dass die Bunderegierung hier vor der Tourismusindustrie einknickt. Mehrere Bombenanschläge in wenigen Wochen sind Grund genug eine Reisewahrnung auszusprechen. Falls in Zukunft dann doch ein Urlauber verletzt oder getötet wird, kommen mit Sicherheit und zu Recht heftige Vorwürfen gegen die Verantwortlichen. Norbert Schmitz

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