Low Cost Carrier

Unschlagbarer Kostenvorteil

Dass Ryanair-Boss Michael O'Leary etwas von Raubtier-Kapitalismus versteht, hat er schon mehrfach bewiesen. Was früher die üppigen Marketing-Zuschüsse abgelegener Provinzflughäfen waren, könnte heute der Kostenvorteil beim Personal werden.

von Lutz Schmidt, 27.05.2015, 14:05 Uhr

Seit einigen Jahren beklagen sich die gewerkschaftlich organisierten Flugzeugführer darüber, dass die Billigflieger das erreichte Tarifgefüge ins Wanken bringen. Das Überleben großer europäischer Fluggesellschaften wie der Lufthansa hängt mittlerweile von der Höhe der Personalkosten und der Last ihrer Betriebsrenten ab. In den USA wären die großen Mega-Carrier schon längst Pleite gegangen, hätten sie sich nicht unter den Schutzschirm vom Chapter Eleven des US-Insolvenzrechts flüchten können, um dort einen Großteil ihrerer Schulden loszuwerden.

Die Ursache dafür? Ganz einfach: Junge Airlines mit einer unschlagbar niedrigen Kostenstruktur erobern die Märkte. Was einst Southwest Airlines aus Dallas allen vorgemacht hat, funktioniert natürlich nicht nur in den USA, sondern auch in Europa. Ryanair und Easyjet, aber auch Norwegian, Vueling, Wizz Air und andere machen es ebenso. Sie jagen den renommierten Fluggesellschaften die kürzeren und mittleren Strecken ab. Dagegen ist kein Kraut gewachsen. Vor allem nicht wenn die eigene Kostenstruktur nicht einmal ansatzweise in die Nähe des niedrigen Niveaus von Ryanair kommt.

So funktioniert nun einmal der Markt, denkt sich der Verbraucher, der billiger fliegen kann. Doch ganz so einfach ist die Geschichte nicht, wie das aktuelle Beispiel der Geschäftspraktiken von Ryanair zeigt. Da entledigt sich Europas größter Billigflieger mal eben der Abgaben für Kranken- und Sozialversicherung, zahlt kein Urlaubs- und Krankengeld, versichert seine Piloten nicht gegen Berufsunfähigkeit und gewährt auch keinerlei Betriebsrente. Wer das alles sparen kann, der verschafft sich einen gewaltigen Vorteil. Doch: Das ist zumindest in Deutschland rechtswidrig.

Wie schön, dass nun ein deutsches Arbeitsgericht klärt, ob das Beschäftigungskonstrukt der Ryanair für einen Großteil ihrer deutschen Piloten den Tatbestand der Scheinselbstständigkeit erfüllt. Trifft dies nämlich zu, so ist es mindestens für Deutschland nicht länger anwendbar. Der Wettbewerb wird an dieser Stelle wieder ein Stück weit in den Rahmen der sozialen Marktwirtschaft zurück geholt. Sozialversicherungsbetrug und Steuerhinterziehung sind schließlich keine Bagatelldelikte, die hierzulande so einfach toleriert würden.

Eine Studie der belgischen Universität Gent, die von der Europäischen Kommission in Auftrag gegeben worden ist, ermittelte jüngst, dass den kreativen Beschäftigungsmodellen von Ryanair bereits weitere Billigflieger gefolgt sind. Auch wenn es für den Normalverdiener merkwürdig klingen mag, dass ausgerechnet hochgebildete Piloten in rechtlose Beschäftigungsverhältnisse gedrängt werden, die wir sonst nur von privaten Kurierdiensten oder der Deutschen Post kennen. Doch die Zeiten der Pilotenschwemme haben die Billigflieger offenbar geschickt genutzt, um an dieser einstmals hochbezahlten Berufsgruppe massiv zu sparen.

Immerhin hat sich Ryanair zwischenzeitlich offiziell zu den Vorwürfen geäußert. Demnach arbeiten zwei Drittel der Piloten direkt beim irischen Billigflieger und werden lediglich ein Drittel über sogenannte Contractors eingesetzt. Und von denen erwarte man, dass sie alle rechtlichen Vorgaben erfüllen würden. Und im Übrigen sei der Report der Universität Gent "total rubbish", da die Daten der Universität auf einer anonymen Internet-Recherche beruhten. Übrigens: Nach Ansicht von Ryanair nutzen auch Fluggesellschaften wie Lufthansa, Easyjet, Norwegian, Emirates oder Etihad Contract Pilots ganz genauso wie Ryanair. Fragt sich nur, ob die auch die gleichen kreativen Agenturen nutzen und womögliche Scheinselbstständigkeiten billigend in Kauf nehmen.

Kommentare

von Robert, 29.05.15, 19:42
Machen tun es alle. Nur erwischen lassen darf man sich nicht! ( Dies gilt übrigends in allen Branchen.)

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