Low Cost Carrier

Protzen mit Pseudo-Verkehrszahlen

Was Ryanair und Easyjet als Verkehrszahlen präsentieren, spottet jeder Beschreibung. Dies dient offenbar nur einem Zweck: Eine Vergleichbarkeit mit korrekten Werten anderer Fluggesellschaften soll es nicht geben.

von Lutz Schmidt, 08.04.2015, 15:16 Uhr

Von dem irischen Billigflieger mit dem marktschreierischen und Publicity-süchtigen CEO war man früher ja nichts anderes gewohnt. Wenn Michael O'Leary etwas zu erzählen hatte, dann war er sich für keine Grimasse zu schade und ihm kein Superlativ zu billig. Doch seit dem eingeleiteten Wandel von der Ultra Low Cost Airline zur überaus günstigen Full Service Airline war man versucht, etwas anderes zu erwarten. Und von einem börsennotierten Unternehmen sind wir sowieso etwas anderes gewohnt. Veröffentlichte Zahlen sollten stimmen, nicht das noch irgendein Aktionär auf die Idee kommt, bei fallenden Kursen eine Klage einzureichen. Von fallenden Kursen und kleinen Gewinnen blieb Ryanair seit etlichen Jahren verschont. Daran muss es wohl auch liegen, dass die monatliche Meldung der Verkehrszahlen nach wie vor eine Märchenstunde ist. Für den März meldet Ryanair beispielsweise 6,67 Mio. "Customers". Verglichen mit dem entsprechenden Vorjahresmonat sei das ein gigantischer Zuwachs von 28 Prozent. Kann das stimmen? Natürlich nicht. Denn Ryanair liefert weder für den März 2014 noch für den März 2015 echte Passagierzahlen. Eingerechnet werden beispielsweise "theoretische Passagiere", die zwar ein Ticket gekauft hatten, aber dann – aus welchem Grund auch immer – nicht zum Flug erschienen sind. Mitgezählt werden selbstverständlich auch Mitarbeiter von Ryanair, die sich für Dienstreisen des eigenen Arbeitgebers bedienen.

Doch was ist eigentlich so verwerflich an solchen "Pseudo-Verkehrszahlen"? Nun gut, Easyjet ist zugegebenermaßen auch kein Waisenknabe, wenn es um kreative Passagierzahlen geht. Dort werden bezahlte Tickets ebenso wie echte Passagiere registriert und auch zu Werbezwecken verschenkte Tickets zählen bei den veröffentlichten Verkehrswerten einfach mit. So kann es dann auch nicht verwundern, dass vom britischen Billigflieger regelmäßig Auslastungsraten oberhalb von 90 Prozent gemeldet werden – wohlgemerkt für Kurz- und Mittelstreckenflüge. Immerhin führt Easyjet in seinen Fußnoten auf: "Nicht gewichtet wurde die Auslastung zum Messen der Auswirkung unterschiedlicher Flugstrecken." Doch genau so etwas machen alle anderen Fluggesellschaften, die ihren sogenannten Sitzladefaktor berechnen, der immerhin einen Anhaltspunkt für die mögliche Ertragslage einer Airline liefern.

Jetzt könnte man sagen, dass es doch vollkommen schnuppe sei, welche Verkehrszahlen Ryanair und Easyjet Monat für Monat heraus posaunen. Sie verdienen doch schließlich in jedem Geschäftsjahr reichlich Geld und zumeist viel mehr als andere Wettbewerber. Ja, das stimmt. Allerdings verfolgen beide Billigflieger mit ihren horrend hohen "Passagierzahlen" einen Zweck: Sie wollen eine Größe vorgaukeln, die sie tatsächlich nicht haben. Und noch viel wichtiger: Sie wollen nicht zu viel preis geben. Sollen doch Airlines wie Norwegian oder Air Berlin sich derart in die Karten schauen lassen. Für Ryanair und Easyjet gibt es einfach keine zuverlässigen Sitzladefaktoren, sondern Pseudo-Verkehrszahlen, die allenfalls Näherungswerte sein dürften. Das sollte man zumindest wissen, wenn man wieder einmal Passagierzahlen von Europas größten Billigfliegern mit denen anderer Airlines vergleicht. Ich tue das künftig jedenfalls nicht mehr.

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