Lobbyismus

Steuer-Aufstand in der Touristik

Heute ist nicht nur Karnevalsbeginn: Aus allen Rohren feuert die Reisebranche heute gegen Luftverkehrs- , Flussschiff-, Bettensteuern und andere jecke Erfindungen.

von Klaus Hildebrandt, 11.11.2011, 13:17 Uhr

Air-Berlin-CEO Hartmut Mehdorn, aus seiner Zeit als Bahnchef nicht eben für leise Töne bekannt, fordert heute massiv, die Luftverkehrssteuer nicht erst 2012 zu überprüfen, sondern sofort abzuschaffen. Von der Programmvorstellung im fernen Thailand kritisiert TUI-Deutschland-Chef Volker Böttcher auch die Luftverkehrssteuer und ebenso die drohende Erhöhung der Mehrwertsteuer für Flusskreuzfahrten von sieben auf 19 Prozent: „Dieser Schritt verwundert umso mehr, da für Hotels gerade erst die Mehrwertsteuer gesenkt wurde.“

In den Chor der Steuerkritiker schließlich stimmt auch Tourismus-Staatssekretär Ernst Burgbacher ein, der die geplante City Tax in Berlin zum Anlass nimmt, die mittlerweile in vielen deutschen Städten beschlossenen Bettensteuern als "Abzocke" und "Wegelagerei" zu brandmarken.

Der Dreiklang ist zwar Zufall. Aber der Druck kann gar nicht groß genug werden. Während die Finanzbranche und die Weltwirtschaft schon wieder ins Taumeln geraten, ist die Reisebranche derzeit ein stabiler Wirtschaftszweig, der weiter Arbeitsplätze schafft und nach jüngsten Studien des World Travel & Tourism Council und der UNWTO auch 2012 noch kräftig wachsen wird. Wenn nicht jetzt, wann dann muss diese Branche lautstark nach Entlastungen rufen?

Sonntagsreden über die schöne Welt des Reisens helfen nicht weiter. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit dem stellvertretenden ägyptischen Tourimusminister Hisham Zazou neulich in Berlin am Rande des BTW-Gipfels. Während die Politiker auf der Bühne lobten, welchen großen Beitrag die deutsche Touristik leisten könne, um Ägypten und Tunesien wirtschaftlich auf die Beine zu helfen, sagte er zu mir: "Wir sind nicht Griechenland, wir wollen nicht euer Geld. Uns würde es schon reichen, wenn die Luftverkehrssteuer für Ägypten abgeschafft würde." Dem ist nichts mehr hinzufügen, oder?

Kommentare

von Andreas Schulte, 11.11.11, 14:34
Wes Brot ich ess - des Lied ich sing ist es nicht interessant, wie sich uralte Redenswendungen auch in heutiger Zeit immer wieder bewahrheiten ? Als Herr Mehrdorn noch den Vornamen Bahnchef trug, hat er häufiger die steuerliche Ungleichbehandlung von Bahn- und Lufttransport thematisiert. Heute heißt er wieder Hartmut, singt für die AirBerlin, wettert gegen eine vermeintliche Wettbewerbsverzerrung durch die Flugsteuer und hat offensichtlich die Wettbewerbsverzerrung durch die Steuerfreiheit des Luftverkehrs gegenüber der Bahn vergessen. That's Life.

von barthel.eu, 11.11.11, 21:38
Die Frage beantwortend: Wenn die Politiker Regelungen auslaufen lassen würden, die Gesetze und Vorschriften entschlacken würden, wäre dies die lang versprochene Entbürokratisierung. Wenn dazu aber noch die Neuschulden 2012 die von 2011 wieder übersteigen, ist von "Sparwillen" nix zu sehen - und wie die Opposition sagt: Wer den Griechen Sparkurs aufzwingt, aber als Finanzminister wieder neue Schulden anhäuft, verliert seine Glaubwürdigkeit... Und was ich von den ständig neuen Steuerideen (Belastungen) der Tourismusindustrie durch die deutsche Politik halte habe ich an anderer Stelle (bspw. BTW-Blog) schon geäußert!

von claudia mades, 13.11.11, 20:46
Dieser blog gefällt mir sehr, denn es ist wichtig, dass die Touristik-Branche, als starke Einheit und eben wie erwähnt "als stabiler Wirtschaftszweig, der weiter Arbeitsplätze schafft", wahrgenommen wird! Es kann nicht angehen, dass andere Branchen ununterbrochen subventioniert werden, während wir Touristiker mit den aberwitzigsten Steuern drangsaliert und blockiert werden.

von Horst, 15.11.11, 13:17
Naja, "gerade erst" wurde die Mwst. bei Hotels nicht gesenkt, dass ist schon eine Weile her (und war und ist ebenfalls total unverständlich). Stabiler Wirtschaftszweig - seit wann ist das touristische Geschäft stabil? Nordafrika, Vulkanausbrüche, Streiks etc. behindern ein krisensicheres business. Und Arbeitsplätze werden aktuell bei TUI und TC nicht geschaffen, eher das Gegenteil... Too big to fail - das kann kein Touristikunternehmen von sich behaupten... Vielleicht nicht schön, ist aber so. Also Mund abwischen und weiter geht's...

von ostsee-villa.de, 17.11.11, 16:39
Oh - es gibt viele Branchen, die weitaus stabiler und nicht so saisonabhängig sind als der Tourismus! Aber generell ist es schon so, dass die Belastungen durch Steuern, Gebühren und Bürokratie hoch sind - nicht nur für Betriebe aus dem touristischen Bereich. Von daher ist es immer notwendig, dass man der Politik Druck macht. Gruss aus dem Ostseebad Schönhagen von Andreas

von Markus Luthe, 18.11.11, 09:57
Nun also auch noch in Berlin eine City Tax, die entgegen der Ankündigung des Regierenden ("Wir wollen, dass Berlin reicher wird, aber sexy bleibt."), die Stadt lediglich ärmer und leerer machen wird. Den Paragraphen-Exzessen der Matratzen-Mauten scheinen keine Grenzen mehr gesetzt zu sein: Besteuerung nach Prozentsätzen oder Festbeträgen, pro Zimmer oder pro Person, je Übernachtung oder möglicher Übernachtung, nach Alter der Gäste, für Hotels oder Kreuzfahrtschiffe, je Zahlungsbereitschaft oder Bedürftigkeit, pro Hotelstern oder für fehlende Sterne, je Unterbringungsart, je Durchschnittspreis, je Reiseanlass, … Alles jetzt schon Wirklichkeit im deutschen Steuerrecht – allen verfassungsrechtlichen Bedenken und anhängiger Gerichtsverfahren zum Trotz und Hohn. Und wenn Gemeinwesen wie Köln oder Bremen ihre Bettensteuer vorsätzlich auch noch besonders hotelfeindlich ausgestalten, dann wird auf die Bettensteuer auf den Übernachtungspreis zuzüglich Mehrwertsteuer auch noch einmal Mehrwertsteuer plus Kommissionszahlung zuzüglich Mehrwertsteuer für das städtische Buchungsportal oben drauf geschlagen. Diese kommunalen "Traumsteuern" sind nur eines: Albtraumsteuern.

von Robert, 22.11.11, 17:15
Thomas Cook James Hollins nannte die erneuten Probleme schockierend. "Die Frage ist berechtigt, ob Thomas Cook langfristig überlebensfähig ist und/oder ob die Aktien überhaupt noch einen Wert haben" Klingt gar nicht gut, war aber bei realistischer Betrachtung zu erwarten.

0
Folgen Sie uns:
Top
© 2018 FVW Medien GmbH, Alle Rechte vorbehalten
Über uns FAQ Impressum AGB Datenschutz Kontakt Mediadaten