Konzerne

Wieviele Ecken und Kanten verträgt die Touristik?

Die Verabschiedung des Urgesteins Günter Geske bei Bucher Reisen wirft Fragen auf: Warum werden so wenige Manager ehrenvoll in den Ruhestand verabschiedet – und wären solche Karrieren heute noch möglich?

von Klaus Hildebrandt, 27.02.2015, 13:06 Uhr

Die große Überraschungsparty für "Günni", wie er überall genannt wird, mit 200 Gästen aus dem Unternehmen und der Reisebranche war ein voller Erfolg. "Sie gehen bestimmt oft auf solche Verabschiedungen", sagte ein Thomas-Cook-Mitarbeiter zu mir. Doch ehrlich gesagt kann ich mich kaum noch erinnern, wann zuletzt ein Reisemanager in so einem Rahmen in den Ruhestand wechselte. Viele Karrieren enden heute, gerade im Top-Management, ganz anders: Mit einer dürren Mitteilung, dass man sich im Rahmen einer Neustrukturierung oder wegen "unüberbrückbarer Differenzen über die künftige Strategie" im "besten gegenseitigen Einvernehmen" getrennt habe.

Diskutiert wurde auf dem Abend auch, ob eine Karriere wie die von Geske heute noch möglich wäre. Wahrscheinlich nicht, lautete die realistische Einschätzung. Dass jemand bei einem Konzern vom Reisebüro-Chef ohne Studium zum Leiter des Vertriebs oder einer wichtigen Veranstaltertochter wie Bucher aufsteigt, sei heute kaum denkbar. "Leute mit solchen Ecken und Kanten wie Günni werden doch heute bei Konzernen gar nicht mehr eingestellt", meinte ein erfahrener Manager. Smarte Umgangsformen, Studium in mehreren Ländern, eloquente Präsentationen und Beratererfahrungen sind heute gefragt. Oder doch nicht? Gibt es nicht gerade auch bei Mittelständlern und Start-ups jede Menge Querdenker, Urgesteine und Bauchtouristiker?

Kommentare

von Wolf Hanke, 27.02.15, 15:31
Ein Hoch auf die Firma die ihrem Mitarbeiter so eine Verabschiedung organisiert, leider ist es wie beschrieben, die Mitarbeiter, auch wenn sie, einem japanischen Arbeitsleben gleich, ihr ganzes Leben einem Konzern gewidmet haben, werden eher still und leise abserviert. Der MA soll sich mit dem Unternehmen identifizieren, bloss umgekehrt sieht das eher mies aus. Unsere Mitarbeiter sind unser grösstes Kapital, wie oft wird dieser Spruch getan ohne auch nur einen Augenblick daran zu denken, das man sein grösstes Kapital entsprechend behandeln sollte. Helmut Schmidt hat vor langer Zeit einmal in einem ZEIT artikel gesagt das man das Wort Synergieeffekt ersatzlos aus dem Sprachschatz der Manager streichen sollte, weil diese Effekte schlussendlich nie so eintreffen wie geplant, die Mitarbeiterentlassungen allerdings so gut wie sicher sind. Gleiches gilt für den Spruch von wegen dem grössten Kapital etc Aber immerhin gibt es Ausnahmen, die Verabschiedung von Herrn Geske war so eine!!

von Dietmar F.K.Jaschinski, 27.02.15, 15:32
Angepaßte 'Blassgesichtige 'sind gefragt- Wenn die Zahlen nicht stimmen, dann kommt der nächste Juppie! Das ist eben der bedauerliche Trent der immanenten Austauschbarkeit. Nur durch Fehler lernt man;die Chance diese zu beheben, wird in der rasanten Zeit leider nicht mehr gegeben. Wer kann dann noch reifen und wachsen?

von Sabine Neumann, 27.02.15, 15:50
Gleiche Gedanken und Fragen stelle ich mir auch - wo bleibt der Faktor Mensch? Welches Gewicht hat er - welches geben wir ihm? Studium und Qualifikationen mögen das Eine sein, machen einen Touristiker noch nicht rund: Die Branche arbeitet von Mensch zu Mensch. In meiner Wahrnehmung arbeiten viele Nachwuchs-Touristiker betriebswirtschaftlich gut, wenig mit Herz und Bauch. Sie erscheinen glatt und könnten morgen woanders weisse Ware verkaufen. Menschen, gerade auch in einer Dienstleistungswelt, werden doch durch Erfahrungen, Reife, Persönlichkeit, Herausforderungen rund. Und entfalten Potential. Im Hinblick auf die soziodemographische Entwicklung würde ich mir wünschen, das die Qualitäten der Älteren wieder Achtung erfahren, dass Persönlichkeit zählt. Erfahrene könnten als Berater/Paten ihre Stärken einbringen.Ich habe einige Köpfe, Charismatiker, Querdenker, Visionäre, Macher und Arbeiter erlebt und in lebendiger Erinnerung. Sie hatten Ecken und Kanten, haben gespalten, mitgerissen, imponiert. Ihr Abgang war plötzlich und lautlos. Danke für Deinen Beitrag, ich hoffe, er regt zum Nachdenken an. Mein jüngstes Beispiel: Andreas Müseler, seit Februar nicht mehr an seinem Schreibtisch bei DER Touristik...

von Egon Dobat, 27.02.15, 16:33
Alles hat seine Zeit. So wurde aus dem Arbeitskreis steinreicher Reisebüroinhaber (asr) die „Arme Schlucker Reiseunternehmen“. Die Platzhirsche im asr wurden LCC oder anderweitig weggekauft. Die damaligen Eigentümer gingen in den Ruhestand oder suchten vermeintlich Schutz in Trutzburgen, d.h. Franchiseunternehmen oder Kooperationen . Sie gaben damit zumeist auch meist ihre Eigenverantwortung an die Zentralen ab. Dickköpfige Unternehmer, wie sie die Gründerzeit brauchte und die glaubten noch alles alleine schultern zu können, standen in der Regel hinsichtlich ihrer Einkaufsfähigkeit bald schutzlos da. Sie gibt es nur noch als Spezialisten. IATA-Büros verloren ihre Chancengleichheit und ihre Unteragenten. Die besseren Konditionen gibt es jetzt beim Consolidator. Und davon gibt es gegenwärtig auch nur noch eine Handvoll. Während früher noch jedes Reisebüro auch spontan Reisen veranstalten konnte, muss es jetzt zuvor bei einer Versicherung Reisepreissicherungsscheine erwerben. Die damit verbundene Bürokratie hat viele gelähmt. Diese Umstände führten dazu, dass es heute in der Reisebranche, wie nahezu in der gesamten Wirtschaft, zunehmend nur noch „ganz groß“ oder „ganz klein“ gibt. „Ganz klein“ kann sich nicht profilieren und funktioniert meist in Selbstausbeutung. „Ganz groß“ sind nicht mehr selbstständige Kaufleute. Ihre Prinzipale sind Konzerne oder Finanzinvestoren. Bei „ganz klein“ ist die Wachstumschance gering. Kaum ein Kleinunternehmer kann sich dort noch profilieren und Aufmerksamkeit erringen. Konzerne hingegen brauchen für ihre Führungsebene kaum noch Personal aus „ganz klein“. „Ganz groß“ braucht Strategen und Kapitalmaximierer – keine selbstbewusste Kleinkaufleute. Es gibt sie noch, die touristischen Urgesteine. Sie führen u.a. Alltours, Phoenix, Studiosus und viele namhafte Reisebüros, oft Familienunternehmen in zweiter Generation. Aber auch diese werden nach und nach den Verlockungen der - internationalen - Finanzinvestoren erliegen. Schade. Wir brauchen eine Trendwende, um eine Aldi-Lidilisierung der Tourismusbranche zu vermeiden. Es gäbe Schalter, die man zum Gegensteuern umlegen könnte. Sie wären einfach zu aktivieren. Beispielsweise Sicherungsscheine, die man bei Bedarf bei seiner Kooperation einzeln kaufen könnte. Oder Fluggesellschaften, die auch kleinen Reisebüros oder –veranstaltern Gruppenoptionen zu konkurrenzfähigen Preisen und Bedingungen anbieten. Oder Hotels, die ebenfalls kleinsten Reiseunternehmen marktfähige Veranstalterkonditionen einräumen. Damit könnte ein spontanes Graswurzelwachstum in der Touristik generiert werden. Hotels und Airlines könnten die Umklammerung der Megaunternehmen für sich lindern. Davor aber haben die Konzerne Angst und setzen mit Lobbyarbeit und Mengenwachstum ihre Einkaufsmacht ein. Wenn sie erst einmal auch Eigentümer der Fluggesellschaften und Hotelketten sind, dann kann sich keine selbständige Touristik mehr entwickeln. Denn: Die Großen fressen die Kleinen. Aber die Kleinsten der Kleinen verschonen keinen. Wenn man sie denn lässt.

von Kerstin Weber, 27.02.15, 20:17
Herr Geske ist eine rheinische Frohnatur, der das sagt, was er denkt und sich somit immer authentisch verhalten hat. Der Reisebürovetrieb ist ein emotionaler Bereich, der zu solchen Persönlichkeiten aufschaut, die zu Ihrem Wort stehen. Machs gut Günni ?? warst ein toller Vertriebscheffe bei TC.

von Dietmar, 02.03.15, 12:03
Es ist kein Wunder, dass es solche Mitarbeiter-Parties nur sehr selten gibt. Gefühlt lautet jede dritte Meldung in der FVW: "Manager X aus der ersten oder aus der zweiten Reihe verlässt nach 18 Monaten das Unternehmen und wechselt zur Konkurrenz." Dort bleiben sie dann richtig lange - vielleicht 24 Monate? Für "Ecken und Kanten" muss man schon 10 oder 20 Jahre im selben Unternehmen was aufbauen und nicht alle paar Monate den Arbeitgeber wechseln.

von Horst, 03.03.15, 14:34
Die Touristik... Verweilt einfach gerne nostalgisch in der Vergangenheit. Streng nach dem Motto: "früher war alles besser". Wenn sich jemand bei TC, Bucher und Neckermann aber fragt, warum jede technologische Entwicklung verpennt, die richtigen strategischen Ansätze im eCommerce versäumt wurden und warum man Branchenfremde (Frau Green) ins Unternehmen holen muss damit der Laden auf Spur gebracht wird - dann schaut mal zurück und fragt euch, wie hilfreich die "Ecken und Kanten" und Personen waren... "...alles Kiffer hier..."

von Dietmar.F.K.Jaschinski, 03.03.15, 19:08
Lieber Horst, was heißt "alles Kiffer"hier für Sie? Sehr unverständlich! Und diskriminierend? Dagegen ist es nachvollziehbar und richtig, wie die deutschen 'TOP-Konzerne einfach die "Booking-Com-Entwicklung" verschlafen haben! Wer ist eigentlich in den Aufsichtsräten und Vorständen dafür veranwortlich? Das ändert doch nichts an den Leistungen wie Hr.Beeser u.a. Das wäre doch einmal intereressant!

von Horst, 04.03.15, 15:25
Das "...alles Kiffer hier..." bezieht sich in keinster Weise auf die Branche oder Personen. Aber Insider wissen es im Kontext des Blogeintrags sicher zuzuordnen...;-)

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