Konzerne

Deutsch-englisches Bilanz-Wirrwarr

Wissen Sie was ein "ungeprüfter, währungsbereinigter Pro-Forma-Verlust" ist? Oder ein "Konzernergebnis nach Minderheitsanteilen Dritter"? Die Halbjahreszahlen von TUI und Thomas Cook sind eine bizarre Lektüre für Bilanz-Freaks.

von Klaus Hildebrandt, 15.05.2008, 12:15 Uhr

TUI Travel machte am Dienstag den Auftakt mit den Halbjahreszahlen. Die Briten stellen in bester First-Choice-Historie den "Underlying Profit" in den Mittelpunkt, so eine Art Betriebsgewinn und berichten in bester britischer Tradition in Pfund. Heute morgen kamen dann die Halbjahreszahlen von Thomas Cook, die in Euro reporten. Deshalb wurden erst einmal die Währungsschwankungen durch das abgewertete Pfund rausgerechnet, fairerweise wird aber die reale Veränderung auch noch genannt. Aber die Töchter lassen die Mütter nicht ruhen. Auch die TUI AG und Arcandor kamen heute mit Quartalszahlen. Aber schon ist die Verwirrung wieder groß. Denn bei der TUI AG läuft das Geschäftsjahr seit Januar, bei TUI Travel schon seit Oktober 2008. Und in deren Touristikzahlen sind, anders als bei TUI Travel, auch die Hotels und Hapag-Lloyd Kreuzfahrten mit drin. In der gesamten AG zudem die Containter-Tochter Hapag-Lloyd. Neben dem operativen Ergebnis (bereinigter Gewinnn vor Steuern, Zinsen und Firmenwertabschreibungen) weist die TUI ein Konzernergebnis aus, das auch die Minderheitsanteile anderer Gesellschafter enthält. Denn an TUI Travel hält die TUI nur 40 Prozent des Kapitals und 51 Prozent der Stimmen. Dieses Konzernergebnis der TUI ist negativ, aber auch wieder durch Sondereffekte beeinflusst, wie den Verkauf eines Haftenterminals im Vorjahresquartal. In den Headlines der Online-Nachrichtenportale wird daraus "TUI mit höherem Verlust". Das ist einerseits richtig, aber andererseits beim unbedarften Leser außerhalb der Branche auch wieder irreführend, denn im Winter machen Touristikunternehmen nun mal wegen der Vorlaufkosten für den Sommer Verlust. Und Arcandor? Die Thomas-Cook-Mutter hat heute auch Quartalszahlen vorgelegt und sonnt sich im Glanz der Tochter. Die Headline lautet: Ergebnissprung um 70 Prozent im zweiten Quartal. Doch erst beim Weiterlesen sieht man, das dies saisonbedingt noch ein Sprung innerhalb roter Zahlen ist. Und wie sich Arcandor nun die 52-Prozent-Tochter Thomas Cook zurechnet, will ich hier gar nicht mehr im Detail aufdröseln. Zumal sich das sowieso gerade wieder ändert: Thomas Cook stellt das Geschäftsjahr auf Ende September um und wird nächstes Jahr in Pfund statt Euro berichten. Fassen wir also zusammen: Pro forma, wertberichtigt und unterschiedliche Konsolidierungszeiträume berücksichtigend läuft das Touristikgeschäft von TUI und Thomas Cook derzeit etwas besser – natürlich abgesehen von Minderheitsanteilen, Währungsveränderungen und Sondereffekten vor Steuern, Zinsen, Goodwill-Abschreibungen und Bilanzkunststücken. Horst Schlämmer würde nach der Lektüre der Zwischenberichte sagen: Nu weisse Bescheid!

Kommentare

von St. Georg, 22.05.08, 17:10
Klaus, ein herrlicher Beitrag! Bitte schreiben Sie mehr von dieser Art!

von Jürgen Barthel, 23.05.08, 16:53
Ich glaube nur den Statistiken, die ich selbst gefälscht habe... Zahlen, die nur noch durch Experten zu interpretieren sind... Dieser (wie üblich hervorragende) Kommentar zeigt mal wieder: Verschleiern, verstecken, beschönigen und interpretieren. Ich frage mich nur, wie lange die Konzerne (aber auch die Politiker) damit durchkommen. Die Bankenkrise hat sensibilisiert. Wir verwenden neuerdings öfters den Begriff "verantwortungslos" - kein Wunder, wenn keiner mehr die Verantwortung trägt.

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