Konsum

Die Wissenschaft hat festgestellt

Ein Hoch auf die Marktforschung: Sie ist immer gut für hübsche Headlines. Und manchmal ist sie auch ein tragfähiges Fundament für strategische Entscheidungen. Leider in dieser Reihenfolge.

von Dirk Rogl, 21.06.2010, 09:19 Uhr

Der Sommerurlaub ist zum Greifen nah. Die Wissenschaft weiß schon jetzt, wohin der Trend geht: Internet günstiger als Reisebüro, Frühbucher besser als Last Minute, Reisebüro besser als Internet, Last Minute beliebter als Frühbucher. Im Prinzip gibt es nichts, was sich über die ach so unumstößliche Repräsentativität erhärten ließe (oder eben auch nicht). Und so sind auch die Highlights des Wochenendes mit Vorsicht zu genießen.

1. Holland und Schweden sind (angeblich) die Reiseweltmeister. Nach Berechnungen des GfK Vereins investieren die Bürger in diesen Ländern am meisten in ihren Urlaub, pro Kopf gerechnet. Wichtig zu wissen sind hier zwei Dinge: 1. Fortschreibende Konsum-Forschungen etwa unter Federführung der WTTC basieren nicht auf einmaligen Umfragen, sondern werden auch mit den Daten der statistischen Ämter abgeglichen. Und 2.: Der GfK Verein ist nicht direkt verlinkt mit der durchaus kompetenten touristischen Marktforschung der GfK, sondern arbeitet als Non-Profit-Organisation und diesmal in Kooperation mit dem Wall Street Journal.

2. Auch im Stau geht es um Verkehr. Ein Geschäftsreise-Newsletter meldet heute, dass 13 Prozent der Deutschen im Stau an Sex denken. Solche Nachrichten funktionieren immer (wie Sie sehen auch bei mir) – oder auch nicht. Nach intensiver Recherche stellte sich heraus, dass das Gebrauchtwagenportal Autoscout24 die prickelnde Nachricht bereits seit Januar versucht unter das Volk zu streuen – bislang ohne größeren Erfolg. Weitaus spannender: Nur 54 Prozent der Deutschen hören demnach im Stau Autoradio. Was bitte macht der Rest, wenn er nicht gerade an das Studienergebnis denkt?

Richtig gute Studien übrigens bleiben zumeist unter Verschluss. L´Tur und Vocatus haben mit so einem Exemplar gerade den Deutschen Marktforschungspreis abgeräumt. Mit Hilfe der Marktforschung ließ der Kurzfristveranstalter berechnen, dass sich auf der eigenen Web-Site ein neutraler Preisvergleich lohnt. Ein Blick in die Studienbeschreibung zeigt, dass L´Tur sich die Entscheidung für seinen "Preisvergleicher" und dem damit verbundenen Link zur Konkurrenz nicht leicht gemacht hat.

Die Studie hält die TUI-Tochter übrigens unter Verschluss. Immerhin mit einer Zahl ködert L´Tur die Konkurrenz. Seit der Preisvergleich auf L´Tur freigeschaltet ist, stieg die Conversion Rate um 70 Prozent. Der Kunde suche ohnehin nach dem besten Angebot, sagte L´Tur-Chef Markus Orth jüngst im fvw-Interview (fvw 4/10, S. 76). Der Preisvergleicher hält also mehr Kunden auf L´Tur.de als dass er sie zur Konkurrenz schickt. Orth wird den Prozentsatz sicher genau kennen. Uns bleibt hingegen nur der Blick in den täglichen Newseingang und auf die nächsten Trendstudien. Auf einige davon freuen wir uns, andere landen lieber angelesen im Papierkorb. Einverstanden?

Kommentare

von Thorsten Lehmann, 21.06.10, 10:31
Die Wissenschaft hat festgestellt, dass die "Hummel" im Verhältnis zu ihrem Gewicht viel zu kurze Flügel hat und gar nicht fliegen kann. Aber die Hummel weiß das nicht und fliegt trotzdem...

von kahunablogger, 21.06.10, 18:59
...und mindestens 79% aller Statistiken sind gefälscht .. (so zumindest laut einer Studie). Aber was macht man nicht alles, um neue Besucher zu akquirieren, egal ob eine Studie doch eher sinnfrei frei ist (qua Fragestellung) oder letztendlich nur das von vorherein gewünschte Ergebnis dabei herauskommt.

von Andreas Schulte, 21.06.10, 22:07
Woher weiß man eigentlich, dass Studien "richtig gut" sind, wenn eben diese Studien unter Verschluß gehalten werden, also eigentlich gar nicht publik sind ?

von R.-G..Ludwig, 22.06.10, 00:12
Hier eine Studie mit Bezug zu Unister und deren "guten Reaktion" (FVW Twitter) bezüglich des Ballack Spots: " TV-Zuschauer haben die Nase voll von Prominenten in der Werbung. . . Viele Unternehmen sind davon überzeugt, dass sich ihre Ware mit einem bekannten Werbegesicht besser unter die Leute bringen lässt. Doch das ist schon lange nicht mehr so, wie Studien zeigen – im Gegenteil: Den meisten Fernsehzuschauern gehen Prominente in der Werbung gewaltig auf den Keks. " Quelle: Frankfurter Neue Presse http://linkshrink.de/13715/ Wenn Promi und Produkt dann noch nicht einmal zusammen passen, wirken die Spots auch noch unglaubwürdig. So ist es für mich nur schwer vorstellbar, dass Verona bei Kick shoppen und Ballack bei Ab-in-den-Urlaub auf "Schnäppchensuche" geht.

von Dirk Rogl, 22.06.10, 08:51
Gute Frage, lieber Herr Schulte. Dass die Studie gut sein dürfte, lässt sich über die veröffentlichte Methodik ableiten, siehe http://www.vocatus.de/pdf/BesteStudie2010_HintergundInfos.pdf. Mehr über den Erfolg der Maßnahmen lesen Sie u. a. im aktuellen fvw-Dossier und fvw 5/10.

von Ralf-Gunnar Ludwig, 23.06.10, 13:32
Schon die alten Chinesen hatten eine Meinung zu diesem Thema: "Willst du etwas wissen, frage Erfahrene, nicht Gelehrte"

von Wolfgang Hoffmann, 23.06.10, 18:23
<<< Schon die alten Chinesen hatten eine Meinung zu diesem Thema: "Willst du etwas wissen, frage Erfahrene, nicht Gelehrte" <<< Ach, Kollege Ludwig, wir geben schon genug preis, lohne dafür belohnt zu werden.

von R.-G..Ludwig, 24.06.10, 23:53
Hallo Herr Hoffmann, es ging hier um den Wert von "wissenschaftlichen" Studien. Das immernoch zu viele Expedienten in all ihrer Freude über ein "gutes" Beratungsgespräch, ganz vergessen, dass sie keinen Untschrift unter einer Reiseanmeldung haben, steht auf einem anderen Blatt. Oder wie war Ihre Aussage zu verstehen? Cheers RGL

von Wolfgang Hoffmann, 25.06.10, 09:47
doch, doch, so ungefähr war das gemeint. Bis darauf, dass so mancher Superexpedient auch immer mehr feststellen muss, dass er wieder mal auf einen Kunden reingefallen ist, der sich umfassend und verlogen schlau gemacht hat und dann da bucht, wo er Rabatte von "kein Reisebüro" bekommt.

von Wolfgang Hoffmann, 25.06.10, 09:56
Hallo Herr Rogl, der Kollege Schulte hat nicht ganz Unrecht. Im früheren Leben durfte ich selber für ein renommiertes Marktforschungsinstitut "Erhebungen" vorbereiten. Nicht nur mit einer Frage, nicht nur mit der Syntax oder den einzelnen Synonymen in der Umfrage, nicht nur mit dem Ablauf der Fragen, sogar damit, zu welcher Tageszeit eine Umfrage läuft, lässt sich das Ergebnis vorprogrammieren, je nach dem, welches in Auftrag gegeben wurde. Es wurden sogar die Interviewer danach ausgewählt, wie das Ergebnis zu manipulieren ist. Und über allem steht die spezielle Situation, die bei einer Umfrage herrscht. Die muss mit dem tatsächlichen Handeln im "Ernstfall", in der realität überhaupt nicht übereinstimmen. Das Misstrauen gegenüber Erhebungen ist nicht etwas diffus Gefühltes, es ist die Einsicht, dass alles und Jeder manipuliert werden kann. Deshalb kann ich mich nie entscheiden, ob ich eine Studie lesen möchte, oder doch lieber ein Comic ;-)

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