Konjunktur

Verwirrung im Notstandsgebiet

Ein kleines Häuflein hochbezahlter Spezialisten hat einer ganzen Branche und mehr als 100.000 Urlaubern das Wochenende vermiest. Hoffen wir, dass es dabei bleibt. Weshalb Spanien immer noch gute Chancen hat.

von Dirk Rogl, 06.12.2010, 09:23 Uhr

Es hätte schlimmer kommen für die spanische Tourismusindustrie in diesem Jahr. Die Gästezahlen ab Deutschland stagnieren. Das ist kein Grund zum Jubeln, aber allemal besser, was rund um die Finanzkrise sonst so von der iberischen Halbinsel zu hören ist: rasant fallende Immobilienpreise, schlingernde Unternehmen insbesondere in der Bau- und Finanzbranche und – das ist die Konsequenz davon – ein spürbar fallendes Lohnniveau.

Was all das mit der Gute-Laune-Branche Tourismus zu tun hat war am Wochenende zu spüren. Ein kleines Häuflein hoch bezahlter Fluglotsen setzte mit einem spontanen Streik den kompletten Flugverkehr in und über Spanien lahm. Mehr als 100.000 gestrandete Urlauber waren betroffen. Schlimmer noch: spätestens als die Regierung am Sonnabend den Notstand erklärte, die Fluglotsen mit Militärgewalt zur Wiederaufnahme ihrer Arbeit bewegte und die Fernsehkameras fortlaufend Bilder von gestrandeten Urlaubern zeigten, war der Image-GAU für den spanischen Tourismus perfekt.

Noch einmal: die iberische Urlaubsindustrie schlägt sich erstaunlich wacker. Doch die volkswirtschaftlichen Vibrationen in Spanien lassen sich offenbar nicht vollends isolieren. Damit ist längst nicht gesagt, dass in der spanischen Finanzwelt bald griechische Verhältnisse einkehren. Ein gutes Argument auch für die Reiseberatung: Aktuell liegt die Staatsverschuldung mit einer Quote von 63 Prozent des Bruttoinlandsprodukts unter der in Deutschland.

Weshalb Spaniens Finanzen dennoch so aus dem Ruder laufen? An den internationalen Finanzmärkten hat Spanien vor allem ein Glaubwürdigkeitsproblem. Weil immer mehr Anleger und Rating-Agenturen böse Überraschungen befürchten, steigen die Zinsen rasant in die Höhe. Auch deshalb ist Gehaltsverzicht geboten. Die hoch bezahlten Fluglotsen haben sich am Wochenende dieser Logik verweigert und ihre eigene böse Überraschung produziert. Bleibt zu hoffen, dass es andere Berufsgruppen ihnen nicht nachtun und die Ärmel hochkrempeln. Dann hat das Land gute Chancen – in der Touristik sowieso, gewiss aber auch an den Finanzmärkten.

Kommentare

von Wolfgang Hoffmann, 06.12.10, 16:10
hätte man ruhig mit dem Thread "Die Rückkehr ins Reisebüro" zusammenlegen können, denn auch diesmal hat sich wieder erwiesen, dass die stationären Reisebüros einfach die Kenne und die richtig dimensionierten Kapazitäten hatten, um ihren Kunden eine bestmögliche Betreuung bei diesem Streik zuteil werden zu lassen. Wir hatten jedenfalls Wochenenddienst, für unsere Kunden einen erfolgreichen!

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