ITB

Urlaubslust-Generator oder Ramschbörse?

Das hat gerade noch gefehlt: Die Messe Berlin erlaubt den Reiseverkauf auf der ITB. Wieso auch sollte sich ausgerechnet der Platzhirsch unter den Reisemessen dem Trend zum Schnäppchen-Marktplatz verschließen. Vielleicht, weil es nicht im Interesse der Aussteller ist? Das war einmal.

von Dirk Rogl, 13.12.2012, 16:56 Uhr

Es war kein Geheimnis, dass die Messe Berlin auf der weltgrößten Reisemesse ITB gern auch Reisen verkaufen möchte. Immer wieder streuten die Messe-Macher in jüngeren Jahren entsprechende Wünsche. Immer wieder ernteten sie heftigen Protest der Branche. Wieso bitte soll eine trotz boomender Publikumstage klar auf Fachbesucher ausgerichtete Veranstaltung auf einmal Waren direkt verkaufen? Auf der Cebit in Hannover gibt es schließlich auch keine Computer, auf der Kölner Süßwarenmesse keine Gummibärchen, und auf der ITB...

Eben doch! Jetzt gibt es Reisen. Über 50 Prozent der Aussteller sprächen sich dafür aus, erklärt die Messe Berlin. Diese hat wohl registriert, dass sich nach der jüngsten Willensbekundung von Messe-Chef Martin Buck zum anvisierten Reise-Marktplatz (die fvw berichtete) auf der diesjährigen ITB der Protest aus der Branche im Vergleich zu früheren Jahren in Grenzen hielt. Erst jetzt kommt er, allerdings bezeichnenderweise nicht vom den die Interessen der Reisebüros und Veranstalter vereinenden DRV-Präsidenten Jürgen Büchy sondern "nur" vom Sprecher des Vertriebs, DRV-Vizepräsident Otto Schweisgut.

Schweisgut hat bestechende Argumente, wieso alles beim Alten bleiben sollte. Es drohen aggressive Messerabatte, die schlecht sein können für alle Marktteilnehmer. Und obwohl für für viele Veranstalter und Reisebüros das gesetzlich verbriefte Gebot der Preisgleichheit auf allen Vertriebskanälen gibt, so lassen sich doch fabelhafte ITB-Angebote kreiiren, die zumindest am ITB-Sonntag in keinem stationären Reisebüro dieser Welt erhältlich sind.

Aber das ist gar nicht der Punkt. Die großen Veranstalter haben sich nicht nur aus der Kritik am Messeverkauf zurückgezogen, sondern mehrheitlich auch von der ITB selbst. DIe Marktführer haben längst keine eigenen Stände mehr. Es sind primär die Destinationen, Hotels und Airlines, die mit dem Messe-Geschäft ihre neue Direktkundschaft von einer Buchung über etablierte Kanäle abhalten. Es bleibt die Eingangsfrage: Wieso sollte nicht auch die ITB Reisen verkaufen, wenn es andere Messen längst tun? Ganz einfach. Bislang tat sie es nicht, weil dies bei der gefühlten Mehrheit der Aussteller nicht durchsetzbar war. Doch die Mehrheitsverhältnisse haben sich durch den konsequenten Rückzug vieler Veranstalter geändert. Und dass Destinationen und Leistungsträger ein wachsendes Interesse haben, ihre Produkte auf direktem Wege an den Urlauber zu bringen, ist durchaus bekannt.

Das Zünglein an der Waage in dieser Frage bleiben aber die Veranstalter. Die hätten in Teilen durchaus die Macht, ihren Lieferanten den direkten Verkauf auf der Messe zu untersagen. Oder sie gehen so souverän mit dem Thema um, wie JT-Chefin Jasmin Taylor. Sie gehört zu den wenigen namhaften Veranstaltern mit ITB-Stand und sie überlässt den Publikumsverkauf ausgesuchten Vertrags-Agenturen. Die bekommen Platz am Stand und zugleich Provision. Sechs Mittler dürfen sich bei Jasmin Taylor bewerben.

Und was tun die anderen Reisebüros? Ihre Kunden davon überzeugen, dass fundierte Beratung allemal besser ist, als der Schnäppchen-Trubel in unübersichtlichen 25 Messe-Hallen. Das ist zugeben nicht ganz einfach. Aber eine bessere Selektion des für den jeweiligen Kunden relevanten touristischen Angebots als der orientierungsarme Gang im Gänsemarsch über die ITB während der Publikumstage sollte durchaus möglich sein, oder?

Kommentare

von Roland Fricke, 14.12.12, 11:50
Ich verstehe den Aufruhr nicht. Zeigen uns nicht die täglichen Veränderungen in unserem beruflichen wie privaten Umfeld, dass wir uns immer schneller auf Neues und Ungewohntes einstellen müssen. Ich möchte sogar behaupten, mit dem Siegeszug des Internets wird sich das auch weiter verstärken. Also, warum nicht Reiseverkauf auf der ITB an den Publikumstagen. Wo steht das denn, dass das in einen Schnäppchen- oder Ramschmarkt ausarten wird. Das erscheint mir völlig übertrieben. Sicher ist, es wird einen Wettbewerb geben. Auch wir bei beauty24.de werden uns in der Wellnesshalle 16 auf den Reiseverkauf vorbereiten. Wir sehen das als Herausforderung! Schließlich sind wir als Online-Reiseveranstalter ja gar keinen Publikumskontakt "gewöhnt" - da haben uns die Reisebüros einiges voraus. Ich habe das Gefühl, die sich hier so echauffieren, das sind besonders diejenigen, die man auf der ITB an den Publikumstagen sowieso vergeblich sucht. Da gibt es Hallen mit fast verwaisten Ständen, die ihr Desinteresse am Endkunden damit deutlich zum Ausdruck bringen. Und die sind jetzt gefordert... denn jetzt wird es noch mehr auffallen, wenn am Samstag und Sonntag auf der Messe nur noch die "Notbesetzung" vor Ort ist. Freuen wir uns doch, etwas Neues auszuprobieren! Beste Grüße Roland Fricke Geschäftsführer beauty24.de - Wellness Urlaub

von Jürgen Grieshaber, 14.12.12, 18:11
Eigentlich habe ich die ITB bisher immer als Informations- und Werbeschau verstanden. Die bei den Endkunden Lust aufs Reisen machen und in die Reisebüros zum Buchen führen soll. Wenn jetzt auf der ITB direkt verkauft wird, werden dies die Berliner und Umland-Reisebüros sicherlich sehr stark spüren. Ob das Sinn macht? Vermittlerfreundlich ist es auf jeden Fall nicht !!! Für die Kunden und Aussteller ist es natürlich toll.

von Carsten Wolf, 17.12.12, 16:15
Als Direktveranstalter mit ausschließlichem Eigenvertrieb glaube ich nicht, dass ernsthaft Kunden in größeren Mengen auf der ITB buchen werden - mit professioneller Beratung und Hinwirken darauf, nach der ITB bei uns direkt zu buchen, brachten wir es auf 1300 Beratungen und 0 Buchungsanfragen nach der Messe (Wir führen bis zu 20 Messen pro Jahr durch und haben normalerweise großen Erfolg) - Die ITB ist eine Info- und Gefühlsmesse für Endverbraucher - also kein Grund für Angst der Vermittler.

0
Folgen Sie uns:
Top
© 2018 FVW Medien GmbH, Alle Rechte vorbehalten
Über uns FAQ Impressum AGB Datenschutz Kontakt Mediadaten