iPad

Kakophonie aus Hype und Anti-Hype

Das iPad ist in aller Munde. Experten debattieren über Technik, Größenwahn und Revolutionen. Aspekte der Diskussion könnten auch für die Touristik interessant sein.

von Arndt Aschenbeck, 01.02.2010, 14:20 Uhr

Ok, ich gebe mich geschlagen. Eigentlich wollte ich etwas Intelligentes über Apples neues iPad schreiben. Aber meine Kollegen von der Tages-, Wochen und Computerpresse haben schon so ziemlich alles abgegrast, was es über Steve Jobs' neues Spielzeug zu sagen gibt. Je nachdem, welche Brille der Autor auf hatte, schrieb er entweder darüber, was das neue Teil kann, was es nicht kann. Was es hat, was es nicht hat. Was es gut macht, was andere besser machen. Und immer wieder die Frage: Wer es braucht, wer es nicht braucht, ob man es überhaupt braucht. Natürlich, auch die längst reflexhafte Frage, ob das iPad eine ähnliche Revolution auslösen wird wie iPod und iPhone, durfte nicht fehlen.

Umso erstaunter und gleichzeitig freudig erregt war ich, als ich gestern die FAZ am Sonntag aufschlug. Dort tauchte das iPad im Technik-Teil nur ganz klein auf, dafür umso größer im Geld-Ressort und vor allem im Feuilleton. Keine andere als die Edelfeder Frank Schirrmacher fragt sich in dem Aufmachertext, was denn das iPad für unsere Kommuniktionskultur bedeute: Welch wohltuende Abwechslung in dieser Kakophonie von Hype und Antihype. Ich will hier gar nicht auf die einzelnen Aspekte seines Textes eingehen, sondern Ihnen nur ans Herz legen, den Artikel zu lesen. Man muss nicht Schirrmachers Meinung sein, allein deshalb, weil Prognosen über gesellschaftliche Entwicklungen immer auch einen Hauch von Glaskugel-Leserei haben. Aber wenn er von einer „neuen Aufmerksamkeitsökonomie" schreibt und davon, dass die Hardware das Denken verändert, dann gibt das reichlich Stoff zum Nachdenken.

Was das alles mit Touristik zu tun hat? Bleibt man streng bei den technischen Aspekten, ist zunächst erst einmal zu sagen, dass die Apps des iPhones auch auf dem iPad laufen. Das zweite, was auffällt, ist, dass keine Flash-Elemente gezeigt werden können. Schade für die vielen Urlauber-Amateur-Videos, die man sich auf dem iPad nicht ansehen kann. Allerdings macht Apple eine Ausnahme für Youtube. Alle Filme, die auf Googles Portal eingestellt werden, sind auch auf dem iPad zu sehen.

Viel interessanter ist es aber, über etwas Anderes nachzudenken. Alle Veranstalter streben danach, sich gegenüber ihren Wettbewerbern zu differenzieren. Zurzeit ist das noch schwierig, richtig individuelle Pakete können von den gängigen Buchungsmaschinen bisher nur unzureichend dargestellt werden. Deshalb wird hinter den Kulissen mit Hochdruck an neuen Suchmasken und innovativen Datenformaten gearbeitet. Irgendwann gibt es dann für ein und dasselbe Hotelzimmer vermutlich Dutzende unterschiedliche Pakete: Romantik-, Familien-, Single- oder Best-Ager-Pakete, um nur einige nahe liegende zu nennen.

Folgt man der Logik Schirrmachers, entwickelt sich der gesellschaftliche Trend in genau die entgegengesetzte Richtung. Statt mit immer mehr Paketen die Komplexität zu steigern, scheint es eine Sehnsucht der Menschen nach einer Reduktion von Komplexität zu geben. Die Amerikaner sagen in solchen Fällen: „Don't make me think". Schon vor Jahren haben Konsumentenstudien ergeben, dass bei Regalen mit 96 Produkten einer Kategorie deutlich weniger gekauft wird, als wenn nur 16 Artikel erhältlich sind. Haben Sie eine Idee, wie die Veranstalter aus dieser Zwickmühle heraus kommen? Ist es überhaupt eine? Irrt sich Schirrmacher? Oder ist es vielleicht mit ausgefeilter Suchtechnik möglich, die vom Urlauber wahrgenommene Komplexität zu reduzieren und trotzdem im Hintergrund viele verschiedene Pakete zu schnüren? Was meinen Sie, wohin fährt der Zug?

Und wenn Sie den iPad gerne auch noch mal humorig statt philosophiosch betrachten wollen, empehle ich Ihnen einen Blick hier drauf.

Kommentare

von Michael Hummel, 01.02.10, 16:20
Sie fragen welche Auswirkungen das iPad auf den Tourismus hat. Erst einmal keinen direkten, aber wir können viel davon lernen. Dazu möchte ich zunächst einen Spruch von Albert Einstein zitieren der sowohl auf ipad wie auf touristische Angebote m.E. zutrifft "Die Dinge entwickeln sich vom Primitiven über das Komplexe zum Einfachen". Rechenleistung, Anzeigequalität und Connectivität sind heute bei allen Computeranbietern und -modellen "mehr als gut" und somit kein geeignetes Mittel zur Differenzierung. Apple hat mit seiner i-Serie, iPod, iTunes, iPhone und jetzt iPad einen anderen Weg der Differenzierung eingeschlagen - Simplify your Life! könnte man den Ansatz nennen. Das iPAD ist analog dem iPhone ein auf die einfache Bedienung ausgerichteter Computer - das ist das Erlebnis nach dem wir alle streben - soll einfach funktionieren. Ähnlich sehe ich das bezogen auf touristische Angebote. Erst waren da die Katalogangebote (pre-packaged) die ihren Zweck erfüllt haben. Was wir aktuell sehen ist die Phase der virtuellen bzw. dynamischen Paketierer, des dynamic sourcings, der Automatisierung. Diese Ansätze sind für einige Veranstalter durchaus ein zeitlich befristetes Differenzierungsmittel, langfristig werden aber viele Veranstalter die gleichen Angebote anbieten da sie alle Angebote auf Basis der gleichen Eingangsdaten, sprich Leistungskomponenten, produzieren. Die Suche nach Angeboten ist für Kunden jedoch noch komplexer und verwirrender geworden. Der Kunde sieht inzwischen das gleiche Angebot zum nahezu identischen Preis von vielen verschiedenen Anbietern. Also sollte man sich doch fragen, wie man mit der nächsten Generation touristischer Angebote dem Kunden das Leben leichter machen kann. 1) Das Suchen und Kaufen eines touristischen Angebots muss ganz einfach sein. 2) Das Unboxing (also das Auspacken des touristischen Produkts) muss ein Erlebnis sein. 3) Das Produkt muss jederzeit dem aktuellen Bedürfniss angepasst werden können (das nennt man auch late customization) 4) Marketing für ein Produkt erfolgt durch positive Erlebnisse und Mundpropaganda Vielleicht sollten wir uns beim iPad bzw. bei Apple etwas abschauen. Steve Jobs geht seinen eigenen Weg - er hat eine eigene Pilosophie, seine Überzeugung ist, dass sich gute Produkte durchsetzen. OK, Steve Jobs ist wirklich genial, aber wer denkt das nicht von sich. Übertragen auf die Veranstalter würde dies bedeuten, dass ein Verantalter sich überlegen muss wofür er steht, welche Werte er verkörpert und diesen treu bleibt. Und dann muss er seine Überzeugung auch leben und umsetzen. Kopieren - also z.B. der 4., 5. oder 6. virtuelle Paketierer am Markt zu werden - ist nachweislich keine gute Strategie für langfristigen Erfolg.

von Andreas Schuerrle, 01.02.10, 18:37
Keiner von uns hat das iPad bisher in den Händen gehalten, daher können wir uns nur anhand von Presseberichten und Tweets zusammenreimen, was es können soll und wofür es wohl gut sein mag. Es hat große Aussagekraft über die Pläne Apple's wenn man betrachtet, was das iPad nicht hat, statt nur, was drin sein wird. Es hat keine Kamera, was sicher nicht daran liegt, dass man keine einbauen konnte oder das schlicht vergessen hat. Nein, dazu hat man ja ein iPhone 3G, 4G... Eine klassische Tastatur und viel Speicher bietet es auch nicht, denn dazu soll man ja ein MacBook kaufen. Das iPad wird kein Gerät zum Produzieren von Inhalten sein, sondern einfach nur zum Konsumieren. Man setzt sich gemütlich auf den Sessel, blättert durch die News von fvw.de (sobald man die mal durchblättern kann und nicht immer wieder nach jeder einzelnen Meldung zurück ins Menü muss), schaut Videos an, liest die neusten Tweets... und vor allem: Man liest die bei iBooks erworbenen Bücher. Schon zum vernünftigen Bearbeiten seiner E-Mails jedoch muss man eigentlich an ein richtiges Notebook bzw. einen richtigen PC - aber fällt ja auch schon wieder in den Bereich des Produktiven...

von Michael Hummel, 01.02.10, 19:17
Ich gebe meinem Vorredner recht, ein iPad hat von unser wohl noch keiner in Händen gehalten. Aber wir haben als Apple-Entwicklungspartner schon die ersten Anwendung für das iPad geschrieben und auf dem iPad-Simulator ausprobiert. Dort kann man sehr schön sehen welche neuen "Gestures" das iPad ggü dem iPhone bietet und was man damit machen kann. Und nochmal gebe ich ihm recht, das iPad ist kein Gerät für das Schreiben großer Texte. Aber als mobile Reiseverkaufsplattform kann ich mir das Gerät schon vorstelle... da muss man nicht viel schreiben sondern nur den Buchen-Button drücken können.

von Mathias Hüske, 02.02.10, 11:36
Hallo Dirk, sehr treffend geschrieben ... ich las den gleichen Artikel mit der gleichen Empfindung und empfand ihn ebenfalls als "herausragend". Allerdings hoffe ich doch irgendwie, dass das alles nicht genauso eintrifft... irgendwie wäre mir Job's Fähigkeit zur Auslösung solch tiefgreifender Veränderungen doch unheimlich.... und mich stört explizit diese ganze Verschlossenheit und Monopol auf Zugang. Dass aber die Komplexität in Auswahlmöglichkeiten Nutzer und Kunden zunehmend überfordert ... ist sicher auch für uns alle ein wesentlicher Aspekt bei der weiteren Entwicklung unserer Angebote. besten Gruß! Mathias

von Jürgen, 13.02.10, 14:25
Das hat doch schon Bezug zur Blogfrage im FVW-Blog, ob die Printmedien überflüssig seien... Es gibt Blogs in Masse. In unterschiedlichster Qualität. Habe ich die Zeit, alle zu lesen? Naja, mein Chef ist da sicher anderer Meinung, ich selbst sehe es glücklicherweise genauso. Also bleibe ich bei meiner Regel, die ich vor Jahren eingerichtet habe: Maximal 10 Mailinglisten. Ach ja - und Blog beobachte ich über Thunderbird im e-Mail-Programm - also ist ein Blog nicht wirklich was anderes. Und Social Media? Das Gleiche. Ich kann nicht in zig SM-Portalen aktiv sein (mmmh, woran denke ich bei dem Kürzel denn schon wieder...), die laufen auch in "die 10". Und wie viele Zeitschriften lese ich? Zwei regelmäßig, sonst komme ich nicht mehr zum Arbeiten. Aber Tageszeitung? Danke ARD für den Tagesschau-Podcast... "Wer kann das alles lesen???" Die Frage hört man immer öfters. Und wie viele "Apps" verträgt mein IPhone, IPod, IPad??? Was soll ich denn noch alles machen? Und ja - e-Mail hat zwischenzeitlich auch die Schmerzgrenze überschritten. Und als "Urgestein" im Internet (seit 1994) kehre ich zwischenzeitlich reumütig zu Telefon zurück. Zu dem mit der Leitung. Die Mailbox am Mobiltelefon ist aus. Wenn ich nicht erreichbar bin, bitte nochmal probieren... Oder rufen Sie die Kollegen an!

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