Insolvenz

Ganz nüchtern in die Pleite

Wie kann ein einzelner Reiseverkäufer Kundengelder in Höhe von 1,77 Mill. Euro veruntreuen? Die Ticketpoint-Insolvenz endet mit einer Haftstrafe für Co-Geschäftsführer Eric K. Der hatte für sein Fehlverhalten eine ziemlich heikle Erklärung: massive Drogensucht. Wie gut, dass das offenbar nicht stimmt.

von Dirk Rogl, 11.02.2011, 10:15 Uhr

Das klingt spektakulär: massive Mengen von Alkohol und Kokain haben Eric K., Co-Geschäftsführer des insolventen Reisebüros Ticketpoint dazu angetrieben, Kundengelder in Höhe von 1,77 Mill. Euro in falsche Kanäle zu leiten. Nach einhelligen Medienberichten ist der Touristiker mit diesem potenziellen Versuch der Strafminderung jedoch kläglich gescheitert: nix Vollrausch, nix Freispruch, dafür fünfeinhalb Jahre Haft und drei Jahre Berufsverbot.

Nicht nur die geprellten Urlauber können sich freuen, dass die Vollrausch-Variante vor dem Kadi scheiterte. Der Reisevertrieb hat ohnehin an Glaubwürdigkeit verloren, weil Ticketpoint eine ziemliche dreiste Variante aufzeigte, wie man auch ohne erfolgtes Ticketing an das Geld der Kunden kam (fvw 15/10, S. 36). Dass das hier beschriebene Vorgehen strafbar ist, bestätigen nun die Richter des Landgerichts Essen. Die Krönung wäre gewesen, dass nun auch noch das Bild vom kiffenden Reisebüro-Betrüger die Runde gemacht hätte. Ein paar boulevardeske Schlagzeilen gefällig? "Dieser Mann verkiffte unseren Urlaub." Oder: "Müssen jetzt alle Reisebüro-Mitarbeiter zum Drogentest?".

Solche Ergüsse können wir nun wieder ganz schnell zu den Akten legen. Eric K. ist schlichtweg ein rechtskräftig verurteilter Straftäter, den es leider auch in Reisebüros geben kann. Meine Kollegin Ira Lanz interviewte Eric K. deutlich vor der Insolvenz-Welle. Sie beschreibt den 41-Jährigen als eloquent, wortgewandt und keinesfalls berauscht. Mit dem Angeklagten unterhielt sich Ira Lanz übrigens nicht über die Kundengeldabsicherung, sondern über das Thema Rückvergütungen. Der Ticketpoint-Chef gehörte zu den wenigen sich offensiv bekennenden Schnäppchen-Anbietern im Land, warb zusammen mit Händlern und Verbänden massiv für die hauseigenen Gutschriften. Fünf bis zehn Prozent Nachlass soll Ticketpoint gewährt haben.

Wie dieser potenzielle Margenschwund refinanziert wurde, lässt sich nun erahnen: nämlich mit voreilig eingezogenen Kundengeldern. Die Rechnung ging nicht auf. Eric K. hat sich schlichtweg verrechnet – egal ob nüchtern oder berauscht.

Kommentare

von barthe.eu, 15.02.11, 10:15
Da gibt's den 'uralten' Witz, noch aus meiner Ausbildungszeit im letzten Jahrtausend: Fragt der Industrielle den Großhändler: "Du kaufst für eine Mark ein und verkaufst für 80 Pfennig - wie machst Du das???" Der Großhändler: "Na, die Menge macht's..."

von mike, 19.02.11, 22:05
Dieser Betrüger hat wohl die HOCHSAISON abgewartet um sich abzusetzen, mit der kassierten VORKASSE. Es ist und bleibt ein UNDING, dass fuer Flugtickets langfristig voll abkassiert wird! Wer beendet diese üble durch Airlines angezettelte Vorkasseabzocke?

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