Imagekampagnen

Wie es schön werden kann

2000 Plakate werben für die Reisebüros, eine TV-Zeitschrift für den Urlaub selbst. Aber was bringen die Kampagnen von DRV und TIC wirklich?

von Dirk Rogl, 28.10.2009, 14:45 Uhr

Die gute Nachricht vorab: Interessierte Branchenvertreter müssen sich nicht erst durch die Untiefen des deutschen Formatradios hören, um den Kern der neuesten DRV-Imagekampagne zu erfassen. Es gibt keine Radiospots mehr, kein monotones "Wir kümmern uns". Dafür gibt es schmucke Plakate, mit dem extrem bunten Schriftzug "Reisebüro" und dem ergänzenden Slogan "Weil´s schön werden soll". Die schlechte Nachricht: Keine 2000 Reisebüros machen in diesem Jahr mit. 199 Euro war vielen Agenten zu teuer. Die genaue Teilnehmerliste hält der DRV noch unter Verschluss. Doch das ergibt allein die mathematische Logik: Selbst große Ketten geizen in diesem Jahr noch mehr als in den Jahren zuvor an der Imagekampagne. Für sich genommen sind die rund 2000 Plakate wohl nur ein schönes Tröpfchen auf einen ziemlich heißen Stein. Es kommt also auf das Beiwerk an. Schaffen es die Reisebüros, über ihre Plakate und das ergänzende Gewinnspiel neue Laufkundschaft in ihre Büros zu locken? Gelingt es dem DRV, über eine aktive PR-Arbeit das Interesse der Publikumsmedien an dieser Aktion zu schüren? Und sind die Medien-Kollegen dann auch noch so freundlich, die Kernbotschaft gratis an ihre Leser, Hörer und Zuschauer zu transportieren? Wir drücken dem DRV die Daumen, den Reisebüros sowieso. Einen Freibrief auf Erfolg gibt es aber nicht. Der geht schon eher an den Travel Industry Club, der seit einigen Tagen mit einer ähnlichen Aktion unterwegs ist. "Deutschland macht Urlaub" lautet das Motto. Vom Service der Reisebüros ist hier nicht die Rede. Wichtigster Kooperationspartner dieser Marketingaktion ist die im Bauer-Verlag erscheinende Fernsehzeitschrift TV14. Die hat zwar nach eigenen Angaben knapp sechs Millionen Leser, ist aber - mit Verlaub - bislang vielen Marketingentscheidern in der Touristik eher unbekannt geblieben. Den ganzen Winter über will TV14 quasi kostenfrei für "Deutschland macht Urlaub" trommeln. Die Leser wählen ihr "Super-Urlaubsland". Zu gewinnen gibt es zwölf hochwertige Gruppenreisen. Und auch TV14 kann eine Menge gewinnen, etwa prominente Auftritte auf den Award-Nächten des Travel Industry Clubs, vor den Augen wichtiger Marketingentscheider dieser Branche. Einen wohltätigen Hintergrund hat "Deutschland macht Urlaub" gewiss nicht. Aber Hand auf´s Herz: Auch die DRV-Imagekampagne ist keine karikative Veranstaltung. Knapp 2000 Reisebüros halten den Teilnahmebeitrag von 199 Euro für gut angelegt. Sie machen mit, weil sie einen Nutzen für ihr Unternehmen erkennen. Eine solidarische Spende zur Gesundung des stationären Vertriebs ist das nicht. Ich wünsche beiden Werbekampagnen maximalen Erfolg. Möge die (begrenzte) Werbepower die Reiselust der Kunden kräftig anheizen. Und möge das Engagement ihrer Macher süße Früchte tragen - auch ohne den Mantel der Wohltätigkeit, den insbesondere die Kampagne des Travel Industry Clubs nicht verdient.

Kommentare

von Andreas Schulte, 28.10.09, 15:53
Zumindest bei uns lag die Nichtteilnahme nicht an den Kosten. Uns hat die Strategie gestört. Groß-Tafelwerbung allein bringt nach meiner Erfahrung nicht den gewünschten Nutzen. Ein einzelnes Plakat für ein Büro - eventuell noch an so schlechten Standorten wie im Vorjahr - wird von potentiellen Kunden kaum wahrgenommen werden. Und Werbung für den Einzelnen oder auch fürs Ganze, die die Menschen nicht im gewünschten Umfang erreichen wird, halte ich für entbehrlich.

von Enrico Heß, 28.10.09, 16:09
2.000 identische Plakate für 2.000 unterschiedliche Reisebüros? Ich bin immer wieder begeistert von der Touristik. Man stelle sich vor, der stationäre Buchhandel (da gibts doch nicht etwa Parallelen, da auch hier über alle Vertriebswege weitestgehend die gleichen Produkte zu gleichen Preisen angeboten werden...?) vereint sich nun gegen die bösen Onlinefeinde und teilt der Welt mit: Kauf eure Bücher lieber bei uns - "wir kümmern uns". Nein nein, die Realität sieht ganz anders aus - und Michael Ballack wird nur müde in die Unisterkamera lächeln, wenn er auf dem Weg zum nächsten Dreh zufällig (und bei gerade mal 2.000 Großflächen ist das ein riesiger Zufall) an einem dieser Plakate vorbei kommt. Die Frage ist doch, ob es wirklich um den Wettbewerb zwischen stationär gegen nicht-stationär geht. Ich denke nicht. Meiner Ansicht nach muss jedes Reisebüro klar erkennen und definieren, wo seine Stärken liegen, seine Zielgruppe eingrenzen und sich um diese bestehenden und potentiellen Kunden wirklich kümmern. Alles andere regelt der Markt und lässt sich sowieso nicht aufhalten. Und jeder Reisebürobetreiber, der seine Kunden nicht regelmäßig anspricht (reden...! anrufen...! gewinnen...!), muss sich nicht wundern, wenn diese irgendwann den Weg des geringsten Widerstands gehen. Wenn das Reisebüro seine Unterscheidungsmerkmale weder kennt, noch artikulieren und seine Kunden damit erreichen kann, dann nützen die auch die Plakate nichts (zumindest nicht den Reisebüros). Idee: Irgendjemand kauft die Domain Reisebüros.de, alle 18.000 (?) deutschen Reisebüros schmieden eine Online-Allianz und werfen je Euro 1.000 in einen Topf und plakatieren Deutschland damit zu. Mit Euro 18.000.000 Etat können ca. 900.000 Plakate aufgehängt werden. Das wäre doch was, oder? ;)

von Michael Buller, 28.10.09, 20:54
Diese Branche braucht keine PRO Reisebüro Kampagne....sondern eine PRO Reisen Kampagne!

von Martin Pundt, 29.10.09, 22:33
Natürlich hast Du recht, lieber Michi, dass wir Touristiker allesamt auch hier mal wieder über den Tellerrand schauen sollten und Werbung für das Reisen an sich machen müssen - und nicht etwa nur für einen Vertriebskanal. Da ist die Kamapgne des TIC sicherlich schon umfassender. Andererseits begrüße ich auch die Kampagne des DRV sehr, denn der tut immerhin aktiv etwas, um die Verbraucher zu erreichen. Ja, man kann sich (muss sich!) fragen, lieber Herr Schulte, was davon lokal noch ankommt - ein "Nichts, wenn mann nicht mitmacht" bietet sich zwar an, greift hier aber sicher zu kurz. Das Prädikat "entbehrlich" jedoch verdient aus meiner Sicht weder der DRV noch der TIC für seine Aktionen - sondern der BTW! Die größte Krise seit Jahren beschäftigt unsere Branche - und wie reagiert unser aller Dachverband? Er will laut btw.de auf dem kommenden Tourismusgipfel "darüber diskutieren, welche Herausforderungen es zu meistern gibt." Nochmal zum Nachlesen: Nicht etwa, WIE die Herausforderungen zu meistern sind, sondern WELCHE... Wer jetzt daran zweifelt, ob die Top-Entscheider der Touristik wirklich noch ausreichend im Leben stehen (also: ICH kenne die Herausforderungen für MEIN Unternehmen bereits!), der sei beruhigt, denn die Antworten gibt der BTW im Programm natürlich auch gleich: Es gibt neue Foren zu so existenziellen Themen wie "Energieeffizienz bei Immobilien"; und wer die "Präsentation des Konzeptes Museumsinsel/Neubau Stadtschloss in Berlin" verpasst, wird 2010 wohl kaum die Verbraucher zum Reisen motivieren können. Oder etwa doch? Dann, ja dann würde sich in der Tat der BTW-Gipfel das Prädikat "entbehrlich" verdienen...

von Wolfgang Hoffmann, 30.10.09, 11:21
Sollte man wirklich über etwas "Solidarisches" nachdenken, woraus sich eine konzertierte Aktion entwickeln könnte, dann bestimmt nicht, wenn man dieses Feinripp/stützstrumpfmarketing wieder aus dem Altwerbesack rauskramt. "Hilf dem Vater auf das Fahrad" bringt nichts mehr. Die gängigen Rezeptoren der Verbraucher sind inzwischen resistent. Man will Sensationen, Boshaftigkeiten, Undercover, explodierende Reize. Wenn die graubeige Institution "Reisebüro" überhaupt noch durchdringen will, darf sie sich nicht mehr schüchtern hinter ihrer Historie verschanzen und hoffen, dass die Moderne irgendwann den Schwung verliert. Die Zukunft hat uns doch längst abgeschrieben - sieht man doch an der EU, die haben uns doch gar nicht mehr auf dem Schirm, die überlegen Gesetze, Bestimmungen, Verordnungen, frei aus dem satten Bauch, als existierten wir gar nicht. Banken, ja, das sind die, die alles dürfen, sogar Volkswirtschaften gegen die Wand fahren und weider neu aufstellen für den nächsten Crash! Schon gemerkt, die gerieren sich als Reisebüro, zuzzeln sowohl die Verbraucher, als auch uns Reisebüros & zusätzlich die Reiseveranstalter aus, und das, wo wir auch noch deren Kunden sind und auf sie angewiesen sind. Die sind doch DIE Schnittstelle, mit allen touristikrelevanten Daten, und DIE graben lustig und ungestört unser Grab. Keine Sau fühlt sich bemüht, hier mal einen juristischen Hebel anzusetzen. Nö, wie denn auch? Man möchte doch nicht miterleben, wie ein Richter abwinkt und sagt: "Reisebüro? Da war mal was, ja, aber das gibt es doch eh nicht mehr"

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