Hochschulen

Wissenschaftler machen Politik

Die Tourismus-Professoren suchen einen engeren Draht zur Politik und zur Branche. Nur zu!

von Klaus Hildebrandt, 03.12.2012, 09:17 Uhr

Am Freitag war ich zum ersten Mal auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Tourismuswissenschaft (DGT), bei der diesmal die ITB Berlin als Gastgeber fungierte. Die DGT hatte mich eingeladen, eine Diskussion über die Beziehung von Politik und Reisebranche zu moderieren (den Bericht über die wahrlich nicht konfliktfreie Beziehung lesen Sie hier).

Berlin war eine Reise wert, der Kongress interessant. Vor einiger Zeit hatte ich im fvw-Blog gefordert, die Tourismus-Wissenschaft müsse raus aus dem Elfenbeinturm – da geht von der Jahrestagung genau das richtige Signal aus. Aber auch innerhalb der Wissenschaft ist die Lage diffizil: Mitte des Jahres berichtete die fvw ausführlich über die Resolution der DGT, die ein Ausbluten der Forschung befürchtet. Prof. Walter Freyer (Dresden) warnte in Berlin noch einmal eindringlich davor, dass sich die deutsche Hochschulpolitik beim Thema Tourismus nur noch auf die praxisnäheren Fachhochschulen konzentriert. Wenn es keine Promotionsmöglichkeiten an den Universitäten mehr gebe, seien High-Potentials nicht für das Fach zu gewinnen.

Der Hochschulsektor ist so bunt wie die Touristik selbst: An rund 100 Fakultäten können jungen Leute Tourismus studieren, von Kulturgeschichte über Geografie bis zur Betriebswirtschaft reicht das Spektrum. Außerdem sprießen immer noch neue private Anbieter aus dem Boden. Das ist Gefahr und Chance zugleich: Die Gefahr, dass die Tourismuswissenschaft zerfasert, sich selbst kaum noch als Einheit sieht und in der (Branchen-)Öffentlichkeit und bei den Hochschulpolitikern weniger wahrgenommen wird.

Die Chance besteht darin, diese Vielfalt zu bündeln und offensiv zu zeigen, was die Hochschulen alles leisten, von der Grundlagenforschung bis zur Qualifizierung des Nachwuchses in Zeiten des viel beschworenen Fachkräftemangels. Die DGT kann künftig über ihre wissenschaftliche Funktion hinaus eine noch viel bedeutendere Rolle spielen. Dafür braucht sie eine noch breitere Verankerung in der eigenen Wissenschaftszunft und in der Branche. Die Berliner Tagung war da ein guter Anfang.

Kommentare

von Andreas Schulte, 03.12.12, 14:27
Was sind wir doch für gnadenlos reiches Land ! Wir können uns rund hundert Tourismus-Fakultäten leisten - ein echter Wahnsinn. Mir drängt sich da die Frage auf, wie sich die Touristik in Deutschland in der Vergangenheit ohne diese vielen Fach-Fakultäten überhaupt entwickeln konnte - da muss doch diese geballte wissenschaftliche Performance an allen Ecken und Enden gefehlt haben.

von Jürgen Barthel, 04.12.12, 15:11
Aus schmerzvoller, wiederholter Erfahrung... Ich frage mich da nur, wie viel "Fachkompetenz" an diesen Hochschulen denn überhaupt zu finden ist. Da wird Qualität und Quantität verwechselt. Ein anderes Problem ist die mittelständische Struktur der Tourismusindustrie. Interessante Diplomthemen werden ignoriert, alles konzentriert sich auf die Großen. Oder man hört nichts von den Ergebnissen, oder wenn, dann sind das theoretische Ansätze, die jenseits jeglicher Realitäten "forschen". Und schlussendlich machen die Studenten irgendwo billige Praktika (häufig ohne das gezahlt wird) und wechseln am Ende frustriert die Branche. Manchmal bin ich echt froh, kein Akademiker zu sein :-] Und manchmal hoffe ich, dass solche "Events" die Qualität fördern. Die Hoffnung stirbt immerhin zuletzt.

von Dietmar Pedersen, 04.12.12, 16:49
Ich bekam vor einiger Zeit eine Gemeinschafts-Arbeit von 6 Diplomanden in die Hand. Die "gloreichen Sechs" hatten in der Nachsaison sage und schreibe 27 Urlauber "interviewt", und das alles am gleichen Strandabschnitt innerhalb von zwei Tagen. Aus dieser riesigen Anzahl gab es dann Statistiken mit zwei Nachkommastellen. Keiner der Sechs (und auch nicht ihr Professor) kam auf die Idee, mal zu überlegen, dass es auch eine Vor- und eine Hauptsaison gibt. Oder andere Strandabschnitte. Oder ganz revolutionär, vielleicht einen 20 km entfernten Urlaubsort, wo ganz andere Besucher sind. Die "gloreichen Sechs" glauben noch heute, durch ihre Arbeit hätten sie die Weisheit mit Löffeln gefressen.

von Siegfried Manzel, 05.12.12, 12:08
Mir fehlt bei der "ganzen Wissenschaft" die konzertierten Aktionen zu Zukunftsthemen. Jede Hochschule / Fachschule kocht da das eigene Süppchen. Nur mal zwei Themenfelder: Wie kann die Produktqualität "Nachhaltigkeit" im Massentourismus Einzug halten? Wie erfüllen die deutschen Hotels die Komfortwünsche der "älter werdenden Reisenden"? Und ich bin sicher, dass uns zum Thema "Flussreisen" auch noch einiges einfiele.

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