Historie

Das Erbe der Versandhändler

Madeleine Schickedanz bewegt den Boulevard. Auch in der Touristik spielte der Name Schickedanz einst eine große Rolle.

von Klaus Hildebrandt, 21.07.2009, 09:55 Uhr

Mit dem Interview in der "Bild" hat die Quelle-Erbin sich keinen Gefallen getan. In Boulevard-Medien und in Blogs wird hämisch über die Milliardärin hergezogen, die durch die Arcandor-Insolvenz zur Millionärin wurde und nun bescheiden leben muss. Sie selbst räumt in dem Interview ein, dass sie sich viel zu wenig um ihr unternehmerisches Erbe gekümmert hat. Mir kommen dabei auch die großen Unternehmenfamilien in der Touristik in den Sinn. Die Familie Schickedanz spielte auch in der Touristik immer eine wichtige Rolle. Quelle zählte ebenso wie der Versandhändler Neckermann zu den Pionieren der Touristik. Wer Wäsche per Katalog verkaufen kann, bringt auch Reisen per Katalog unters Volk, lautete in den 60-er Jahren die Logik. Otto Schneider hat in seinem Standardwerk "Die Ferienmacher" eindrucksvoll beschrieben, wie Josef Neckermann und eben auch Quelle die Touristik in den 60-er Jahren wesentlich mit formten. Lange war der fränkische Versandhändler auch an der TUI beteiligt und verkaufte die Anteile erst, als Preussag-Chef Michael Frenzel den Branchenprimus übernahm. Ich weiß, es gibt drängendere Fragen in der Touristik als deren Geschichte. Aber mich reizt es immer wieder, zu den Wurzeln der Branche zurückzukehren. So habe ich im Mai auf fvw.de über den Tod von Walter Kahn geschrieben, der im biblischen Alter von 98 Jahren gestorben war. Die Familie Kahn zählt zu den Gründervätern der TUI, Walter Kahn war schon in den 50-er Jahren Geschäftsführer von Scharnow. Klar, solche Themen sind nicht unbedingt die meistgelesenen unter unseren Online-News. Aber ich finde, eine Branche mit viel Zukunft sollte auch ihre Vergangenheit kennen. Mit dieser Meinung stehe ich zumindest nicht ganz alleine da: Dieser Tage erreichte mich eine Mail von Stefan Seidl. Der Münchener Touristiker hat den Arbeitskreis Tourismusgeschichte

gegründet. Er will ehrenamtlich das Erbe der Branche archivieren und erhalten. Und dazu gehört dann auch Madeleine Schickedanz, die schon fast tragische anmutende Erbin eines großen Namens.

Kommentare

von Wolfgang Hoffmann, 21.07.09, 10:58
Schön! Da wird also schon ein Haus der Touristikgeschichte gebaut. Die Fassade eines stationären Reisebüros in einem Diorama, mit kleinen Püppchen, die die ehemalige Reiselust symbolisieren. In der 2. Etage stehen dann die Wachsfiguren der ehemaligen touristischen Prominenz, Gesichter, an die sich so mancher schon gar nicht mehr erinnern mag. Auch Klaus Hildebrandt macht sich bestimmt gut ;-)

von Stefan Seidl, 21.07.09, 14:02
herzlichen Dank für diese netten Zeilen. Wir arbeiten und forschen weiter. Freuen uns über jede Unterstützung und Kontakt. "Tourismuspioniere dürfen nicht in Vergessenheit geraten".

von web 2.0, 21.07.09, 23:35
@ Haus der Tourismusgeschichte ... vor der Fassade eine arme Frau mit Hut in der Hand: Ich war eine Milliardärin. Aus dem Nachbarhaus schreit Middelhoff: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Aus dem stationären Reisebüro schallt es zurück: Das Internet hat uns ruiniert. Die Stimme erinnert uns an den einsamen Rufer in der Wüste. War das nicht Wolfgang Hoffmann?

von Wolfgang Hoffmann, 22.07.09, 12:17
nicht einmal mit der Dramaturgie einer Lindenstraße lässt sich der Niedergang der Touristik annähernd beschreiben. Dass das World-Wide-Web den lokalen Markt der deutschen Tourismusindustrie derart umgekrempelt hat, das ist eh etwas, was noch Generationen von Forschern beschäftigen wird.

von Walter Krombach, 23.07.09, 09:37
Die Willy Scharnow-Stiftung für Touristik fördert seit Jahren das bei der Freien Universtität Berlin bisher im Rahmen des dort leider auslaufenden Willy Scharnow-Insituts angesiedelte "Historische Archiv für Tourismus", das unter der wissenschaftlichen Leitung von dem anerkannten Historiker Prof. Dr. Spode steht. Dieses Archiv ist in Forschungskreisen weltweit bekannt und anerkannt und wird auch entsprechend genutzt. Zugegebenermaßen war mir selbst dessen Existenz mangels Öffentlichkeitsarbeit vor Übernahme der Stiftungs-Geschäftsführung auch nicht bekannt, und deshalb unterstützte ich anfangs die Aktivitäten des "Arbeitskreises Tourismusgeschichte", bis ich feststellte, dass es sich dabei offensichtlich um eine private One-Man-Show von Herrn Seidl handelt, der sich sehr geschickt an alle "Obermohren" der Branche wandte, um für sein Archiv Untersützung zu erhalten (siehe Gästebuch). Auf diese Weise, und eben mangels Bekanntheit des Historischen Archivs in Berlin sind vermutlich bereits viele wichtige Branchendokumente bei Herrn Seidl gelandet, die dort zwar gesammelt, aber mangels Möglichkeiten wohl kaum einer dauerhaft qualifizierten wissenschaftlichen Dokumentation zugeführt werden können. Leider hat Herr Seidl mein mehrfach an ihn gerichtetes Angebot konsequent ignoriert, sich mit Herrn Prof. Dr. Spode mal zusammenzusetzen, um Möglichkeiten einer wie auch immer gearteten Zusammenarbeit auszuloten, die auch von der Willy Scharnow-Stiftung unterstützt werden könnte. Das bedauere ich sehr.

von Stefan Seidl, 23.07.09, 11:42
Hiermit möchte ich die genannten Dinge von mir weisen. Ich hatte sowohl ein Gespräch mit Dr. Spode zur ITB - eine gemeinsame Zusammenarbeit war auch mein bestreben- es ist mir leider nicht gelungen. Durch einige Tourismuspioniere im Rücken hier in Bayern wurde ich zum weitermachen hierzu aufgefordert. Wenn ich auch nicht über ein „Historikerstudium“ verfüge betreibe ich mein Projekt mit viel Herzblut und privater Finanzierung. Es sollte ein bestreben sein - sich nicht gegenseitig Steine in den Weg zu legen - sonder gemeinsam an der Tourismusgeschichte zu arbeiten. Für Gespräche bin ich hierzu jederzeit gerne breit.

von Hasso Spode, 05.01.13, 11:31
Nachtrag: Erst jetzt ist mir dieser Theard zu Kenntnis gelangt. In der Tat hatte ich mich als Leiter des Historischen Archivs zum Tourismus (HAT) mit Herrn Stefan Seidl in Berlin 2009 getroffen. Es ist grundsätzlich zu begrüßen, wenn jemand sein Hobby zum Beruf machen will, doch was er mir da vorlegte, war eine laienhaft gemachte Liste einer kleinen Privatsammlung, die von der Qualität und vom Umfang her den Namen „Archiv“ nun wirklich nicht verdient. Anspruch und Wirklichkeit klafften allzu weit auseinander. Ich habe Herrn Seidl viel Glück gewünscht und damit sollte es eigentlich sein Bewenden haben. Leider hat Herr Seidl in der Folgezeit begonnen, im Internet aktiv zu werden: Als erstes hat er einen Hinweis auf das HAT aus dem Gästebuch seiner Seite gelöscht und dann Wikipedia-Artikel zum HAT und zu meiner Person manipuliert. Wiki-Mitarbeiter haben dies rückgängig gemacht und mich davon in Kenntnis gesetzt. Ich habe daraufhin Herrn Seidl schriftlich aufgefordert, solchen Vandalismus zu unterlassen. Er hat nicht geantwortet, aber seither ist Ruhe. Ich denke, damit ist das Kapitel abgeschlossen - viel Lärm um nichts.

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