Gutscheine

Weg.de ist auf Gutschein-Diät

Die Comvel-Tochter wagt das Unmögliche: Sie hat seit drei Wochen die Gutscheine von dem eigenen Portal verbannt. Und siehe da: Die Buchungen brechen nicht ein.

von Arndt Aschenbeck, 12.08.2010, 16:49 Uhr

Es war wie eine Kettenreaktion: Kaum begann das erste Reiseportale, die Urlaubswilligen mit Gutscheinen zu ködern, zogen ruckzuck die meisten anderen Seiten nach. Die Summen unterscheiden sich. Mal sind es 25 Euro, mal 50 oder wie bei Expedia sogar 100 Euro, die die Kunden bekommen, wenn sie eine Reise buchen.

Die Flut der Rabatte, die streng genommen Rückvergütungen sind, ist seitdem nicht abgerissen. Ganz früher, in einer Zeit, an die man sich heute kaum noch zu erinnern meint, waren Gutscheine mal ein Marketing-Instrument, das man dosiert und gezielt für bestimmte Kundengruppen in klar definierten Situationen eingesetzt hat. Mittlerweile ist es offenkundig zu einer Art Gruppenzwang geworden, Rabatte mit der Gießkanne an alle zu verteilen, die „hier“ rufen. Weil es alle anderen machen, muss man es auch machen.

Weg.de will da nicht mehr mitmachen und hat sich vor drei Wochen auf eine Gutschein-Diät gesetzt. Zumindest von der eigenen Seite sind die Rückvergütungen seitdem verschwunden.
„Wir werden uns nicht mehr an der permanenten Gutscheinschlacht beteiligen“, sagt Comvel-Chef Aleksandar Vucak. Man habe gemerkt, dass man viel selektiver mit dem Thema Gutscheine umgehen müsse. Und das Schöne: Der Verzicht auf die Rabatte habe keinen Einfluss auf die Buchungszahlen gehabt.

Marketing-Chef Timo Beyer will Rückvergütungen jetzt nur noch saisonal und aktionsbezogen einsetzen, etwa als Incentive für bestimmte Kunden. Seiner Ansicht nach taugen Gutscheine auch nicht als Kundenbindungsinstrument.

Was Vucak und Beyer unter aktionsbezogen verstehen, wird mit einem Blick auf das Coupon-Portal Groupon deutlich. Dort hat Weg.de in den vergangenen Wochen in regelmäßigen Abständen 100 Euro-Gutscheine für acht Euro angeboten. Und wird das auch wohl weiterhin tun. Schließlich schwärmt Timo Beyer in der aktuellen fvw-Ausgabe, dass „wir über die Coupon-Portale eine enorme Reichweite hinbekommen“.

Was lernen wir daraus? Ganz ohne Gutscheine scheint es bei den Online-Portalen (noch) nicht zu gehen. Deshalb setzt Weg.de auf eine Diät, statt komplett auf Entzug zu gehen. Was meinen Sie, ist das Abspecken der Münchener der Einstieg in den Ausstieg? Oder wird es demnächst auch bei Comvel wieder eine Heißhunger-Attacke in Sachen Gutscheine geben?

Kommentare

von Versteher, 13.08.10, 11:04
Von der Seite die 50-EURO-Gutscheine für die Buchung-nach-der-Buchung zu verbannen, dafür aber im 5-stelligen Bereich 100 EURO SOFORT-Gutscheine über Gutscheinportale zu vertreiben – eine „Diät“ ist es nun wahrlich nicht, viel mehr ist es eine Gutscheinoffensive!

von Reiner Iserlohe, 13.08.10, 11:19
Es ist schon ein Trauerspiel. Erst fahren die Veranstalter das Last Minute Geschäft über Jahre, bis sie merken, da sie ja alle mit vielen Millionen verschuldet sind und in die Pleite steuern wenn nicht endlich die Verkaufssteuerung über den Preis eingedämmt wird. Nachdem sich das alles dann etwas konsolidiert hat kommen die Online Portale die ihr Heil in Rabatten und Gutscheinen sehen. Als Steigerung dann noch Portale deren Inhaber von Fairness und seriösem Geschäftsgebaren offensichtlich soviel im Blut haben wie Al Capone während der Prohibition. Da gibt es dann Kollegen, die sogar die Meinung vetreten, das alles was nicht verboten ist, doch erlaubt sein müsse und das Vorgehen als besonders innovativ ansehen. Weit sind wir gekommen in dieser einstmals so netten Branche.

von bernd Hellmuth, 13.08.10, 12:47
Ha Ha ha. ... War es nicht der Manager von Weg.de der enttäuscht einräumte, dass die Einlöse-Rate der Monster-Groupon-Citydeal-Gutschein-verramscht-Aktion unter 10% liegt. Sorry Leute, aber das ist Heuchelei. Erst zig-tausend Gutscheine (ohne eigengrenzte Gültigkeit) in den Umlauf bringen und dann kämpferisch verkünden "Wir mach da nicht mehr mit"

von Ulrich Roth, 13.08.10, 12:54
Diese Diät kommt mir vor wie wenn jemand sagt "esse nur einmal am Tag" und dafür dann bei Mc D...f und & Co sich am Abend so den Ranzen voll frist, dass er kaum noch laufen kann. Auch ne Form von Diät. In wie weit man bei Rabatten einen Konsenz in der Touristk herstellen kann, bin ich sehr pessemistisch.

von Wolfgang Hoffmann, 13.08.10, 13:55
Im Krieg - hat mir mein Onkel erzählt - gab es unter den Soldaten einen Spott, um die ganze Erbärmlichkeit dessen zu illustrieren, womit sich diejenigen brüsteten, die nichts zustandekriegten, aber ein großes Maul hatten: "Und wieder ist es unserer glorreichen Heeresleitung gelungen, eine Rolle Klopapier an die Ostfront zu bringen"

von Sebastian Winkelmann, 13.08.10, 17:47
Auch wenn es eine "Gutschein und -Rabattschlacht" im Internet – ich kann nur für Kreuzfahrten sprechen – gibt, ist es mitnichten so das der Urlauber einzig und ausschliesslich darauf schauen würde. Defacto ist es aus meiner Erfahrung so das zuallererst die Angebote geklickt werden die, genau wie bei Google, im Blickfeld und ganz oben auftauchen, mitsamt bekannter bzw. Markennamen, oder markanter Webadressen die, zumindest für den Kunden, auf ein gutes Angebot hindeuten ("Schnäppchen" o.ä.). So stehen bei meiner Auflistung der Rabattangebote/Rückvergütungen/Gutscheinen – wie immer man es auch nennen mag – viele Angebote erst ganz am Schluss, und werden, obwohl der effektive Preis der Reise günstiger wäre nicht öfter/oft geklickt. Dennoch bleibt die Vergünstigungs-Vergabe gerade für neuere Online-Reisebüros, allein schon wegen der entsprechenden Aufmerksamkeit, für diese absolut sinnvoll. Wenn dann beschränkte Angebote immer wieder verlängert werden liegt das voll und ganz in der Verantwortung und Freiheit des Gewerbetreibenden: wenn er 6% Rabatt geben will, kann und sollte, darf er das tun. Wenn dies (unter anderem) das Geschäftsmodell ist, ist das absolut legitim – einige Anbieter existieren nur deshalb (noch/erst). Nicht alle Urlauber sind geizige Schnäppchenjäger mit zwei Augen auf dem Preis.

von Wolfgang Hoffmann, 13.08.10, 17:57
<<< Freiheit des Gewerbetreibenden: wenn er 6% Rabatt geben will, kann und sollte, darf er das tun. Wenn dies (unter anderem) das Geschäftsmodell ist, ist das absolut legitim – einige Anbieter existieren nur deshalb (noch/erst). >>> Ist das eigentlich noch niemandem aufgefallen, dass genaus das gegenteil einmal nationales Recht gewesen ist, dass die freiheitlich demokratische Grundordnung Deutschlands deswegen oder trotzdem funktioniert hat, dass die soziale marktwirtschaft ein Erfolgsmodell gewesen ist? Wie kann man plötzlich allen Ernstes behaupten, dass die Rabatt- und Zugabenverordnung falsch gewesen sei und die EU, im Rahmen der grenzübergreifenden Liberalisierung des Binnenmarkts diese gewachsene und gesellschaftlich durchaus akzeptierte Struktur etwas für dei Freiheit des Markts geleistet habe? War unser Markt denn so ein Gulag? Waren Geschäftsleute und Verbraucher denn alles Geiseln einer Rabattfreien Zone? Sind wir denn jetzt endlich befreit? Mein Gott, zu welchen Begründungen sich Rabattbefürworter versteigen, das ist schon abenteuerlich!

von Sebastian Winkelmann, 13.08.10, 18:07
"Rabattbefürworter..." Nein, ich befürworte garnichts, nur das dies jeder für sich selbst entscheiden muss, insofern/da es erlaubt, also legitim, ist. Ich halte zudem nichts davon Dinge "aufhalten" und unendlich kritisieren zu wollen die man nicht aufhalten kann, die sich immer ihren Weg suchen. Man kann etwas negativ sehen, sich darüber aufregen, gerne auch versuchen dies zu ändern, oder man akzeptiert die "Gegebenheiten".

von Wolfgang Hoffmann, 14.08.10, 10:44
Mit Verlaub, dieser Lebensphilosophie habe ich noch nie angehangen, werde ich auch nicht. Ich bin erzogen, für mich, mein Leben und meine Rechte zu kämpfen. Resignation ist etwas, dem ich allerhöchstens eine Sekunde vor meinem physischen Ableben gegenübertrete. Bis dahin werde ich Dummheit genauso beim Namen nennen, wie den sichtbaren Umstand, dass der Kaiser keine Kleider anhat!

von alex. k., 16.08.10, 23:07
sorry, aber das gutschein von der website entfernen (für die nächste reise buchung, also nicht für die aktuelle) kein sofortige umsatzauswirkung hat, sollte eigentlich jedem, der mit diesem marketing instrument umgeht bekannt sein...

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