Gutscheine

Schnäppchenwahn - alternativlos?

Gutscheinportale schießen auch in der Touristik wie Pilze aus dem Boden. Alle machen mit, aber gibt es auch ein Mittel gegen die Massenhypnose?

von Arndt Aschenbeck, 23.06.2011, 12:11 Uhr

Ich gebe zu, manchmal kann ich nicht verhehlen, dass ich von Haus aus Soziologe bin. Mich interessieren nicht nur Daten, Fakten und Strategien, sondern auch die Auswirkungen der wirtschaftlichen Entwicklungen auf die Gesellschaft. Und da gibt es derzeit eine Menge, worüber man sich Gedanken machen kann. Ja, und das ganze hat auch einen touristischen Bezug.

Was mich derzeit wieder so richtig philosophisch stimmt, sind vor allem zwei Trends. Einmal der allgemeine Schnäppchenwahn. Es vergeht derzeit fast kein Tag, an dem nicht irgendeine Pressemitteilung über ein neues Schnäppchenportal in mein Postfach flattert. Groupon hat eine Lawine losgetreten, und alle wollen sich ein Stück vom Kuchen abschneiden. Dass das für die Anbieter von touristischen Dienstleistungen zu einem Ritt auf der Rasierklinge werden kann, habe ich bereits ausführlich in der fvw beschrieben.

Was aber bedeutet der Discount-Virus für die Kunden? Was macht das Sparen mit uns? Vordergründig gibt es uns einen Kick, weil wir uns freuen, dass wir wieder irgendwo dem regulären Preis ein Schnäppchen geschlagen haben. Manchmal geht es auch nur um genau dieses Gefühl. Und, zugegeben, ich erwische mich manchmal auch selbst, wie ich in Klamottenläden oder Elektronikmärkten an Regalen, an denen keine durchgestrichenen Preise stehen, vorbeigehe. Auch bei mir scheint die „Geiz ist geil“-Gehirnwäsche schon einen Teil meines Verstandes benebelt zu haben. Aber Gott sei Dank ist Holland noch nicht ganz verloren.

Denn wenn das passiert, erinnere ich mich an das Buch der Geldtrainerin Nicole Rupp, das ich vor einigen Jahren – lange vor Groupon – gelesen habe: "Wer spart, verliert!“ Frau Rupp sagt, dass wir uns mit dem Sparen Verluste auf materieller und emotionaler Ebene zufügen. „Geld ist nicht einfach Geld“, so die Betriebswirtin und Geldtrainerin. „Geld spiegelt unsere Beziehung zu unseren Werten, zu unserem Leben und zu uns selbst. Unser Umgang mit Geld zeigt, wer wir sind.“

Einfach heruntergebrochen drücken wir also mit Geld unsere Wertschätzung für ein Produkt oder eine Dienstleistung aus. Und wenn wir ständig nur ans Sparen denken und mit allen und jedem um jeden Cent feilschen, sagen wir damit eigentlich: „Ich wertschätze dich und dein Produkt nicht so sehr, dass ich bereit bin, den regulären Preis zu zahlen.“ Nicole Rupp geht sogar noch einen Schritt weiter und behauptet, dass man diese Botschaft im gleichen Moment auch an sich selbst sendet. Für sie drückt das notorische Schnäppchenjagen auch einen Mangel an Vertrauen und Wertschätzung sich selbst gegenüber aus. Die gegenteilige Botschaft wäre: „Das gönne ich mir jetzt einfach, weil ich es mir wert bin.“

Was aus meiner Sicht Groupon und Co. so gefährlich macht, ist die Tatsache, dass wir den Angeboten dort nicht mehr die Wertschätzung entgegen bringen, die sie (und wir selbst auch) verdienen. Wir wissen eigentlich, dass eine Massage 60 Euro wert ist und auch kosten müsste. Trotzdem kaufen wir sie bei Dailydeal oder Qype für 30 Euro. Und wir wissen auch, dass ein Hotelzimmer in einer bestimmten Lage und in einer bestimmten Kategorie 120 Euro kostet. Und kaufen es dann auf einem Schnäppchenportal für die Hälfte.

Ich habe bisher keinen Gutschein auf irgendeinem Portal gekauft. Der Grund ist simpel: Ich möchte auch, dass man mir das bezahlt, was meine Arbeit meiner Meinung nach wert ist. Und ich kann mich ziemlich gut in die Lage eines Masseurs versetzen, der einen Gutscheinkunden massiert. Ich würde das an seiner Stelle auch halb genervt, frustriert und sicherlich nicht mit der Intensität und Hingabe machen, als wenn jemand auf meiner Liege liegt, der den vollen Preis zahlt – und mir damit signalisiert, dass er meine Arbeit wertschätzt.

Mir ist schon klar, dass jetzt alle Vertreter des Stammes Homo Oeconomicus aufschreien werden, weil sie – ganz zu recht – darauf hinweisen, dass alle Unternehmen die Rabatte freiwillig geben. Und dass es Teil unseres Wirtschaftssystems ist, mit diesen Marketingmitteln zu arbeiten. Vollkommen richtig. Dann dürfen sie sich aber nicht darüber beschweren, dass niemand mehr den wahren Wert ihrer Produkte und Dienstleistungen kennt und zu schätzen weiß. Und dass diese ganze Entwicklung eine Abwärtsspirale in Gang setzt.

Womit wir bei der Überschrift wären. Sind Schnäppchen und Gutscheine mittlerweile ein Sachzwang, der alternativlos ist (um mal zwei Begriffe zu benutzen, die auf meiner Floskelliste ganz oben stehen)? Und wird man heute als Unternehmen unter Zugzwang (achtung, dritte Floskel) gesetzt, sich an die Schnäppchenkarawane anzuschließen? Oder gibt es Möglichkeiten, sich gegen den Gutschein-Virus zu impfen? So, ich habe fertig!

Kommentare

von Olaf Dierich, 23.06.11, 12:57
Hallo Arndt, der Artikel hat mir sehr gut gefallen und ich muss Dir auch Recht geben, dass ein normal denkender Mensch wissen sollte, dass gerade Dienstleistungen ihren Preis haben. Aber die "Ware" Mensch erfährt weder bei Produkten, noch bei Dienstleistungen die Wertschätzung, die nötig wäre. Und natürlich fühlt kaum keiner gut, wenn er weiß, dass er die Massage billig bekommen hat und der Masseur im Grunde nix an ihm verdient.

von Remzi Aru, 23.06.11, 16:10
Hallo Arndt, ich kann Dir nur zustimmen! Es gibt so viele, deutlich wirksamere Wege, Kunden zu gewinnen und zu halten. Groupon und Co. erziehen den Kunden über die von Dir aufgeführten Gründe hinaus auch noch zur Untreue. Der Händler gibt also seine Leistung nicht nur unter Wert her, sondern verliert darüber hinaus auch noch Kunden.

von Markus Luthe, 23.06.11, 16:28
Kompliment, Herr Aschenbeck! Tolle Herleitung des Phänomens, warum Rabattitis nicht glücklich, sondern nur unersättlich macht.

von Frank Schilling, 23.06.11, 21:25
Sorry, verehrte Kollegen! Wie sehr muss man eigentlich noch verblöden? Hier verdient nur Einer: das Gutscheinportal. Ein gutes Produkt kann beworben werden, warum nicht, jedoch ohne es zu verschenken. Ein schlechtes Produkt wird auch mit 100% - Gutscheinen nicht besser. Hier bleiben 2 von 3 auf der Strecke: der Kunde und der Leistungsträger. Und es werden künstliche Bewertungskriterien geschaffen. Der Leistung entsprechende Preisse: gerne! Sein (gutes) Produkt bewerben: legitim! Marktschreierisches Verramschen: nicht nötig! da verdient nur: siehe oben!

von Mario Bönicke, 24.06.11, 08:06
Danke für diesen Beitrag, den ich gern zur Pflichtlektüre für alle Touristiker und Hotelliers erheben würde ...

von Horst, 24.06.11, 08:50
...und hier hat die Touristik eines Ihrer größten Probleme: Die Leistungen differenzieren sich einfach zu wenig und verschwimmen in einem Brei aus identischen Leistungen. Ok, der eine hat mal einen Obstkorb auf dem Zimmer, beim anderen Anbieter ist es etwas anderes... Aber die Gesamtleistung sind einfach komplett me too. Und da ist es dem Verbraucher eben egal, ob Thomas Cook, TUI, LTur oder sonstwer ihn ins Hotel, an den Strand, ins Urlaubsland bringt. Das Fehlen echter Differenzierungen und Markenwerte machen die Durchdringung in der Touristik mit Gutscheinen und Rabatten besonders leicht, und besonders riskant. Wenn die Leistungen - ob gefühlt oder wirklich - beim Verbraucher die gleichen sind, dann kann er mit gutem Recht und Gefühl das günstigste Angebot in Anspruch nehmen... Realistisch bleiben: keiner zahlt doch über Gebühr in der Touristik, weil die Ware/Dienstleistung so etwas besonderes ist und entsprechenden Wert aufzeigt. So lässt sich vielleicht bei Wein, besonderen Olivenöl oder sonstige Genussmittel argumentieren. Dort findet aber umgehend auf der Zunge eine Differenzierung statt...

von monika, 24.06.11, 11:30
billige Dienstleistungsangebote wie Massagen So sehe ich das nicht, ich bin ein Nutznießer von Groupons undsoweiter Gutscheinen. Ich denke das sind gute und günstige Gelegenheiten um Neues kennenzulernen und auszuprobieren. Oft habe ich viel zu viel für eine schlechte Dienstleistung ausgegeben. Obwohl ich den regulären Preis bezahlt habe, hätte ich das Geld gleich zum Fenster rausschmeisen können. Es gibt soviele Masseure, Kosmetikinstitute usw die nichts drauf haben. Mit dieser Werbechampangne, so sehe ich das, kann man gucken ob das was für einen ist, ob einem die Behandlung zusagt. Wenn es mir gefällt, komme ich immer wieder und zahle den regulären Preis auch gerne inkl. Trinkgeld.

von Christopher Schreiber, 24.06.11, 13:22
Vielleicht sollte man sich bei der gesamten Euphorie und dem Hype um das Aufblühen neuer Schnäppchenportale á la Groupon mal die Bilanz des letzten Jahres ansehen: Sage und schreibe: 420 Mio. Dollar Verlust bei einem Umsatz von 713 Mio. Dollar im Geschäftsjahr 2010. Gerne auch folgenden Artikel mal ansehen: http://goo.gl/jlmjp Na, also dann kann ich nur sagen, soll Unister und Co. ruhig noch ein paar weitere Portale gründen! Der kaufkräftige Kunde war noch ein Freund von einem Schnäppchentrend mit frustierten Dienstleistern!

von Barthel.eu, 30.06.11, 12:40
Bekannt sein sollte, das es zweierlei Märkte gibt: Generalisten (Supermarkt) und Spezialisten. Leider fokussiert insbesondere die Medienlandschaft "im Westen" die "Geiz ist Geil"-Mentalität. Nur wenig Werbung konzentriert sich auf den Mehrwert. Mir fällt einerseits die vergangene Dresdner Bank ein, andererseits aktuell Fielmann. Ich habe vor Jahren schon (öffentlich) gewarnt: Billiger kann jeder verkaufen, da brauche ich keinen Verkäufer für. Aber es gibt immer einen, der noch billiger ist. Von "preiswert" ist dann aber nicht mehr die Rede. Was mir aber fehlt: Reisebüros, die offen dazu stehen, auf was sie spezialisiert sind. Und Manager, die lernen, das die teurere Qualität oft auch mal Geld spart. Vielleicht ja das Schaufenster nicht nur mit Last Minute zupflastern, sondern statt dessen mal mit Reiseträumen dekorieren??? Nach einem Famtrip Hinweis im Schaufenster, im Kundenmailung und als Presseinfo an die lokale Presse... Marketing in eigener Sache. Dann braucht man auch nicht bei Groupon verramschen oder sich um diese "Konkurrenz" Sorgen machen...

von Dietmar Pedersen, 30.06.11, 15:31
Bei einem Normalpreis von EUR 60,00 bezahlt der Kunde bei diesen "Deals" zwar EUR 30,00. Der Dienstleister bekommt aber nur die Hälfte, also EUR 15,00. Den Rest steckt sich das Portal ein. Wer kann seine Leistung schon für ein Viertel des Normalpreises verramschen? Wenn ich 100 Kunden über solch einen "Deal" bekommen würde, habe ich EUR 4.500,00 verloren. Mit EUR 4.500,00 kann ich aber problemlos eine anständige Werbeaktion finanzieren. Ein Nachteil dieser Coupon-Geschichte ist ja auch, dass man nur Billigst-Kunden anlockt, die bei einem Euro weniger zum nächsten Anbieter wechseln. Wirklich feste Kunden, die demnächst auch den Normalpreis zahlen, dürfte es nur wenige geben.

von Christof, 20.07.11, 01:43
"Ich wertschätze dich und dein Produkt nicht so sehr, dass ich bereit bin, den regulären Preis zu zahlen." Leider musste ich oft die Erfahrung machen, dass die Wertschätzung meines Vetragspartners mir gegenüber nahe null tendierte, sobald ein Kaufvertrag unterschrieben war. Es schien egal zu sein, dass man den regulären Preis zahlte und nicht versuchte zu drücken. Service nach dem Kauf: Fehlanzeige. Auch bei "alteingesessenen Fachgeschäften". Seitdem bin ich zum Schnäppchenjäger und Smartshopper mutiert. Viele Geschäfte haben eh schon Rabatt in ihre Preise einkalkuliert. Hier in Stuttgart bin ich auch bestens versorgt: Groupon,Dailydeal,Schwabendeal... Ich seh's so: für das Geld was ich spare, muss ich nicht Arbeiten.

von Arndt Aschenbeck, 26.07.11, 16:32
Zugegeben, mein Blog polarisiert. Und ich male bewusst schwarz-weiß. Natürlich gibt es auch unter den Anbietern schwarze Schafe, die ihre Kunden nicht wirklich wertschätzend behandeln. Und so ganz lässt sich auch das Argument, dass man durch die Coupons einen Anbieter testen kann, nicht von der Hand weisen. Bei Hotels sehe ich das allerdings ein wenig anders. Da generieren die Coupons meiner Meinung nach keine Stammkunden, sondern erziehen zum Schnäppchenjägertum.

von barthel.eu, 27.07.11, 11:40
"Alternativlos" - das "Unwort des Jahres 2010"... Nichts ist alternativlos. Es wird uns vorgegaukelt, aber es gibt immer Alternativen. Ja/Nein - die klassische. Tun/Nichttun - eine weitere. Deutschland im Schnäppchenwahn... Dazu ein Lebensmittelskandal nach dem Anderen. Deutsches Fleisch hat in der EU die niedrigste Qualität. In anderen Ländern wären derartige "Schnäppchen" schlicht unverkäuflich. Andererseits wird "Qualität" nur noch suggeriert, aber nicht mehr geliefert! Das Ganze ist aber eine gesellschaftspolitische Frage. Und so lange Politiker alles aussitzen versuchen und Qualität keine Lobby bekommt, wird das so weiter gehen! Und nun der Schwenk zur Touristik. Wenn "Qualität" im Reiseverkauf keine Lobby bekommt und jedes Reisebüro meint, nur über "billiger" mit Last-Minute-(Fress-)Zetteln die Kunden zum Besuch zu animieren, dann wird mir schlecht. Auch hier finde ich in anderen Ländern noch traditionelle "Schaufenster". » Auch in der Touristik braucht Qualität eine Lobby! « Egal ob im Reisebüro, beim "Leistungsträger", in den Medien oder (vor allem) bei den politisch angeblich doch engagierten Lobbyverbänden. Aber jeder klagt (gern und viel) über die Misstände, aber wer tut was dagegen? Wie ging die Werbung? "Wir sind Deutschland". Jeder kann für sich Entscheidungen treffen. Und in der Masse können wir dann etwas bewegen. Dazu gehört auch, sich AKTIV in die Verbände und Vereine einzubringen, nicht nur dazusitzen, sondern tun. Wie heisst es im CCC: "Wer macht, hat Recht". Wer nur dasitzt und lamentiert, aber nichts tut, der hat keine Stimme, hat sich diese auch nicht verdient! Mitarbeiten, sich engagieren: Alternativlos, wenn man etwas bewegen will!

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