Griechenland

Solidarität mit Griechenland

Der Bundestag hat dem zweiten Kredit-Hilfspaket für Griechenland zugestimmt. Aber wie soll sich die deutsche Reisebranche gegenüber ihren Partnern verhalten?

von Klaus Hildebrandt, 28.02.2012, 08:59 Uhr

Die Sommerbuchungen für Griechenland liegen stark unter Vorjahr. Marktführer TUI zum Beispiel meldete jüngst einen Einbruch um 27 Prozent. Selbst Spezialisten wie Attika mit treuen Griechenland-Fans verzeichnen Einbußen. Zu schlecht ist derzeit das Image des Landes, zu groß offensichtlich die Angst vor Streiks wie in den vergangenen Herbstferien (dabei wird auch gerade am Frankfurter Flughafen ein irrsinniger Streik durchgefochten).

Die "Bild" forderte gestern zwar ein "Stop!" für weitere Griechenland-Hilfen. Doch nach meinem Empfinden hat sich das Medienbild inzwischen gewandelt. Prägten vergangenen Sommer die Boulevard-Medien wie "Bild" ein Bild von faulen Griechen, die sich auf unsere Kosten einen schönen Tag machen, so sind nun in vielen Medien, zuletzt etwa im "Stern" oder in der "Süddeutschen", große Reportagen zu lesen, die beschreiben, welche gewaltigen Einschnitte die Bevölkerung tragen muss und wie der sprichwörtliche kleine Mann jahrzehntelanges Politikversagen ausbaden muss. Nur: Ob Beschreibungen, wie in den Städten Läden, Restaurants und kulturelle Einrichtungen schließen und stattdessen immer mehr Suppenküchen die arbeitslos gewordenen Menschen versorgen müssen, die Reiselust ankurbeln, ist auch zweifelhaft.

Bei deutschen Veranstaltern höre ich derzeit viele nachdenkliche Stimmen. Sie arbeiten sehr eng mit Hoteliers und Incoming-Agenturen zusammen, teilweise gibt es über Jahrzehnte gewachsene Geschäftsbeziehungen. Die deutschen Griechenland-Experten verurteilen auch die ineffiziente griechische Politik, aber unterscheiden klar gegenüber dem privaten Sektor, wo es sehr viele gute Hoteliers und wunderbare Gastgeber gibt. Das sind nicht nur Lippenbekenntnisse, es geht auch um ein strategisches Interesse: Griechenland ist als drittgrößtes Flugreiseziel für die deutschen Veranstalter einfach von elementarer Bedeutung, zumal Ägypten und Tunesien das Gästevolumen aus Vorrevolutionszeiten noch nicht wieder erreichen.

Ich bin gespannt, wie Griechenland sich auf der ITB präsentiert, und wie die deutschen Veranstalter noch das Geschäft ankurbeln wollen. Vielleicht ist es an der Zeit, dass deutsche und griechische Touristiker enger zusammenrücken und ein Zeichen der Solidarität setzen. Oder will die Touristik die Meinungsbildung allein den Boulevardzeitungen mit ihren Schlagzeilen von "Pleite-Griechen" (Deutschland) oder Bildern von Angela Merkel in Nazi-Uniform (Griechenland) überlassen?

Kommentare

von Jürgen Barthel, 28.02.12, 10:04
Solidarität zeigt sich immer in der Krise. Ich hatte in meiner Laufbahn mehrmals mit "Krisen" zu tun. Leider bleibt es in diesen Krisen zu häufig bei Lippenbekenntnissen. Leider gibt es im Moment zu viele "Krisenherde", egal ob Ägypten, Tunesien, Griechenland, die "Rennstrecken" der Sonnenziele sind in der Krise. Um wen soll man sich 'zuerst' kümmern?!

von Andrea, 28.02.12, 10:47
Individualreisende lassen sich nicht abschrecken. Aber im Pauschalreisesektor ist die Nachfrage sehr eingebrochen. Angst vor Streiks spielen sicher eine Rolle, aber auch die Berichterstattung, die hauptsächlich die Ausschreitungen in Athen und anderen großen Städten zeigt. Oft höre ich " wenn schon meine Steuergelder dorthin fließen, muss ich nicht noch mein eigenes Geld dorthin bringen ".

von Manfred B., 28.02.12, 13:26
Solidarität? Ich antworte mal mit Radio Eriwan: Im Prinzip ja - aber! Könnte es nicht vielleicht sein, dass auch einige der "wunderbaren" jahrzehntelangen Geschäftspartner der deutschen Reisebranche, also vor allem diejenigen, die das Tourismusgeschäft in Griechenland als Hoteliers und/oder Agenturen mehr oder weniger dominieren, auch zu jenen Groß-Steuerhinterziehern gehören, die das Land in den finanziellen Ruin getrieben haben? Und ihre Gewinne aus jahrzehntelangem, durch Nichtsteuerzahlen oder Mitkorruption erzielten Erfolg längst in die Schweiz oder sonstwohin gelenkt haben? Wenn man die Namensliste der Steuersünder kennen würde, könnte es durchaus sein, dass die Solidarität schwindet. Wäre es nicht verwunderlich, dass ausgerechnet die griechische Tourismusbranche, eine der wichtigsten Industrien des Landes, "chemisch sauber" geblieben ist? Sorry, ich glaub das nicht!

von Sylvie, 28.02.12, 13:30
Schließe mich Andrea an. Selbst Kunden, die schon in Griechenland waren, fragen, ob man als Deutscher denn auf Kreta oder Rhodos auch wirklich willkommen ist. Aber wir im Reisebüro können gerade die Stammkunden dann meistens doch überzeugen.

von Dietmar Pedersen, 29.02.12, 08:27
Warum sollte ich als Endkunde nach Griechenland fliegen? - Verschiebt sich der Hinflug, weil in Griechenland gestreikt wird? - Kriege ich Ärger mit dem Chef, weil ich wegen Streik erst drei Tage später aus Griechenland zurück komme? - Kann ich Ausflüge nicht machen, weil Fähren, Busse oder Taxis nicht fahren? Die Liste könnte man beliebig verlängern - da ziehe ich doch lieber den Sicherheits-Joker und fliege nach Spanien oder in die Türkei. Jeder Bundesbürger hat schon viel Solidarität mit Griechenland gezeigt - jeder Bundesbürger zahlt über 1.000 Euro für die bisherigen Rettungspakete.

von Horst, 29.02.12, 13:31
...und für die 1.000€ erhält Deutschland dann 3. Reich-"Satire" und weitere Vergleiche, bei denen man schnell merkt: Griechenland hat nichts dazu gelernt, Griechenland möchte nichts dazu lernen... Für das touristische Geschäft sind das alles keine Einladungen, die an potenzielle Besucher ausgesprochen werden. Sehe auch keine Notwendigkeit, das Land in irgendeiner Art und Weise zu unterstützen... Als Erfinder der Demokratie hätten die Griechen diese als Lizenz in andere Länder "vermieten" sollen - das wäre bis heute ein einträgliches Geschäft...;-)

von Konstantin Herber, 01.03.12, 17:28
Ich, Touristiker mit deutschem Vater u. griechischer Mutter, deutscher Sozialisation habe im letzten Jahr 3 Besuche in Griechenland gemacht: Mit FVW auf Rhodos und Kos als Workshop zu Gast bei den Kollegen aus den Bereichen Hotel, Incoming und Dienstleistung. Welche grandiose Leistung aller Beteiligten, welch Bemühen um Verständnis und Konsens. Die Krise war für uns akademisch und allenfalls in den ( deutschen ) Medien. Die zweite Reise führte mich privat in Aquila Elounda Village nach Kreta zu meinem wohlverdienten Urlaub, den einzigen Streik, den ich erlebt habe war die Disfunktion meines Mietwagens am Abreisetag - aber auch dieses Problem konnte schließlich gelöst werden; ansonsten die helle Freude an Qualität und Service in einem tollen Haus für alle. Und das Umfeld und Ambiente drumherum mag ein Krisenbewußtsein gehabt haben, aber keiner hat sich so verhalten. ( Sep. 2011 ) Die dritte Reise hatte es in sich : Oktober auf dem Höhepunkte der Streikwelle und der politisch ( legitimen - weil Grundrechte ) Auseinandersetzungen haben meine 89 jährige in Athen geborene Mutter und ich eine lang geplante Reise dorthin gemacht, weil sie sich von ihrer Geburtsheimat verabschieden wollte und von Menschen und Plätzen, soweit es die noch gab. Hier bin ich der Krise begegnet: Müll auf den Straßen ( Streik ) Junkies am Nationalmuseum ( Großstadt ), erregter und resignierter Diskussion der Menschen jeder Couleur ( Menschen reden und denken ) Es war nicht leicht und sehr emotional! Wenn der Wind des Lebens umserem Klientel ins Gesicht bläst, zieht es den Schwanz ein und beteuert: Man selber würde ja reisen - aber die armen Kinder könne man dem nicht aussetzen. Als ich eingeschult wurde gab es schon deutliche Hinweise darauf, daß Menschen meiner Umgebung den Anteil Griechen in mir (ein bisschen Physiognomie vielleicht oder Temperament) gerne als abgrenzungswürdig ansahen. Solidarität mit Ägypten, Tunesien etc.und auch Griechenland? Nach der Krise bitte, wann immer das ist. Oder?

von Robert, 02.03.12, 20:34
wir wissen alle wie empfindlich die deutschen Urlauber reagieren. Die Türkei wird dieses Jahr die Gästezahlen verdoppeln und in Griechenland wird der Tourismus völlig zum erliegen kommen - da muß man kein Prophet sein sondern nur Realist !

von Rita, 07.03.12, 17:25
Ich. Griechenlandurlauber. Seit 4 Jahren mache ich 2 mal im Jahr in Griechenland Urlaub. Mir persönlich ist ein NACHMITTAGSStreik widerfahren. Sonst nichts. Fliege nach Thassos , Kos , Kavala und Chalkidiki. Die Leute sind allesamt sehr nett und genauso wie in Deutschland auch manchmal etwas zurückhaltender. Allerdings muß ich sagen, nach Athen oder Thessaloniki wollte ich nicht hin. Bekannte haben mir da nicht so berauschende Sachen erzählt. Alle Welt redet von Streiks in Griechenland, aber wo werden die deutschen Streiks erwähnt.!!! Die Bahn hat schon desöfteren gestreikt, einmal sogar bundesweit. An den Flugplätzen wird auch schon mal gestreikt, genauso wie die Busunternehmen. Also ich fliege in diesem Jahr wieder ins Land, wo es wunderschön ist. Leute , um Urlaub zu machen, sollte man auch freundlich auf die Griechen zugehen, dann wird man auch so empfangen. Das ist meine Erfahrung. und ich hoffe doch sehr, daß nicht jeder so bereitwillig auf die Medien hört. Denn dort ist die Devise, schlechte Nachrichten verkaufen sich besser als gute Nachrichten. Ich bin sehr froh, daß wenigstens noch einige wenige Menschen sich selbst überzeugen und sich nicht alles einfach vorgaukeln lassen. ach, und ich bin keine Griechin. gia sas

von Bernd, 08.03.12, 13:50
Wir - Jugendgruppenreiseveranstalter - die griechischen Fähren haben die Deckpassagen-Gruppenpreise verdoppelt für die Juli und August Termine. Ergo - ab 2013 keine Jugendgruppenreisen mehr nach Griechenland ... - leider.

von Fritz, 17.03.12, 20:57
Gerade jetzt ist es wichtig, die griechische Wirtschaft zu unterstützen! Wir werden auch heuer wieder unseren Sommerurlaub im Magic Life Club auf Kreta verbringen. Das Land hat so viel zu bieten und das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt auch! Ich hätte seitens der Bevölkerung auch noch nie eine negative Stimmung gegenüber deutschsprachigen Touristen bemerkt. Ich selbst bin Österreicher, meine Frau ist Deutsche. Den Griechenland-Tourismus anzukurbeln, erscheint mir auch ein sinnvollerer Beitrag zu sein, als eine Finanz-Spritze nach der anderen nach Athen zu schicken!

von Klaus Hildebrandt, 21.03.12, 18:46
Wir berichten ja normalerweise nicht über unsere Anzeigen. Aber in diesem Fall doch: In der aktuellen TravelTalk gibt es eine Solidaritätsanzeige von TUI, Thomas Cook und Rewe Touristik für ihre griechischen Geschäftspartner. Die Anzeige erscheint auch in der nächsten fvw. Finde ich eine tolle Aktion, bekam schon per Mail positive Rückmeldungen aus Griechenland. Wohlgemerkt: Es geht um Solidarität mit den Partnern im Tourismus, nicht mit den Politikern aus Hellas.

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