Griechenland

Griechenlands Herkules-Aufgabe

Ist nur die Boulevard-Presse an den Rückgängen schuld? Oder braucht Griechenland ein neues touristisches Image, dass über Akropolis, blaues Meer und Tavernen hinaus geht? Auf dem fvw Workshop in Athen wurde heiß diskutiert.

von Klaus Hildebrandt, 04.05.2012, 18:08 Uhr

"Klaus, wann kommst Du mit der fvw wieder nach Athen?", fragte mich George Tsakiris, Präsident der Griechischen Hotelkammer, jedes Jahr auf der ITB. Denn schon vor sieben Jahren waren wir mit der fvw zum Workshop in Athen, im vergangenen Jahr ging es nach Rhodos und Kos. Doch diesmal kam dem Workshop wegen der Finanzkrise und der prekären Buchungslage eine riesige Bedeutung zu und musste deshalb einfach in der Hauptstadt stattfinden.

Ich habe das nicht bereut: Rund 200 Fachleuten diskutierten heute im Hotel Grande Bretagne intensiv, wie es wieder aufwärts gehen kann. Darunter die Verantwortlichen von zehn deutschen Veranstaltern, 25 Reisebüro-Vertreter und sehr viele Hoteliers und Incoming-Agenturen - kurz gesagt, alles was im deutsch-griechischen Tourismus Rang und Namen hat. Dementsprechend hoch war auch das Interesse von griechischen Medien, die intensiv berichten. Und die griechischen Hoteliers erwiesen sich als perfekte Gastgeber: Ein perfekt organisiertes Event mit tollen Abenden in wunderschönen Hotels.

Die gute Nachricht vom Workshop: Zumindest bei den großen Veranstaltern zeigen die Preisnachlässe Wirkung, die Buchungen ziehen nach miserablem Start ins Jahr seit einigen Wochen an. Bei Studienreise-Spezialisten ist es schwieriger, deren Kunden fürchten sich vor Streiks von Fähren und an Flughäfen, die besonders Rundreise-Gäste treffen. Die schlechte Nachricht: Obwohl es auch angesichts der Wahlen in diesem Jahr bislang viel weniger Demonstrationen als im Vorjahr und kaum Streiks gab (und auf den Inseln, wo die meisten Deutschen urlauben, davon sowieso nicht zu merken war) hat das Image von Griechenland in Deutschland doch stärker gelitten, als viele Touristiker sich dies angesichts der langjährigen sehr guten Beziehungen zwischen den beiden Ländern vorstellen konnten.

Hier rächt sich auch, dass Griechenland über die Jahre viel weniger für Marketing investiert hat als zum Beispiel Nachbar Türkei. Die Hauptstadt Athen habe, anders als etwa die Boom-Metropolen bei Städtereisen wie Berlin, Istanbul oder Barcelona, kein Image, dass über die Akropolis hinausreicht, hieß es. Aber gerade junge Leute wollen in eine Stadt fahren, die "sexy" ist, wie es TUI-Manager Günter Ihlau ausdrückte: Nightlife, Shopping, tolle Restaurants und sowieso ganz viel Kultur wie das neue Akropolis-Museum, alles das hat Ahten zu bieten. Die Reisebüros waren jeweils sehr posiviv überrascht von der Stadt, in der man fast alle Sehenswürdigkeiten zu Fuß erreichen kann. Aber bezeichnend war auch, dass kaum einer der Expedienten zuvor dagewesen war.

Ich fand die teilweise auch sehr kritischen Diskussionen heute sehr konstruktiv, es gab einige ganz tolle Redebeiträge. Ach ja, und ich würde jederzeit nach Griechenland fahren und habe mich in Athen auch beim nächtlichen Spaziergang nicht eine Minute unsicher gefühlt. Und dass die Griechen gastfreundliche und herzliche Menschen sind, habe ich nicht nur in diesen Tagen, sondern auch schon auf privaten Reisen oft erfahren.

Wie sehen Sie Hellas und Athen? Kann die Saison noch halbwegs gerettet werden, und was muss Griechenland fürs Image tun? Ich freue mich auf Ihre Meinung!

Kommentare

von Reisegilde Medici, 04.05.12, 23:14
Die Krise ist, wie ich schon oft gesagt habe, auf den Inseln nicht so deutlich zu spüren wie auf dem Festland. Sicherlich hat GR verschlafen auf die Städte reagiert denn eine Stadt wie Athen, Salaoniki und andere schlafen nie,die Griechen sind selbst ein Volk mit Nightlife Ambiente aber halt nicht für den Tourismus. Diese Saison ist gelaufen für GR denn die Nachbarstaaten haben mächtig aufgeholt,zu wünsche wäre es, das die Griechen aufwachen und jetzt schon für die nächste Saison Promtion in eingener Sache machen.Ich wünsche ihnen das sehr.

von Wolfgang K., 06.05.12, 19:54
Man sollte realistisch sein. Wunschdenken hilft nicht weiter. Meine Antwort auf die Fragen: 1. Diese Saison kann nicht mehr gerettet werden, und es steht zu befürchten, dass angesichts des Wahlergebnisses und seiner zu erwartenden Folgen auch die nächste Saison nicht wirklich besser werden wird. Das ist eine Tragödie für alle Griechen, die vom Tourismus mehr oder weniger abhängig sind. 2. Auf absehbare Zeit halte ich jede "normale" Marketingaktion für rausgeworfenes Geld: Sie wäre purer Aktionismus und würde durch die sicher und leider anhaltende negative Medienberichterstattung sofort neutralisiert. 3. Griechenland hat sich leider selbst durch eine geradezu traditionelle Steuerhinterziehungmentalität nicht nur der obersten wohlhabenden Klasse UND die weit verbreitete politisch begünstigte/geduldete Korruption in diese prekäre Lage gebracht. Das hat sicher nicht der/die ganz einfache "Mann/Frau auf der Straße" zu verantworten, die man nur bedauern kann. Das die heute auf die Straße gehen, ist nur zu verständlich. Die griechische Tourismusbranche, auch wenn sie nicht von großen Konzernen beherrscht, sondern eher mittelständisch geprägt ist, war/ist daran bestimmt nicht ganz unbeteiligt - alles andere wäre ein Wunder. Mindestens unterschwellig ärgern sich die potenziellen Griechenland-Touristen, dass sie mit ihren Steuergeldern jetzt für diesen Dauerskandal auch noch blechen müssen. Wie soll unter diesen, kurzfristig kaum umkehrbaren Umständen das Image nachhaltig verbessert werden? 4. Falls trotzdem ein solcher Versuch gestartet werden sollte, dann müsste, werblich geschickt verpackt, ein kräftiger Hauch von Selbstkritik bis hin zu einer Art Entschuldigung eingebaut werden, was geeignet sein müsste, bei potenziellen Griechenland-Urlaubern so etwas wie Mitleid oder zumindest Milde zu erzeugen. 5. Griechenland ist und bleibt ein wunderbares, ja traumhaftes Reiseland, dessen Servicementalität im Tourismus - vorsichtig ausgedrückt - allerdings leider noch nie überall "überschwänglich" ausgeprägt ist. Individuelle Ausnahmen bestätigen natürlich diese Regel. Nicht zuletzt davon profitiert seit Jahren schon der Nachbar Türkei. Mit einer künftigen Imagekampagne sollte dann gerade nach dieser dramatischen Fiasko also auch eine Servicequalitäts-Kampagne einher .gehen. 6. Was Athen angeht: Das war und ist ein Städteziel, das primär von seinen historischen Sehenswürdigkeiten lebte und auch in Zukunft leben wird.

von Jan Lehmann, 07.05.12, 21:24
Bin gerade eben von diesem wirklich interessanten, aufschlussreichen Workshop zurückgekehrt. Griechenland ist und bleibt für mich eines der schönsten und abwechslungsreichsten Ziele des Mittelmeerraumes.Die Analyse des Workshops ergab - zumindest bei unparteiischen Beteiligten - ein tatsächlich etwas lethargisches Verhalten der griechischen Hoteliers angesichts der gegenwärtigen Situation. Bisher sind bei früheren Workshops in anderen Destinationen die Hoteliers immer sehr interessiert auf die touristischen Partner zugegangen und haben versucht, deren Wünsche umzusetzen, bzw. zumindest nachzuvollziehen. Ich habe in diesem Jahr fast alle meine Visitenkarten wieder mitgenommen, da viele griechische Hoteliers offenbar noch immer im Vertauen auf die Wirkung der bekannten Tugenden - der wundervollen Landschaft, der archäologischen Kunstschätze und der hochgelobten Gastfreundlichkeit eine Art Stolz an den Tag legen, der mittlerweile wohl unangebracht sein dürfte. Kritische Stimmen der Workshopteilnehmer wurden von deren Seite jedenfalls mit deutlichem Trotz und Unverständnis zur Kenntnis genommen. Allerdings hilft es wohl nicht, mit der rhetorischen Keule draufzuhauen. Für uns Reisebüros wäre es sicher einfacher, statt beim Kunden mühsam und mit hohem Beratungsaufwand das Vertrauen wiederherzustellen, andere Ziele leicht zu verkaufen. Dies hilft aber langfristig keinem, da auch wir Reisevermittler auf ein maximal reichhaltiges, ausgewogenes Angebot angewiesen sind. Angesichts der vielen Kriesen und Unruheherde in der Welt können wir uns den touristischen Niedergangs eines solch wichtigen und attraktiven Reiseziels schlichtweg nicht leisten. Sicher haben viele griechiche Hoteliers noch gewaltig umzudenken. Wir sollten sie dabei aber unterstützen und unseren Teil in Form von noch kompetenterer Beratung des Kunden und intensiver Empfehlung dieser wundervollen Destination dazu beitragen. Ich möchte mich bei allen Organisatoren und Sponsoren dieses wirklich gelungenen und fachlich hervorragenden Events ganz herzlich bedanken. Wir sind überall mit großer Herzlichkeit, Großzügigkeit und Gastfreundschaft empfangen worden...und wer weiß...angesichts des denkwürdigen Wahlausgangs, wäre die Ernennung von Klaus Hildebrand zum neuen griechischen Tourismusminister wirklich gar keine soo schlechte Idee...;o)

von Andreas Stefanis, 08.05.12, 15:50
Der FVW Workshop setzte ein klares Zeichen: Hellas braucht fähige Technokraten, die in der Lage sind, mit einem glaubwürdigen touristischen Masterplan, der die Grundlagen für nachhaltiges Wachstum schafft, Wachstum zu generieren. Meine Landsleute werden hoffentlich rechtzeitig verstehen können, dass Aktionismus nun "passe" ist. Eines ist sicher: Jeder Deutsche, der dieses Jahr seinen Urlaub in Griechenland bucht, wird dem Land helfen, nicht weiter tiefer in die Krise abzurutschen, denn dies hätte fatale Folgen für alle Europäer. Daher würde ich doch eine Kampagne empfehlen nach dem Motto "Buchen Sie jetzt Ihren Sommerurlaub und bekommen Sie einen Bonus für einen Winter-Städtetrip nach Athen". Viellicht kann man noch mit dem Last Minute Geschäft die noch bestehenden Rückgänge der Buchungen abfangen. Um dies zu erreichen müssen allerdings die Griechen-Touristiker (Verbände, Hoteliers, Tourismusunternehmer) Ihre Hausaufgaben machen. Griechenland ist zweifellos ein einzigartiges, ein ganz besonderes schönes Land. Die Vielfalt der Inseln und der Regionen, die Kulturgeschichte, die unberührte Natur und die Gastfreundschaft der Griechen sind einige der Differenzierungsmerkmale des Landes der Götter. Es ist Zeit nun diesem ungeschliffenen Diamant seinen Glanz zurück zugeben, damit seine Wertigkeit nicht verloren geht. Nochmals herzlichen Dank für die Ermöglichung der Teilnahme an diesem FVW Workshop in Athen. Es war wieder sehr schön, mit Euch zusammen unterwegs zu sein. Euer El Greco aus Potsdam!

von Bernd Kersting, 10.05.12, 21:54
Ich bin erst heute aus Athen zurückgekehrt und habe nach den wirklich sehr interessanten Tagen im Rahmen des fvw-workshops noch ganz allein die Atmosphäre nach der Wahl dort genossen. Zunächst zum workshop: Es war ein sehr gutes Programm vorbereitet worden und der gesamte Ablauf kann nur als gelungen bezeichnet werden. Gerade für einige Erstbesucher des Landes bzw. Athens war es in der jetzigen politisch angespannten Situation besonders aufschlussreich, Land und Leute kennenzulernen. Beim workshop selber wurden viele Themen angesprochen, konnten aber aus Zeitgründen leider aber auch nicht abschließend diskutiert werden. Fazit des workshops im traditionsreichen Hotel Grande Bretagne war aber u.a.: Es gibt viel zu tun! Die griechischen Touristiker müssen Mittel und Wege finden, das Land wieder mehr für unsere Kunden interessant zu machen. Der einige Male angesprochene Vergleich mit dem Angebot in der Türkei, wo die Zahlen in jeder Beziehung stimmig sind, sollten die griechischen Experten zu Überlegungen zwingen….Das Preis/Leistungsverhältnis muß passen und die AI-Angebote sollten von griechischer Seite vermehrt angeboten werden. Ich habe in den letzten Tagen allein vor Ort einige Eindrücke gesammelt, habe mit Griechen über das Wahlergebnis diskutiert und mir auch mal die genaueren Preise, auch die Nebenkosten, in verschiedenen Hotels angesehen. Unbestritten dürfte sein, dass viele 5-Sterne-Hotels in Griechenland in mancherlei Hinsicht komfortabler sind als diese Hotelkategorie in der Türkei. Nur in der heutigen schwierigen Situation, wo auch der deutsche Kunde noch preisbewusster reist, braucht der Urlauber attraktive Angebote, die auch bezahlbar sind. Der fvw-Workshop fand punktgenau in einer Zeit in Griechenland statt, in der durch die politisch unklare Situation die gesamte Reise schon recht spannend war. Mit viel Engagement der griechischen Seite wurden uns die Schönheiten des Landes vorgestellt.. Das fvw-Team hatte –wie immer- ganze Arbeit geleistet und dafür kann man nur sagen: Superevent und ein herzliches Dankeschön! Die Zukunft des Landes, aber auch die Zukunft des Tourismus, liegt in den Händen der Griechen. Wir werden beobachten, was kommen wird und man kann diesem schönen Land mit beeindruckenden Landschaften, wunderschönen Stränden und netten Menschen nur alles Gute wünschen.

von Angela M., 19.05.12, 15:08
Die Hand, die einen füttert, sollte man nicht beißen.

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