Griechenland

Griechenland: Jetzt erst recht!

Griechenland-Krise auf allen Kanälen – wie wirkt sich das auf den Tourismus aus?

von Klaus Hildebrandt, 29.04.2010, 13:27 Uhr

Unsere Redaktion bekam gerade einen Anruf vom ZDF-Magazin Wiso: Sie hätten gerne vor laufender Kamera ein Expertenstatement zu der Frage: "Griechenland buchen - ja oder nein?" Ja, liebe Mainzelmännchen, was sollen wir denn dazu sagen? Etwa "nein"? Wir bekommen übrigens häufig ähnliche Anfragen (gerne auch von Privatsendern) und hüten uns tunlichst, der Branche in den Rücken zu fallen.

Abgesehen davon wäre es auch idiotisch, von Griechenland abzuraten. Ich habe selbst dort mehrmals tolle Urlaube verbracht, auch auf unsere Events wie einen fvw Workshop auf Rhodos und eine Counter Trophy in Athen werde ich immer noch von ehemaligen Teilnehmern angesprochen, so viel Spaß hat das gemacht.

Die Veranstalter berichten unisono, dass trotz der heftigen Berichterstattung von "Bild" und anderen Boulevardmedien gegen die "Pleite-Griechen" die Buchungen keineswegs im Keller sind. Das ist allerdings auch eine Frage des Ausgangsniveaus, denn Hellas verliert seit Jahren in Deutschland Marktanteile, vor allem an die Türkei mit ihren großen AI-Resorts.

Die stellvertretende Tourismusministerin Angela Gerekou wird von der "Süddeutschen Zeitung" zitiert, Griechenland habe "sich nie richtig bemüht, die Reisenden anzulocken". An dieser Selbstkritik ist viel Wahres, allzu lange hat sich vor allem das Fremdenverkehrsamt darauf ausgeruht, dass die Deutschen schon von alleine kommen.

Während viele Hoteliers sehr professionell agieren – man denke nur an bekannte Marken wie Grecotel, Sani oder Aldemar – hat die Regierung kaum etwas getan. Fast jedes Jahr wechselt der Tourismusminister, mit ihm die gesamte Führung der nationalen Tourismusorganisation und fast jedes Jahr gibt es einen neuen Werbeclaim (als noch Geld für Werbung da war).

Hinzu kommt Korruption auch im Tourismus. Die griechische Tageszeitung "Eleftherotypia" berichtet etwa, dass 2008 der damalige Tourismusminister Aris Spiliotopoulos 2008 die Gesellschaft Agrotima gründete, die den Landwirtschaftstourismus fördern sollte. 450.000 Euro Kapital hätten sich schnell in Luft aufgelöst, die Gesellschaft hinterließ zwar keine vorzeigbaren Ergebnisse, aber 620.000 Euro Schulden. Nutznießer seien gerade einmal 34 Schützlinge des Ministers gewesen, schreibt die Zeitung.

Es sei in diesen Tagen nicht leicht, Kunden für Griechenland zu begeistern, sagte mir diese Woche eine Expedientin, die selbst das Land schätzt. An der Schönheit des Landes, an seinen Sehenswürdigkeiten, am blauen Meer und dem Geschmack des Ouzo hat die Finanzkrise nichts geändert, wohl aber am Image des Landes. Also ein klares "Ja" auf die Frage nach der Griechenland-Buchung. Doch genauso wie bei der Haushaltssanierung müssen die Griechen auch im Tourismus endlich die Ärmel hochkrempeln.

Kommentare

von Herbert, 29.04.10, 15:01
Jedes demokratische Land hat die Regierung, die sie sich gewählt hat - und die hat sie sich dann auch verdient. Das gilt in besonderer Weise für Griechenland, dem (einstigen) Mutterland der Demokratie. Man darf getrost davon ausgehen, dass auch ein großer Teil der griechischen Tourismuswirtschafts-Akteure direkt oder indirekt am jetzigen Desaster demokratisch beteiligt waren und sind. Mitleid wäre hier völlig fehl am Platze. Und was die ständig wechselnden politischen Tourismusverantwortlichen und deren jeweilige Entourage anbelangt, so wurden diese - falls sie sich in ihrer Amtszeit nicht selbst haben korrumpieren lassen oder für sich zumindest die Voraussetzungen für anschließende "reiche Ernte" geschaffen haben sollten (kaum anzunehmen, dass das einem/einer misslungen sein sollte!), dann wurden sie mit fürstlichen Pensionen in den politischen Ruhestand geschickt bzw. hioch dotierten Pöstchen versorgt. Die wirklich "Leidtragenden" sind - neben dem wirklich ganz einfachen Bürger des Landes, eigentlich die Touristen, die mit Sicherheit die Folgen dieses (bisher) einmaligen Desasters an vielen Ecken und Enden spüren werden: Unberechenbare Streiks bis hin zu sozialen Unruhen (denn das Volk, insbesondere die Masse der in Staats- oder staatsnahen Diensten beschäftigten sieht ja nicht ein, dass sie über ihre Verhätnisse gelebt haben), möglicherweise Qualitätseinbrüche bei der touristischen Hard- und Software (mit schlimmen Folgen für die Zukunft), bis hin zu Hassgefühlen gegenüber Gästen aus Ländern, in denen die europäischen Hilfsmaßnahmen heftig umstritten waren und sind (in Deutschland gezielt geschürt von den Chef-Demagogen der BILD-Zeitung). Bräche der Tourismus zusammen, würde das Desaster noch verstärkt. Bleibt nur zu hoffen, dass das nicht passiert - und da mögen die Negativ-Nachrichten aus Spanien und Portugal, demnächst vielleicht auch noch Italien, für Griechenland geradezu "hilfreich" sein, denn so relativiert (oder sozialisiert?) sich die Problematik auf 4/5 der Gestade des (europäischen Teils des) Mittelmeers. Die Türkei wird und kann sich freuen!

von Wolfgang Hoffmann, 30.04.10, 10:34
Zur Zeit der Militärjunta bin ich schon über den Autoput nach Griechenland gefahren und hatte immer das Gefühl das Staat und Einwohner hinter jeweils einer dicken Mauer getrennt leben. Gesetze waren für den Griechen unverbindliche Empfehlungen. Das macht dieses land so liebenswert. Eine liebenwerte Anarchie, menschlich und auf ganz normalem sozialem Level. Die Familie ist etwas, was wir Deutschen schon fasst nur noch aus Wiederholungen von alten Millowitsch-Filmen kennen. Und die Lebensart der Griechen tut uns Deutschen ebenso gut, wie das gesunde Essen, das sonnige Klima und das Gefühl, in einem Land Gast zu sein, was sich nicht auf Deuvel komm raus der Werbung von Touristen verschrieben hat. Wir verkaufen Griechenlandurlaub weiterhin, und wenn wir mal wieder Zeit zum slbst Verreisen haben, dann werden wir uns eine der 90% Inseln anschauen, die wir noch nicht besucht haben - gefühlt, kennen wir allerdings schon 500 griechische Inseln.

von Charly, 30.04.10, 11:51
Klar sollen die Reisebüros und Veranstalter weiter Griechenlandreisen verkaufen! Alte Geschäftsverbindungen zu Kollegen die man oft persönlich kennt, unterbricht man nicht in stürmischen Zeiten. Aber ist es ein Wunschdenken daß Reisende bei evtl. Versorgungsschwierigkeiten / Streik / Demonstrationen etc. die Toleranzschwelle auch höher ansetzen ? Oder wird der Veranstalter mit Reiseminderungsansprüche rechnen müssen, die ihn für sein Engagement zusätzlich "belohnen" ? Wir kennen doch alle die Vollkasko-Mentalität der Reisenden.

von Dieter, 01.05.10, 16:15
Natürlich soll weiterverkauft werden aber wir sollten uns hüten, irgendwelche Prognosen und Einschätzungen bezüglich des Verlaufs des grieschischen Urlaubssommers abzugeben. Politische Diskussionen oder Überzeugungsarbeit haben am Counter nichts zu suchen. Nach der Analyse der Urlaubswünsche unseres Kunden gehört das Griechenlandangebot genauso auf den Tisch wie Mallorca, Türkei oder Ägypten. Der Kunde soll entscheiden - nicht wir

von sevenseos, 02.05.10, 16:19
Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sichs gänzlich ungeniert. Leider gilt dieser Spruch vielleicht für Individueen, nicht jedoch für Staatengebilde. Politisch unruhige Gebiete sind keine Empfehlung für das Gros der Urlauber, eventuell noch für nostalgische Abenteurer, die das als liebenswerte Anarchie betrachten. Griechenland verkaufen, JA, aber mit der dazu gehörenden seriösen Beratung und entsprechendem Hintergrundwissen.

von Wolfgang Hoffmann, 03.05.10, 11:50
<<< Politische Diskussionen oder Überzeugungsarbeit haben am Counter nichts zu suchen.>>> Hallo Kollege Dieter, wir werden immer angesprochen, wenn ein Zielgebiet medial belastet ist. Egal, ob Seuchen oder politische Unwägbarkeiten, unsere Arbeit bezieht sich auch auf Diskussionen mit Kunden, inwieweit aus unserer fachlichen Sicht, ein Urlaubsziel den Ansprüchen unserer Kunden genügt. Dabei ist es selbstverständlich immer individuell, wen wir vor uns haben, was wir glauben, einem Kuden zumuten zu können und wie wir selbst, persönlich die Situation einschätzen. Und genau das ist es, was den "Counter" ausmacht: Der persönliche Kontakt, das Menschliche. Angesichts der Konkurrenz durch anonyme Buchungsmöglichkeiten via IBE oder Callcenter ist es das, was wir "Stationären" (Neudeutsch: Offliner) als USP in den Markt posauenen können. Dass wir die einzigen sind, die in dieser Branche jemals über einen nennenswerten Zeitraum als einzig zuverlässige Partner der VAs, Airlines und Hoteliers getestet und für gut befunden sind und, dass wir überhaupt diese Tourismusindustrie aufgebaut, die Konditionen zwischen Verbrauchern und Herstellern in langen Beziehungen ausgemendelt haben..., dafür können wir uns ja scheinbar nix mehr kaufen!

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