Griechenland

Der Grexit als Tourismus-Schreck

Gescheiterte EU-Verhandlungen, Staatbankrott, Notstandsgebiet, Grexit – die Griechenland-Debatte nimmt hysterische Züge an. Das strahlt auf den Tourismus aus.

von Klaus Hildebrandt, 16.06.2015, 17:14 Uhr

Auf allen Kanälen geht es um die Euro-Debatte und die drohende Zahlungsunfähigkeit Griechenlands. Kurz vor den Sommerferien ist das auch ein Reisethema. Sind die Hotelbuchungen bei einem Ausstieg aus dem Euro noch sicher? Bekämen Urlauber am Bankautomaten noch Bargeld? Diese Fragen werden in den Reiseteilen der Zeitungen erörtert. Den Urlaubern entsteht durch einen Grexit kein Nachteil, wird Prof. Volker Böttcher von der Hochschule Harz – der Branche als langjähriger Chef der TUI Deutschland bestens in Erinnerung – zitiert. Flüge und Hotels der Veranstalterkunden seien bereits in Euro abgerechnet. Und überhaupt, so fügen einige Experten an, könne der Tourismus doch nur von der Rückkehr zur Drachme profitieren, weil diese gegenüber dem Euro stark abwerten und Urlaub in Hellas dann viel günstiger würde.

Doch das ist ein gefährliches Kalkül. Ein Ausstieg aus dem Euro könnte der griechischen Wirtschaft zwar langfristig auf die Beine helfen. Aber kurzfristig würde ein Chaos ausbrechen, befürchten griechische Hoteliers. Banken könnten zusammenbrechen, die Wirtschaft in eine Schockstarre verfallen, die Arbeitslosigkeit noch höher steigen. Der Chef des griechischen Branchenverbands Sete, Andreas Andreadis, warnt deshalb seit Monaten vor einem Grexit. Welcher Gast wolle schon in einem Notstandsgebiet und umgeben von einem wirtschaftlichen Chaos seine Ferien verbringen, so Andreadis, der selbst Hotelier ist. Das träfe auch deutsche Reisebüros, Veranstalter und Ferienflieger, für die Griechenland ein wichtiges und margenstarkes Ziel ist.

Die Regierung Tsipras gilt auch bei griechischen Touristikern in ihrer Finanznot als unberechenbar. Gerüchte, Finanzminister Varoufakis wolle kurzfristig und mitten in der Saison die Mehrwertsteuer auf Hotelübernachtungen und eine Bettensteuer für Luxusherbergen einführen, erhalten neue Nahrung. Bei Regierungsanhängern wiederum macht die Verschwörungstheorie die Runde, die großen Veranstalter aus Deutschland und Großbritannien würden gezielt Urlauber in die Türkei umsteuern, um den Druck auf das Land zu erhöhen. Dass der Gast selbst entscheidet und die Türkei vor allem wegen der starken Preissenkungen im Last-Minute-Geschäft gut läuft, steht auf einem anderen Blatt.

Die Krise berührt den Tourismus also unmittelbar. Sie darf aber nicht dazu führen, dass wie vor drei Jahren auch die Griechenland-Verbundenheit vieler Urlauber und das Vertrauen der Touristiker aus Deutschland und Griechenland untereinander Schaden nehmen.

Kommentare

von Petra Kuhlendahl, 16.06.15, 21:53
Leider ist bei uns die Griechenlandnachfrage in den letzten drei Wochen schon total eingebrochen. Es wird die Angst vor Generalstreiks laut weil man dann festsitze wenn z.B. die Fluglotsen streiken etc. Dabei lief alles so gut an , da helfen die Medien natürlich mit ihren Horrormeldungen aus Wirtschaft , Politik und der Flüchtingswelle nicht wirklich.

von Dietmar Pedersen, 17.06.15, 20:25
Schade für Griechenland. Aber die griechischen Wahl-Schafe haben sich ihre Schlächter Tsipras und Varoufakis selbst gewählt.

von Sylvie, 18.06.15, 09:10
Das ist wirklich eine griechische Tragödie. Die Kunden waren in den vergangenen zwei Jahren hochzufrieden, in den Hotels wurde viel renoviert und sogar endlich mal neue gebaut. Jetzt ist wieder Stillstand. Aber nicht, weil wir im Reisebüro "umsteuern", sondern weil die Bildzeitung seit Monaten draufhaut und die Kunden bei Griechenland ein dumpfes Gefühl haben.

von Robert, 28.06.15, 14:21
Sonntag, 28. Juni 2015 EU Finanzen Tourismus Griechenland NiederlandeNiederlande warnen Griechenland-Touristen Den Haag (dpa) - Angesichts der sich zuspitzenden Finanzkrise Griechenlands haben die Niederlande Touristen vor einer Reise in das Land zu erhöhter Aufmerksamkeit ermahnt. «Bereiten Sie Ihren Aufenthalt besonders gut vor, und achten Sie auf Veränderungen der Situation», schreibt das niederländische Außenministerium auf seiner Homepage. Urlauber sollten auf jeden Fall genügend Bargeld mitnehmen. Touristen wird auch dringend geraten, sich ständig über die jüngsten Entwicklungen in ihrem Urlaubsland zu informieren. Quelle: n-tv.de , dpa

von Robert, 07.07.15, 11:25
"Der Schaden ist schon entstanden. Bereits nach der Ankündigung des Referendums sind vor allem Individualurlauber abgereist. Pauschalreisende sind bisher geblieben. Allerdings gibt es Stornierungen für die nächsten Monate. Christos Pilatakis, Hoteldirektor auf Rhodos" Was haben wir aus dem ganzen Griechenland-Dilemma gelernt? - Glaube heutzutage niemals die Propaganda die in der Zeitung steht - sonst bist du verloren!

von Thomas, 09.07.15, 12:49
Der Schaden ist defintiv da. Auch wenn jetzt gemeinsam eine Lösung gefunden wird, braucht es viel Arbeit und Zeit, bis das ganze aus den Köpfen der Menschen verschwindet.

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