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Google, ITA und der Long Tail

Es wäre schon merkwürdig, wenn sich die künftige Google-Tochter ITA Software nicht auch mit Hoteltarifen auseinandersetzen würde. Noch merkwürdiger wäre allerdings, wenn die interne Auseinandersetzung ein bahnbrechender Erfolg wird.

von Dirk Rogl, 13.07.2010, 14:06 Uhr

Das Gerücht ist eine Pflichtlektüre für Traveltech-Interessierte: Recht lautstark platzierte ein amerikanischer Blogger gestern die Meldung, dass sich der von Google umworbende Flugdatenspezialist ITA Software bereits mit dem Thema Hotelsuche beschäftigt haben soll. Die Quelle bleibt im Dunkeln, der Wahrheitsgehalt auch. Doch bei näherer Betrachtung muss die Sache stimmen. Wer soviel Energie dafür aufbringt, den amerikanischen Airlinemarkt nach den besten Tarifen zu durchsuchen, der würde geradezu fahrlässig handeln, wenn er nicht prüfen würde, ob die Technik auch im Hotelgeschäft funktioniert.

Wie groß ist also die Chance, das Google und ITA den Hotelmarkt ähnlich aufräumen, wie einige Experten das für das Fluggeschäft erwarten? Meines Erachtens (andere schreiben an dieser Stelle: "Nach Angaben von Insidern") ist damit kaum zu rechnen. Mal abgehen davon, dass Google und ITA enorm viel Arbeit vor sich haben, den europäischen Flugmarkt ähnlich transparent abzubilden wie in Nordamerika möglich, funktioniert das Hotelgeschäft nach anderen Regeln. Die Summe der verfügbaren Flugtarife geht zwar in die Milliarden, ist aber endlich. Die Zahl der Airlines, die ihre Tarife nicht über gängige Systeme (Atpco, GDS) publizieren, ist durchaus überschaubar und zumindest technisch beherrschbar.

Ganz anders ist die Lage in der Hotellerie. Schon die Anzahl der weltweiten Hotels ist eine Definitionssache. Der "Long Tail" an kleineren Übernachtungsbetrieben (Bed & Breakfast, Privatunterkünfte, Ferienwohnungen) ist für niemanden überschaubar. Hotel-Metasearcher wie Trivago oder TravelIQ sind im Aufwind, weil es Ihnen gelingt, die Preise führender Hoteldatenbanken miteinander zu vergleichen. Das ist eine Herkulesaufgabe, aber alles andere als vollständig. So lange sich Teile der Hotellerie der elektronischen Buchung verschließen (und das ist de fakto immer noch der Fall) ist selbst das Web kein transparenter Indikator für die Preisentwicklung.

Und: Natürlich gibt es mit dem Switch-System Pegasus einen zentralen Pool für Hotelpreise. Doch selbst in diesem gewaltigen System sind nicht alle Hoteltarife gelistet. Die Hotelportale trumpfen auf mit selbst verhandelten Raten und Best-Preis-Garantien. Veranstalter verfügen über exklusiven Fix- und Pro-Rata-Kontingenten, die in Zeiten schwacher Nachfrage immer wieder mal in den Einzelplatzverkauf gelangen.

Google hat dies gewiss erkannt und wird darauf seine Lehren ziehen. Schon denkbar, dass die QPX-Technik von ITA langfristig auch Hoteltarife listen kann. Eine Erfolgsstory ist das allein nicht. Erfolg hat der, der auch den "Long Tail" im Bettengeschäft bestmöglich abbildet. Darum rangeln GDS und führende Hotelportale. Und Google rangelt bereits kräftig mit. Relevant sind die Place Pages, die zunehmend inklusive der Hotelpreise im Routing-Dienst Google Maps / Earth integriert sind. Dass dieser für die Reiseplanung immer wichtiger wird, steht außer Frage. Und je höher die Relevanz von Google Maps, umso größer wird die Verlockung der Hotelanbieter, die attraktivsten Daten aktiv an Google zu melden.

Gelingt Google eine echte Killer-Applikation für die Reiseplanung - wohl auch mit Hilfe von ITA im Fluggeschäft - dann wird Google immer mehr Hotel-Content frei Haus geliefert bekommen. Führende Hotelanbieter haben diese Mischung aus Risiko und Verlockung längst erkannt und wägen genau ab, welche Datentiefe sie in den Place Pages zur Verfügung stellen. Über eine intelligente Suche allein lässt sich der Hotelmarkt hingegen wohl nicht knacken. Oder irre ich mich?

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