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Google+ITA: Ein Gigant auf Reisen

Wohin geht die Reise bei Google? Mit dem Kauf des Flugtarifspezialisten ITA hätte Google alle Freiheiten. Die Langweiligste davon: Google wird zum Reisebüro.

von Dirk Rogl, 21.04.2010, 12:36 Uhr

Noch ist es nur ein Gerücht, doch es hält sich derart hartnäckig, dass auch wir es für recht glaubwürdig halten. Google soll nach einem Bericht der Business Week Interesse an einer Übernahme von ITA Software haben. Laut interner und wie alles an dieser Story völlig unbestätigter Angaben könnte sich der Software-Gigant die Übernahme rund eine Milliarde US-Dollar kosten lassen.

Travel-Technologen in aller Welt sind begeistert von der Vertriebssoftware der Amerikaner. Die Tarifdatenbank QPX füttert Meta-Suchmaschinen wie Kayak mit aktuellen Flugtarifen. Das Airline-Reservierungssystem RES ermöglicht Airlines wie Air Canada aber auch Consolidator den Verkauf von Zusatzleistungen. Und die eigene Flug-IBE erfreut sich insbesondere auf amerikanischen Portalen steigender Beliebtheit. ITA Software ist mit hohem Risikokapital ausgestattet und soll angeblich mehr als 400 Entwickler beschäftigen. Nur in einem Land ist ITA Software bislang kaum präsent: Deutschland.

Die deutschen Eigenarten im GDS-Geschäft (Toma, Verk) bringen es mit sich, dass ITA gegen die deutschen Platzhirschen Hitchhiker, Interes, Partners und Ypsilon.net einen schweren Stand hat. Aus globaler Sicht ist das aber für Investoren offenbar wenig beeindruckend. Spannender ist da sicher schon, das ITA jene Portale mit leidlich exklusivem Content versorgt, die Google das Leben im SEM-Geschäft schwer machen. ITA liefert aktuelle Flugtarifdaten an Preisvergleichssysteme wie Kayak.com, Sidestep, die Travelzoo-Tochter Fly.com und auch an die Microsoft-Tochter Bing.

Bing.com wiederum hat in den USA mit dem Tarif-Prognose-Tool Farecast einen echten USP, den Google mit ITA als Tochter so nicht hätte. Die Preisprognosen von Bing in den USA hingegen sind bislang einzigartig. Flugtarifdaten gibt es überall, von den GDS, per Screenscraping und Direct Connect und natürlich von den oben genannten deutschen ITA-Konkurrenten. Was also hat Google noch mit ITA vor? Es wäre grob fahrlässig und geradezu phantasielos, wenn die Suchmaschine selbst in den touristischen E-Commerce einsteigen würde (siehe Eblog vom 24. März).

Was Google hingegen sichtlich bleiben und werden möchte, ist die erste Anlaufstelle für Reiseentscheidungen zu sein. Georeferenzierte Dienste wie Google Maps und Streetview, die derzeit massiv ausgebaut werden, haben primär einen touristischen Nutzen. Gleiches gilt für mobile Dienste, die auf dem Google-System Android basieren. In den Place Pages von Google Maps zeigt Google bereits, dass auch Preisdetails künftig zum Info-Angebot gehören. Für Flüge fehlen solche Daten noch. ITA Software könnte diese Tarife liefern, zumindest in den USA. Wo und wie diese Daten in das Google-Imperium eingebunden werden, ohne die eigenen Werbekunden aus der Touristik zu verprellen, ist eine offene Frage. Mein Tipp: Google will die Tarifdaten und das technische Know-how etwa über Schnittstellen zu Buchungssystemen und Tarifdatenbanken.

Was Google genau macht, wird in den USA entschieden. Genau hier spielt Konkurrent Bing Travel seine technisch bedingten Vorteile im Reisevertrieb voll aus. In Europa sind Microsoft/Bing und offenbar auch Google/ITA dazu noch nicht in der Lage. Ein Grund ist, dass Toma-basierte Veranstalter-Tarife, Ferienflüge und Screenscraping a la Ryanair in der nordamerikanischen Geschäftslogik so nicht vorkommen. Schauen wir also gespannt nach Amerika, genießen wir Googles Flirt mit der Travel Technology und beschäftigen wir uns mit den wirklich wichtigen Fragen:

Wer würde Tarifdaten von Google kaufen, wenn es Alternativen gibt? Wo liegt der wirkliche USP von ITA? Wie kann Google davon profitieren? Und: Unter welchen Umständen könnte Google vielleicht doch zum Reiseanbieter werden? Ich freue mich auf Ihre Meinung.

Kommentare

von Florian, 21.04.10, 14:04
Der Vorteil von ITA gegenüber den europäischen GDS-Konkurrenten ist der einzigartige Fare Calender, mit dem Metasuchen und OTAs eine Kalenderansicht für günstige Flugpreise/daten darstellen können. DIese Technik gibt es zwar in Europa bereits, aber nur via Cache, nicht in Echtzeit. ITA wäre eine echte Bereicherung auf unserer Seite des Teiches, aber bitte nicht unter dem Krakenarm von Google!

von David Friderici, 21.04.10, 14:17
Ich glaube nicht, dass sich ITA schwer tun würde in Deutschland Fuss zu fassen. Technologisch würde mir kein Grund einfallen, wieso sie in Deutschland nicht genauso erfolgreich sein sollten wie in den USA. Auch ist es sicherlich so, dass beeindruckend ist, wie "GDS unabhängig" sie ihre Flugsuchen implementiert haben. Sie verarbeiten Tarife von ATPCO, womit sie in Bezug auf Content theoretisch ähnlich vollständig sein könnten wie die GDSs, sie verarbeiten und kalkulieren Taxes ohne auf das GDS angewiesen zu sein und selbst beim Thema Inventory können sie teilweise auf Direktanbindungen zurückgreifen. D.h. sie können theoretisch das, was keiner der europäischen Hersteller zur Zeit kann GDS unabhängig, sprich ohne weitere Transaktionskosten Low-Fare-Searches durchführen und das in teils beeindruckenden Geschwindigkeiten und mit einer beeindruckenden Tarifvielfalt. Eine solche Technologie ist für Google gerade zu verzückend und wenn man sich den Trend der vergangen Monate und Jahre anschaut, scheint mir doch fast klar in welche Richtung dieser Angriff geht. Ich denke nicht, dass sie selbst in das Fluggeschäft einsteigen, ich glaube aber sehr wohl, dass es Ziel sein wird DIE Meta-Search-Engine zu sein. Die Technologie dafür haben sie, eine Grossteil des Contents bis auf den jeweils individuellen haben sie auch. Ich denke also, wir werden es in Bälde erleben, dass wir "Frankfurt New York am 22. Juni hin, 29 Juni zurück" in Googles Suchschlitz eingeben und uns Google dann mit Meta-Search-Ergebnissen erfreuen wird. Vielleicht noch ein Wort zur Verbreitung in Deutschland oder Europa im allgemeinen. ITA einzusetzen war bislang mit für europäische Tourismusbranchen-Verhältnisse nicht akzeptabelen, weil hohen Kosten verbunden. Ein wichtiger Teil des Flugcontents kam zudem bisher aus Consolidator-Datenbanken, die bislang nicht über ATPCO abrufbar waren. Der Vollständigkeit halber sei hier noch erwähnt, dass auch wir bei HitchHiker mit unserem Xtreme Pricer eine Lösung in den Markt bringen, die in Bälde ebenfalls ATPCO Tarife und Taxes wird verarbeiten können. Auf Consolidator Datenbeständen arbeitet der Xtreme Pricer schon jetzt sehr ähnlich dem was ITA Software anbietet.

von David Friderici, 22.04.10, 17:38
Kleiner Nachtrag. Die Flugsuche auf Bing wird übrigens nicht durch die von Microsoft gekaufte Software Farecast durchgeführt. Die Flugsuche wird durch Orbitz durchgeführt. Brisant ist jedoch, dass Orbitz offentsichtlich die Engine von ITA im Einsatz hat (http://itasoftware.com/about_us/cs_orbitz.html). Das Stückchen Farecast Technologie ist zwar sehr interessant und kurzweilig, aber keine Rocket Science, es wird Google kein Problem bereiten ähnliches zu implementieren. Unterhaltsam wird sicherlich, wie Microsoft dann demnächst seine Flug-Suchen durchführen wird ... wohl kaum über Orbitz ...

von Daniel, 22.04.10, 22:24
@David Orbitz hat die Engine von ITA im Einsatz, jedenfalls war das einem Artikel in der Financial Times Deutschland von heute zu entnehmen. Und klar ist auch, dass Google seine Marktmacht, sein Geld und sein Know-How einsetzen wird, um weitere Märkte zu erschließen.

von David Friderici, 23.04.10, 18:54
@Daniel und klar ist wohl auch, dass das nicht zusammenpasst, dass Microsoft Bing Orbitz verwendet, die wiederrum ITA verwenden, die dann demnächst zu Google gehören.

von David Friderici, 23.04.10, 20:23
Und hier noch ein interessanter Link auf Phocuswright zum Thema, mit Kommentaren, die die Metasearch-Vermutung zum Teil untermauern. http://ow.ly/1CgEt

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