Google

Die Gewinner des Chaos-Prinzips

Brauchen wir noch Full Content, neue Datenformate, Attribute, XML-Schnittstellen, Preis- und Produktgleichheit? Auf diese hoch politische Antwort gibt es hier keine abschließende Antwort. Der Blick auf die neue Generation der intermodalen Routenplaner zeigt aber. Es geht auch anders

von Dirk Rogl, 28.11.2013, 14:37 Uhr

Wie komme ich spät abends, wenn der letzte Bus abgefahren ist, am besten in mein doch sehr ländliches Zuhause. Seit einigen Tagen, rund zehn Jahre nach dem Einzug in eben jenes Heim, kenne ich endlich die Antwort: mit einem Carsharing-Angebot von Drivenow oder Car2go. Und was ist die billigste Alternative? Mitnichten ein Ticket des Hamburger Verkehrs-Verbund sondern die Mitfahrzentrale. Es ist eher ungewiss, ob ich zeitnah eines dieser Angebote in Anspruch nehme. Aber gut zu wissen ist es allemal.

Mein neues Wissen kommt über intensive Recherchen zu neuen Mobilitätsportalen. In der neuen fvw 24/13 lesen Sie alles über die neuen Alleskönner. Ein paar dieser intermodalen Verkehrsplaner kennen Sie ja ohnehin: Google etwa mit seinen Services Flights und Transit, vor allem mit der Bündelung dieser Angebote auf Google Maps. Aber kennen Sie auch Verkehrsmittelvergleich.de? Das Portal macht nach eigenen Angaben pro Monat rund eine Million Umsatz mit DB-Tickets, hat jüngst in einer Finanzierungsrunde frische Millionen für die globale Expansion eingesammelt. Und so ganz nebenbei arbeiten die Server des Mutterhauses From-A-To-B inzwischrm auch als zentrales Reservierungssystem – oder altdeutsch: GDS - für den boomenden Fernbusverkehr.

Immer mehr Routenplaner rüsten ihr Angebot mit frischem Risikokapital, schnellen Servern und guten Ideen auf. SAP-Gründer Hasso Plattner investiert in Go-Euro.de, die Automobilindustrie in Routenplaner, die neben dem Autoverkehr selbstverständlich auch die urbanen des öffentlichen Nahverkehrs und - Achtung bitte - in einer nächsten Stufe auch den Fernverkehr abbiilden wollen. Denn dort kann man tatsächlich auch Geld mit Vergleichssystemen verdienen, wie der Erfolg von Metasearchern wie Kayak zeigt. Apple hat sich in diesem Sommer gleich drei Start-Ups für dieses Segment einverleibt. Nokia experimentiert im Auftrag von Microsoft. Es wird munter enwickelt und investiert. Die Liste ist quasi beliebig verlängerbar.

Die Expansion der mobilen Alleskönner geht schnell voran. Ihr Erfolgsrezept: Sie warten nicht darauf, bis ein klopffestes Geschäftsmodell mit garantiert auskömmlichen Provisionen die Integration neuer Verkehrsträger sinnvoll macht. Sie warten auch nicht auf die Etablierung neuer Datenformate, die die Integration neuer Verkehrsträger in das eigene Angebot einfacher machen. Ssei es die touristischen Formate EDF oder OTDS, das neue Iata-Flugdatenformat NDC oder das speziell für die Intermodalität von der Europäischen Union angetriebene TAP-PSI-Projekt. All das könnte einmal die Anbindung von etablierten Leistungsträgern aber auch von völlig neuen Verkehrsformen in die etablierten Buchungssyteme erleichtern. Aber es ist eben noch nicht verfügbar.

Die Gefahr dabei: Bis es soweit ist, haben die neuen Herausforderer den Markt schon hinreichend erschlossen. Es gilt das Chaos-Prinzip. Verkehrsträger, deren Leistungen eigentlich kaum vergleichbar sind, werden bestmöglich mit Attributen in eine Vergleichsliste gepresst. Wenn möglich, gibt es einen Link zur Buchung auf fremden Portalen. In selten Fällen wird die Buchung selbst durchgeführt. Das bringt Marge. Doch jenes ursprüngliche Kerngeschäft des Reisevertriebs wird im Internet zunehmend zur Nebensache. Es geht primär darum, Traffic, sprich: Kunden, zu generieren. Aber das kennen wir ja schon von den Metasearchern.

Fazit: Es ist gewiß nicht immer zwingend notwendig, den Kunden auf eher abwegige Verkehrsformen wie Carsharing oder Mitfahrzentralen hinzuweisen. Ein toller Service ist es schon. Und spätestens bei der Buchbarkeit eines Taxis wird der Nutzen auch für Geschäftsreisende erkennbar. Auch das gibt es bislang kaum im Reisebüro - On wie offline. Es gibt zu tun: nicht nur für Google und die Automobilindustrie.

Kommentare

von Veikko Jungbluth, 02.01.14, 16:34
der aktuelle Wandel im Tourismus wird von vielen noch nicht erkannt, man macht so weiter wie bisher und lebt als "Tourist-Marketing-Experte" auf der Insel seiner Stadt. Wir erstellen seit 2 Jahren einen historischen Atlas mit Hilfe von Heimatvereinen, Historikern und unseren eigenen Daten. Neben der zentralen Präsentation der Orte in unserem Archiv ( http://www.veikkos-archiv.com ), kann man die Daten auch kostenlos per App Vorort mit neuester Technologie (augmented reality) ansehen. In diesem Zusammenhang haben wir mit vielen Stadtmarketing Leuten gesprochen, welche jedoch daran kein Interesse haben die Geschichten von ihrem Ort besser zu präsentieren. Kleinere Ortschaften wie Reitwein im Oderbruch haben mit dieser Technik erstmals die Möglichkeit auf ihre "Geschichten" mit wenig Aufwand aufmerksam zu machen.

0

Informativ, spannend, subjektiv: Abonnieren Sie den RSS-Feed für den fvw Blog und bekommen Sie ungewöhnliche Einblicke in die Touristik.

 
Folgen Sie uns:
Top
© 2018 FVW Medien GmbH, Alle Rechte vorbehalten
Über uns FAQ Impressum AGB Datenschutz Kontakt Mediadaten