fvw Kongress

Der Superhero allein bringt es nicht

Beginnt der digitale Wandel im Kopf oder im Internet? Sind konventionelle Touristiker Treiber oder Getriebene? Und wer treibt tatsächlich das Geschäft von morgen? Die Touristik ist wieder einmal auf der Suche nach Antworten.

von Dirk Rogl, 26.08.2014, 11:24 Uhr

Nehmen wir einmal an, wir hätten zufällig den kompletten Jahresumsatz aller Reiseveranstalter in Deutschland in der Tasche. Von jenen 24,2 Mrd. Euro (laut fvw-Dossier in 2012) könnten wir uns so einiges kaufen. Zum Beispiel mehr als die Hälfte der Anteile des Portalbetreibers Priceline, der aktuell mit rund 50 Mrd. US-Dollar bewertet ist. Und wenn wir uns beeilen, dann bekommen wir von diesem Geld gleich zwei der zurzeit faszinierensten Start-Ups: Das Übernachtungsportal Airbnb ist aktuell mit zehn Mrd. US-Dollar bewertet, der Transfer-Broker Uber sogar mit 18 Mrd. US-Dollar, Tendenz jeweils rasant steigend.

Im Vergleich dazu sehen die Bewertungen etablierter Touristik-Unternehmen häufig bescheiden aus. Auf einem Event des Travel Industry Clubs in Hamburg gestern ging es wieder einmal um Digital Change. Veränderungen beginnen im Kopf, so die These der Organisatoren. Aber tun sie das wirklich? „Die Technologie ist schon der Schlüsselfaktor“, gestand Marco Ryan, Geschäftsführer Omnichannel Marketing & Digital Commerce bei Thomas Cook. "Das Tal der Tränen ist typisch für Change-Prozesse", ergänzte Leila Summa, Reise-Chefin bei Facebook Germany. Und es will durchschritten sein.

Der kosmopolite Brite Marco Ryan ist einer dieser „Digital Natives“, die frischen Wind in das Veranstaltergeschäft bringen sollen. Geschäftsmodelle, Führungsstil, Unternehmenskultur, alles stehe auf dem Prüfstand, sagte Ryan. Sein Konterpart bei der DER Touristik, DER.com-Geschäftsführer Jomique de Vries, ging sogar noch einen Schritt weiter. Manchmal brauche es Mut, die klassischen Wertschöpfungsketten zu kannibalisieren, sagte de Vries, der sowohl Reisebüro- als auch Veranstalterportale in seinem Portfolio hat. Was immer er davon auch im Internet vorantreibt, irgendeiner Instanz der DER Touristik macht er mit den wachsenden Online-Angeboten Konkurrenz.

„Digitaler Erfolg ist immer Teamarbeit“, betonte Leila Summa. Es gehe darum, neue Kooperationen zwischen bestehenden Teams und Silos aufzubauen. „Der digitale Superhero allein bringt nichts“, so Summa. Die zwei potenziellen Superheros an ihrer Seite nickten eifrig.

Wie es Jomique de Vries und Marco Ryan schaffen wollen, den E-Commerce der Reiseveranstalter in Schwung zu bringen ohne das klassische Geschäft zu beschädigen, erfahren wir übrigens am 23. September auf dem fvw Kongress in Köln. Und um die Sache rund zu machen, haben wir gleich noch ein paar weitere Superheros eingeladen: Stefanie Wählert, Chief Digital Officer der TUI, Dirk Föste, Geschäftsführer FTI E-Com sowie Alltours-Reiseportal-Chef Andreas Lambeck. Und die virtuell geprägte Konkurrenz ist auch da: Peter Verhoeven, der neue Europa-Chef von Booking.com und Jörg Trouvain, Geschäftsführer von Pro-Sieben-Travel. Ich bin gespannt, wer die besten Antworten auf brennende Fragen hat.

Kommentare

von Michael Kalt, 26.08.14, 13:35
Wenn man an dem festhält, was man kennt, ändert sich nix. Andere sorgen dafür, dass neue Denkmodelle in diese wohlbehütete Industrie eingeführt werden. Das bedeutet, der Wandel ist da. Er findet statt! Die großen dieser Branche sind dran und modifizieren ihre Geschäftsmodelle. Das bedeutet auch, die gesamte Wertschöpfungskette in unserer Industrie, muss sich dem stellen. Ganz ehrlich, nachher fragt auch keiner mehr alle Teilnehmer dieser Wertschöpfungskette, es findet einfach statt. Denn der echte Treiber des Wandels ist der Kunde. Technik- (affine) unternehmen erkennen manchmal diese Wünsche und entwickeln schon mal eine Lösung. Gut das wir neue Köpfe in den Unternehmen haben! Zu akzeptieren, dass der Wandel da ist, ist die Voraussetzung dafür, dass in den Unternehmen das Umdenken anfängt...oder wie Opel sagt: Das Umparken. Ich wünsche uns allen viel Erfolg dabei! VG Michael

von Horst, 28.08.14, 09:55
Bei aller Digitalisierung: die großen Konzerne haben einen wesentlichen Punkt leider nach wie vor nicht verstanden. S E R V I C E !!! Siehe hier: http://www.dailymail.co.uk/money/holidays/article-2735089/Thomas-Cook-wont-repay-400-deposit-I-didnt-know-pain-cancer.html

von Skeptiker, 02.09.14, 21:01
Zu den erfolgreichsten Großveranstaltern der letzten paar Jahre, gemessen an Wachstum und Nachsteuer-, also echtem Gewinn, gehören interessanterweise ausgerechnet die Stockkonservativen, die einfach nur, so sieht es von außen ja aus, ganz traditionell ihren Geschäften nachgehen, selbstverständlich auch im Web, aus deren Häusern man aber noch nie dieses ganze Digitalblabla vernommen hat. Ich spreche von Alltours, Schauinsland und Aida. Als ob McKinsey & Co. da Hausverbot hätten. Natürlich spielen da viele andere Einflüsse ebenfalls eine Rolle (eigentümergeführt, günstiges Umfeld u.m.m.). Trotzdem scheint mir das strategische und taktische Rumgehopse der Konzerne (ich sage nur Agenturverträge) mehr was mit der Fluktuation in deren Führungsetagen zu tun zu haben als mit Markteinflüssen, die sich auf alle gleich auswirken. Klar, niemand kann in die Zukunft schauen und wissen, was wir morgen im Rückblick für richtig erkennen müssen. Aber..... ;-)

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