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Der absolut überschätzte Reiz des Unbekannten

Bloß nicht nur die Sehenswürdigkeiten herausstellen, sondern die unbekannten Regionen: Destinationswerber müssen politisch korrekt handeln. Selbst wenn keiner das Unbekannte will, wie die Tourismuspolitik vor der Haustür beweist.

von Klaus Hildebrandt, 22.02.2017, 07:07 Uhr
fvw-Chefredakteur Klaus Hildebrandt erlebt die Zwänge des Tourismusmarketings vor der eigenen Haustür.
Foto: fvw

Ich wohne in Hamburgs Süden, im Bezirk Harburg. Dessen Bezirksversammlung fordert nun von der Stadt Hamburg, in deren Tourismuswerbung stärker berücksichtigt zu werden. Schließlich verfüge der Bezirk über „zahlreiche touristischen Attraktionen“. Nun ist das mit Harburg so eine Sache: Es hat sich zwar in dem früher industriell geprägten Stadtteil mit einem hohen Anteil von Migranten einiges getan, sogar eine kleine Hafencity ensteht. Aber gefühlt war die Mehrheit der Hamburger noch nie dort – oder passiert die Elbe nur, um jenseits von Harburg die landschaftlich reizvolle Nordheide zu besuchen. Oder kennen Sie einen Frankfurter, der sagt: „Ich fahre am Wochenende immer gerne ins touristisch reizvolle Offenbach!“

Hamburg Tourismus steht vor demselben Dilemma wie alle anderen Destinationswerber: Jeder Tourist möchte die Sehenswürdigkeiten (in der Hansestadt ist mit der Elbphilharmonie gerade ein Magnet hinzugekommen) sehen, aber die öffentlichen Gelder sollen Besucher darüber hinaus in die Randregionen locken, die den Geldstrom viel nötiger hätten. Auch dieses Jahr werden auf der ITB wieder Tourismusminister in ihren Pressekonferenzen Regionen ihres Landes vorstellen, die außer ein paar Einheimischen kaum ein Gast besucht und deren Sehenswürdigkeiten und landschaftliche Reize bescheiden sind. Zufälligerweise stammen die Minister häufig selbst aus diesen Regionen.

Bei der Türkei zum Beispiel musste man über Jahre hinweg den Eindruck gewinnen, die Tourismus-Hotspots seien nicht die bekannten Badeorte an der Riviera und Ägäis, sondern die einsamen Küsten des Schwarzen Meeres. In Spanien wurde soviel vom grünen Hinterland geredet, dass sich die Frage aufdrängte: Gibt es dort eigentlich Strände?

Schmallippiger wurden in meinem Heimatbezirk die Lokalpolitiker, als sie gegenüber dem „Hamburger Abendblatt“ die ihrer Meinung nach „international und bundesweit bedeutenden“ Sehenswürdigkeiten aufzählen sollten. Da wurden dann Hamburgs höchste Erhebung Scharlbarg (aus alpiner Sicht ein kleiner Hügel) und die Kunstsammlung Falckenberg (die außer für Führungen nur einen Tag im Monat geöffnet hat) genannt. Aber wer weiß: Wahrscheinlich werden dort bald tausende von Urlaubern aus China, USA und den Emiraten Schlange stehen oder den Scharlbarg erwandern. Ich setze mich dann an die Spitze einer Protestbewegung: „Stoppt den unkontrollierten Massentourismus! Harburger first bei unseren touristischen Attraktionen!“

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