Full Content

In einer anderen Welt

Gibt es die besten Preise bald nur noch im Internet? Welche Rolle spielen in Zukunft die Veranstalter? Schafft Air Berlin den Turn-Around? Das sind die Themen der DRV-Jahrestagung 2013, am Rande, auf dem Flur.

von Dirk Rogl, 15.11.2012, 15:05 Uhr

Der erste Tag der DRV-Jahrestagung 2013 in Montenegro neigt sich dem Ende. Während Comedian Jörg Knör für Stimmung sorgt, lassen die 730 Gäste in Budva den Tag Revue passieren. Es gab eine starke Grundsatzrede von DRV-Präsident Jürgen Büchy und danach ganz viel Diskussion zum Thema Nachhaltigkeit.

So soll das sein, sagt Jürgen Büchy. Das Thema Nachhaltigkeit müsse in die Köpfe der Branche, denn nur so kommt es weiter zum Kunden. Und nur so ermöglicht es auch langfristig Reisen in naturbelassene Zielgebiete. Und das wiederum, keine Frage, ist die Existenzberechtigung der Touristik. So einfach ist das Theorie. Und so schwierig ist die Umsetzung.

Den Fokus fast einer kompletten Jahrestagung auf soziale und umweltgerechte Verantwortung zu legen erfordert ein starkes Rückgrat. Dem DRV gebührt Respekt dafür. Oder doch nicht? Nachhaltiges Reisen werde am Counter schlichtweg nicht nachgefragt, sagt DRV-Vorstand Ralf Hieke. Und Montenegros ehemaligerTourismusminister Predrag Nenezic bilanziert, das der Kunde für ökologisch verträglichen Urlaub „nicht einen Cent mehr zahlen will“. Die Politik ist gefordert. De Branche sowieso. Nur dann springt der Funke über auf den Kunden, wenn überhaupt.

Während Deutschlands Touristik auf der Bühne in Budva über Nachhaltigkeit redet, stehen Reisebüros und Veranstalter vor enormen Herausforderungen. Jürgen Büchy hat sie alle genannt. Der rechtliche Rahmen, von der EU-Pauschalreiserichtlinie bis zur Luftverkehrsabgabe, bremst das Geschäft der Reiseveranstalter in vielerlei Hinsicht. Der Direktvertrieb nimmt zu, getrieben von neuen Technologien und Geschäftslogiken. Die globale Konjunktur drückt die Reiselust.

Für Reisebüros wird es besonders anspruchsvoll. Die Diskussion um „Full Content“, den Zugriff der Reisebüros auf alle relevanten Produkte, bekommt in Zukunft eine ganz praktische Dimension. Der Direktverkehr der Lufthansa wird unter dem Label Germanwings vermutlich nicht voll umfänglich in den GDS vertreten sein (siehe aktuelle fvw 23/12). Und im Veranstaltergeschäft etablieren sich neue Produktionslogiken, die in den etablierten Vertriebssystemen nicht abbildbar sind, auch weil der DRV mit seinem Datenstandard eine Technologie ermöglicht hat, die über die etablierten Vertriebssysteme nicht vollständig abbildbar ist.

Die Gefahr, dass im Internet bessere Preise verfügbar sind als am Counter, dürfte im Jahr 2013 Realität werden. Die neuen Attribute und Schnittstellen des Datenstandards, denen der Deutsche Reise-Verband seinen Namen gegeben hat, wird Spuren im Vertrieb hinterlassen. Wie werden diese Spuren aussehen? Und was sind nun die Herausforderungen für Veranstalter und Reisebüros?

Meine Beobachtung: Diese Fragen bewegen viele Gäste der DRV-Jahrestagung in Montenegro aktuell weitaus mehr als das Thema Nachhaltigkeit. Genau das sind die Themen auf den Fluren und in den Hintergrundrunden hier in Budva. Es ist mutig, diese Themen im offiziellen Programm der Tagung fast vollständig auszuklammern. Die intensive Diskussion über Nachhaltigkeit auf der Bühne ist eine ganz andere Welt.

Wurde das Schwerpunkt-Thema der DRV-Tagung verfehlt? Ich meine nein. Es erfordert Mut, solche Themen zu setzen. Regenerierbare Produkte sind für Veranstalter und Reisebüros langfristig überlebenswichtig. Neben Ökologie und Ökonomie hat die Nachhaltigkeit per Definition übrigens eine dritte Komponente: die sozialen Spannungen sollten sich in Grenzen halten. Konflikte dürfen nicht eskalieren. Das könnte 2013 beim Thema „Full Content“ der Fall sein. Die Spannungen zwischen Produzenten, Veranstaltern und Reisebüros dürften zunehmen.

In den kleinen Runden am Rande der DRV-Tagung geht es darum, die soziale Nachhaltigkeit in der Touristik in der Balance zu halten. Nur einmal blitzte dieses Thema auch auf der großen Bühne auf. „Ist es eigentlich nachhaltig, wenn ein ökologisch nachhaltiges Hotel seinen Kunden im Direktvertrieb einen Rabatt anbietet und an den Reisebüros vorbei verkauft“, fragte Schmetterling-Chef Willi Müller unter großem Beifall in die Runde. Für die Diskussion dieser Frage blieb keine Zeit. Schade eigentlich, oder?

Kommentare

von Wolfgang Hoffmann, 15.11.12, 15:27
"Nachhaltiges Reisen"... wie jetzt? Ist das wirklich ein Schwerpunktthema dort?

von Nicola Vogt, 15.11.12, 16:40
2010 wurde das Thema Nachhaltigkeit in den Medien rauf und runter diskutiert. Eigentlich ist es rum, sollte man meinen. Nicht in der Touristik, wie man sieht. Höchste Zeit für den DRV sich dem Thema zu widmen. Respekt, Herr Büchy!

von Andreas Schulte, 15.11.12, 22:04
Nachhaltigkeit beim Reisen - was bitte ist / soll das sein ?? "Regenrierbare Produkte" in der Touristik - was sollen das f?r Produkte sein ?? .

von Andreas Schulte, 15.11.12, 22:12
Hoffentlich nicht die gelegentlich 12000 Menschen die z.B. gleichzeitig von den Kreuzfahrern zum Nordkap gebracht werden - oder nach St.Petersburg in die Eremitage !

von Conny Weiß, 16.11.12, 09:42
Bedeutet die Nachhaltigkeit nicht auch, dass wir in unseren Reisebüro-Unternehmen mit unseren Mitarbeitern sozial verantwortlich umgehen können? Dass es einen fairen Wettbewerb gibt? Dass lokale Gemeinschaften einbezogen werden? Nachhaltigkeit im Tourismus ist ja nicht immer woanders, oder? Insofern ist es wirklich schade, dass die Frage von Willi Müller unbesprochen blieb.

von Wolfgang Hoffmann, 16.11.12, 11:47
ich glaube, "Nachhaltigkeit in der Touristik" ist wieder so ein Eierwort mit dem man alles und nichts bezeichnet. Tourismus ist niemals ökologisch neutral, mischt sich immer in wirtschaftliche und soziale Zustände in den Zielländern ein, wird niemals an wie immer auch gearteten gerechten Verhältnissen gemessen werden können, weder bei der Entlohungen der Küchenhilfe auf einem Nilkreuzfahrtschiff, noch bei der Provision von uns Touristik-Profis.

von Skeptiker, 16.11.12, 12:49
Hier werden kurz- und langfristige Aspekte angesprochen, die sich aber nicht gegenseitig ersetzen können, es kann da kein entweder/oder geben. Von Nachhaltigkeit kann ich mir morgen kein Brot kaufen, aber wenn das Brot weg ist, ist es weg. Einerseits ist die (Massen-)Touristik mitverantwortlich für einige erhebliche Umweltverschandelungen (aber auch für den Export von Wohlstand), sie ist indes beileibe und mit Abstand nicht der größte Sünder. Es ist nur so, das wurde schon angesprochen, dass die Touristik ein großes (halt langfristiges) Geschäftsinteresse an einer intakten Welt hat (nicht nur "Um"welt). Dass jemand wie Büchy diesem Thema Gewicht gibt, finde ich also erstmal richtig, und das Ziel muss es natürlich sein, die Mehrkosten (mit Marge!) von den Reisenden bezahlt zu bekommen. Das in der Gesellschaft angemessen zu plazieren, dürfte ein ziemlicher Kraftakt sein, zu groß allein für unsere Branche. Andererseits: Uns alemanos locos gelingen diese Kraftakte ja doch manchmal: Mülltrennung und Kreislaufwirtschaft, Abgaskatalysatoren, "erneuerbare" Energien sind Beispiele dafür. Man verzeihe mir das Pathos: Wir haben nur diesen einen Planeten. Und jetzt muss ich aber wieder arbeiten ... :-)

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