Finanzkrise

Island für Langweiler

Tourismus statt Banken: Island will sich nach der Finanzkrise neu berappeln. Kann das gelingen?

von Klaus Hildebrandt, 16.10.2008, 09:19 Uhr

Ich bin ein Langweiler. Habe ein Konto bei der Spar- und Darlehnskasse und zahle brav mein Häuschen ab. Noch vor wenigen Monaten konnte man auf jeder Party punkten, wenn man über Lehmann-Zertifikate oder Konten bei Banken mit so merkwürdigen Namen wie Kaupthing faselte. Nun sind deren Kunden gekniffen und Island ist von der Finanzkrise so bedroht wie kein anderes Land. Die Insel wirbt jetzt mit

, isländische Autoren schreiben in den Zeitungen zerknirschte Analysen, wie ein Land mit nur gut 300.000 Menschen in einen kollektiven Finanzrausch und Größenwahn verfiel und die Insulaner, deren Großeltern noch Hungersnöte kannten, auf Pump einen Wohlstand finanzierten, der Deutsche erblassen lässt. Ein Drama fast Shakespearschen Ausmaßes. Das erinnert mich an eine Pressereise mit Rewe-Vorstand Norbert Fiebig vor einigen Jahren nach Island mit den Chefredakteuren aller Fachzeitschriften und den Tourismusexperten der Wirtschaftszeitungen. Wir wunderten uns, dass das isländische Fremdenverkehrsamt gar nicht die Chance nutzte, dieser vielleicht nicht ganz unwichtigen Delegation etwas von ihrer Tourismusstrategie rüberzubringen. Kein Interesse, hieß es, und außerdem kämen wir ja auch am Wochenende. Auf einer (dann von Dertour organisierten) Rundfahrt erklärte uns der Reiseleiter, dass es den Isländern "wirklich gut" und besser als den meisten Europäern gehe: Keine Arbeitslosigkeit, hohe Einkommen, polnische Gastarbeiter für die Schmutzarbeit und die Energie so günstig, dass im Winter in Reykjavik die Bürgersteige geheizt werden. Da sagte mein Busnachbar, der Fachjournalist Winnie Geipert, zu mir: "Klaus, was war das früher schön, in Länder zu reisen, wo die reichen deutschen Gäste bewundert wurden. Heute müssen wir uns sogar schon im Urlaub anhören, wie schlecht es um Deutschland bestellt ist." Aber einen Trost gibt es: Island ist wirklich ein faszinierendes Reiseziel - und nachdem ich sowohl einen Ausritt mit Island-Pferden als auch den Genuß von vergorenem Robbenfleisch heil überstanden habe, werde ich da bestimmt mal wieder hinfahren – und dann hochwillkommen sein.

Kommentare

von Waldemar, 16.10.08, 11:10
Ein interessanter Blog, bei dem mir unvermittelt der Gedanke kommt, ob er nicht eines fernen Tages auch einmal zu einem anderen Reiseziel geschrieben werden könnte: die Emirate, und dann in etwa fast wörtlich so: "Keine Arbeitslosigkeit, hohe Einkommen, pakistanische Gastarbeitzer für die Schmutzarbeit, und die Energie so günstig, dass ganzjährig die ganze Region nachts taghell beleuchtet werden kann" Aber auch "kollektiver Finanzrausch und Größenwahn" wären richtig platziert. Der wesentliche Unterschied ist allerdings, dass die Emirate, namentlich Dubai, perfekt vermarktet werden. Deshalb und überhaupt hoffentlich eine Szenerie, die so niemals eintreten wird!

von Dagmar Kimmel, 16.10.08, 17:49
Schnäppchenreisen nach Island und dann noch im Herbst/Winter mit der Familie- so stand es in einer Pressemitteilung des Fremdenverkehrsamtes, die auch von Tages-und Fachzeitschriften aufgegriffen wurde. Das kann doch nicht sein ?! Natürlich ist Island preiswerter geworden. Aber würden Sie mit Ihrer Familie jetzt zum Einkaufen nach Island fahren? Wo doch gerade Supermärkte und Kaufhäuser leere Regale haben, da sie keine ausländische Waren mehr einkaufen können - keine Devisen, keine Ware! Außerdem gibt es immer noch preiswertere und bessere Destinationen zum Einkaufen! Aber die tolle Natur , die Urgewalten der Geysire und Vulkane, die erlebt man nur auf Island - aber anscheinend werden derzeit die eigentlichen UPS`s oder Alleinstellungsmerkmale Islands völlig vergessen.

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