Fehmarnbeltbrücke

Die Vögel fliegen weiter

Kaum ein Thema polarisiert in diesen Tagen mehr in Norddeutschland als der Bau der Fehmarnbeltbrücke. Die Touristiker lässt das Thema merkwürdig kalt.

von Dirk Rogl, 04.09.2008, 10:56 Uhr

Der nun beschlossene Spaß kostet (mindestens) 5,6 Mrd. Euro, bringt eine komplette Insel (Fehmarn) auf die Barrikaden und droht eine hochprofitable Fährlinie (Scandlines Vogelfluglinie) bestenfalls zum Nischenanbieter oder gar zum Auslaufmodell zu degradieren. Die neue Fehmarnbeltbrücke bietet viel Zündstoff im hohen Norden. Die Dänen lieben sie, Politik und Wirtschaft wittern Chancen. Nur die Touristik bleibt stumm. Bis vor zehn Jahren wäre das ganz anders gewesen. Der Scandlines-Vorgänger DFO war ein wichtiger Player in der Touristik. Über seine Fähren liefen nicht nur weite Teile des Bahnverkehrs nach Skandinavien. Die Reederei punktete auch mit einem eigenen Veranstalterprogramm, dem legendären skandinavischen Buffet und mit auskömmlichen Provisionen für die Reisebüros. Davon ist schon heute wenig übrig geblieben. Zollfreie Delikatessen sind ebenso Geschichte wie der hauseigene Veranstalter und neuerdings auch die Provision. Und der einst so üppige Bahn- und Güterverkehr hat sich größtenteils seinen Weg über die bestehende Große-Belt-Brücke gesucht. Wie auch immer. Die namensgebenden Vögel werden unabhängig von Brücke oder Fähre auch weiter den kürzesten Weg in den Norden fliegen. Und für Urlauber ergibt sich eine Zeitersparnis von, anders als es die Brücken-Lobbyisten behaupten, wohl weitaus weniger als einer Stunde. 45 Minuten dauert die Fährfahrt, rund 15 Minuten die Brückenpassage. Und eine kleine Pause - wie etwa die im Schnitt 15-minütige Wartezeit auf die nächste Scandlines-Fähre - braucht auf dem Weg nach Kopenhagen wahrlich jeder Autofahrer. Hoffen wir also, dass die Brückenbauer die Baukosten sauberer kalkuliert haben als den versprochenen Fahrzeitgewinn.

Kommentare

von Andreas Schulte, 04.09.08, 13:06
Vielleicht haben ja die Touristiker erkannt, dass es sich bei diesem Brückenprojekt in Wahrheit um eine Tierschutzmassnahme handelt. Wenn die Brücke fertig ist, können die vom Klimawandel gestressten Vögel wenigsten auf dem Fehmarn-Belt eine Rast einlegen - ganz Flügellahme kommen dann im Notfall sogar trockenen Fußes über den Belt.

von Janine Fischer, 04.09.08, 17:58
Wozu brauchen wir Reisebüros denn eine Reederei, die keine Provision mehr zahlen möchte, obwohl die Strecke soviel Gewinn abwirft. Reisebüros sind Scandlines egal und uns ist Scandlines nun egal. Wer im Glashaus sitzt sollte nicht mit Steinen werfen. So gesehen plädiere ich für die Brücke. Bald keine Gewinne mehr, bald kein Scandlines mehr.

von Wolfgang Hoffmann, 08.09.08, 14:42
Interessant: Wir Reisebüros im Einklang mit Naturschützern und als Regulativ für ganze Wirtschaftszweige. Klar, wir werden schnell mal eben eine seltene Muschelart entdecken, die durch die Brücke vom Aussterben bedroht ist, oder einen gelb-blau gestriffenen Schlickwurm. Hab ich doch immer gesagt, ohne uns stationäre Reisebüros veröden Innenstädte, liegen ganze urbane Strukturen darnieder, werden Megabrücken über Meere gebaut und gehen Fährunternehmen pleite... Ja, Himmel, für was sollen wir uns eigentlich noch alles verantwortlich erklären? Und möglichst umsonst!

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