Expedia

Null Euro Entgelt - trotzdem gespart?

In neun Tagen veröffentlicht Expedia seine Quartalszahlen – und hoffentlich auch die Antwort auf die Mutter aller Fragen: Was soll das?

von Dirk Rogl, 21.04.2009, 11:08 Uhr

Von einem börsennotierten US-Konzern, der gerade sein Deutschland-Kontor minimiert und Europa als regionalen Markt betrachtet, neun Tage vor der Vorlage seines Quartalsberichts fundierte Aussagen zu bekommen, ist in etwa so einfach wie eine auf Unternehmensangaben basierte Studie über die Umsätze im E-Commerce zu erstellen. Im Prinzip ist beides unmöglich. Also arbeiten wir mit Schätzungen und Vermutungen: Expedia (von der fvw geschätzter Umsatz in 2007: 440 Mill. Euro) hat nun auch in Deutschland die Nulllinie erreicht und verzichtet, analog zu Frankreich und USA, im Fluggeschäft auf die Transaction Fee. Mit Ausnahme etwaiger Incentives und Margen selbst ausgehandelter Nego Fares wickelt Expedia damit sein Kerngeschäft quasi zum Nulltarif ab. Was soll das? In USA experimentiert Expedia bereits seit Winter diesen Jahres mit der Null-Euro-Fee. Einzige erkennbare Folge bislang ist ein brutaler Preiskampf mit Orbitz, Travelocity und Priceline. Mehr zu sehen ist vielleicht am 30. April, wenn die neuen Quartalszahlen erscheinen. Meine Erwartungen: Erstens: Die Ausgaben für Marketing sind bei Expedia deutlich gesunken, weil das Portal statt über Suchmaschinen-Marketing künftig offenbar über den Preis um Kunden wirbt. Im letzten Quartal 2008 betrugen die Werbeausgaben weltweit 216 Mill. Mill. Euro und machten damit mehr als einen Drittel des Umsatzes aus. Zweitens: Der Flugumsatz, der bereits Ende 2008 global um 16 Prozent gegenüber Vorjahr einbrach, wird dadurch nicht wiederbelebt worden sein. Neben der schwachen Konjunktur sprechen dafür die schnelle Reaktion anderer Portale in den USA auf den Preiskrieg. In Deutschland ist Expedia seit gestern (mit Ausnahme eines spanischen Newcomers namens TerminalA) einziger namhafter Anbieter mit null Euro Serviceaufschlag. Da das Portal in vielen führenden Metasuchdiensten (Kayak, Kelkoo, Checkfelix) zurzeit nicht vertreten ist, wird sich diese Nachricht beim Kunden wohl erst mittelfristig herumsprechen. Insofern haben die Mitbewewerber ein paar Tage Zeit, um zu reagieren. Und das bringt mich zur letzten Spekulation. Drittens: Wenn der Preisvorteil beim Kunden ankommt, müssen die Mitbewerber reagieren, erst die Onliner, später vielleicht auch die stationären Büros. Sollte Expedia die vermutlich eingesparten Marketing-Millionen langfristig in einen Preiskampf investieren, kommen auf den Vertrieb harte Zeiten zu. PS: Wir sind wahrlich keine Hellseher, aber als wir Ende 2008 das Programm unseres

gestaltet haben, hatten wir eine solche Entwicklung zumindest erahnt. David Armstrong, Chef von Fly.de, senkte als einer der ersten in Deutschland gleichermaßen Service-Entgelte und Marketing-Budgets. Was es gebracht hat, verrät er exklusiv am 7. Mai. Nähere Infos und Anmeldungen

- übrigens nicht kostenfrei, dafür aber fair kalkuliert und mit einem neutralen Programm, garantiert ohne Einflussnahme von Sponsoren.

Kommentare

von Thomas Wagner, 22.04.09, 12:02
Die Ticketfee auf 0 zu reduzieren, um sich somit selbst den Markt kaputt zu machen, ist wirklich das Dümmste was je ein Onliner gebracht hat. An dem Ast zu sägen auf dem man sitzt, kann nicht wirklich clever sein... Ich hoffe mal, dass im Gegensatz zum amerikanischen Markt hier nicht alle anderen diesen Blödsinn mitmachen.

von Wolfgang Hoffmann, 22.04.09, 15:45
Dass das niemand versteht, das kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich kann auch sehr gut nachvollziehen, dass niemand versteht, dass bei Reisebuchung 7% Rabatt gewährt wird. Und ich verstehe nicht, warum kein Politiker und kein Bänker versteht, was bei der Finanzkrise wirklich passiert ist. Was ich allerdings glaube zu verstehen, ist, dass das alles nicht gut gehen kann. Und wenn es trotzdem gut geht, dann versteh ich gar nix mehr!

von RoundhouseKick Chuck, 04.05.09, 22:36
Da expedia mit Sicherheit nicht draufzahlen will, sieht dieser verzweifelte Versuch fuer mich eher danach aus, dass versucht wird die globalen Incentivevereinbarungen mit grossen Leistungstraegern zu erreichen. Mag sein, dass so fuer ein oder zwei Jahre das ansonsten defizitaere Geschaeft zu kompensieren ist, aber letztendlich fuehrt es doch nur dazu, dass airlines und Veranstalter die Konditionen fuer den Vertrieb, ob online oder stationaer, immer weiter verschlechtern. Unverstaendlich, dass sich immer wieder Kanaele im Verkauf finden, die dieses selbszerstoererische Geschaeft weiter anheizen und sich nachher wundern, dass sie aus dem Rennen sind. zu irgendwas war der Handelsvertreterstatus eben doch gut.

von Bart, 05.05.09, 17:54
Also ich versteh ja das Gemecker des Wettbewerbs... insbesondere derer die bei diesem Spiel halt bereits jezt wissen das sie eine Service-Fee von 0Euro nicht wirtschaftlich anbieten können - aber wer weiß schon von euch ob es für Expedia wirklich unwirtschaftlich ist? Expedia arbeitet sehr, sehr zahlengetrieben und macht nichts, aber auch gar nichts ohne alles wirklich sehr genau durchkalkuliert zu haben. Insofern ist die Botschaft für uns alle da draussen einfach "Warm anziehen!" und an einige der Blogger hier noch der Rat: Wer selbst mit Rabatt-Aktionen wie Gutscheinen nur so um sich wirft sollte nicht öffentlich anderen vorwerfen "den Ast abzusägen auf den man sitzt!" Denn auch Gutscheine sind nichts anderes als die Weitergabe der eh schon dünnen Provision - oder?

von Dirk Rogl, 05.05.09, 18:06
In diesem Posting muss ich wahrlich nicht das letzte Wort haben. Aber gern ein kleines Zwischenfazit: Applaus an meine Vor-Kommentatoren. Auch ich bin überzeugt, dass Expedia diesen Schritt extrem gut kalkuliert hat. Und Incentive-Vereinbarungen sind sicher auch ein Thema. Um ein wenig Erhellung bemühen wir uns in der kommenden fvw 10/09 - auch wenn uns Expedia sicher nicht alle offenen Fragen zu diesem heiklen Thema frank und frei beantworten wird.

von Tom Reiter, 07.05.09, 17:17
Hallo Herr Rogl, wollte mir von dem Thema nicht den Urlaub vermiesen lassen... Deshalb jetzt nur ein paar kurze Zeilen in diesem online-affinen Kreise. Es ist für mich ein sehr amerikanischer Umgang mit der Krise: Wenn schon böse Zeiten, dann aber bitte auch für alle! Und auf jeden Fall eine 180-Grad-Drehung dazu, sonst merkt das keiner. Dabei konnten Sie in Frankreich doch schon sehen, dass das langfristig alles eh nichts bringt ausser die Kunden zu verderben... Somit spreche ich dem (Rest-)Team auch erstmal die Analysefähigkeit ab. Bisher sehen wir aber keinen Grund so aggressiv am Ast mitzusägen, aber am Ende machen wir was müssen, um beim Kunden zu gewinnen.

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