Erdgebunden

Die neue Lust an der Nähe

fvw-Diskussion in Frankfurt: Sind Reisen per Auto und Bahn in diesem Jahr bei Familien viel mehr im Trend als Flugreisen? Und liegt das an der Konjunktur oder am Produkt?

von Klaus Hildebrandt, 26.08.2009, 11:26 Uhr

Auf dem 3. fvw Travel Networking, ein Diskussionsabend von fvw und der PR-Agentur C&C, im Frankfurter Marriott Hotel ging es diesmal um ein Thema, das noch vor einem Jahr viel weniger Interesse generiert hätte: Erdgebundener Familienurlaub. Aber gerade die durch die Konjunkturkrise verängstigten Familien machen sich in diesem Jahr bei den Flugpauschalreise-Veranstaltern rar. Die Familien steigen in diesem Jahr zum Teil wohl wirklich aufs Auto um und fahren damit in Nahziele wie Deutschland oder Österreich, bestätigte zumindest die Expertenrunde in Frankfurt. Insgesamt zeigte die Diskusion (siehe Bericht auf fvw.de): Die erdgebundenen Reisen sind nicht mehr schmückendes Beiwerk oder Nischenprodukt für Veranstalter und Reisebüros, sondern eine echte Zukunftschance. Und deren Macher stehen nicht nur bei der fvw mehr als früher im Rampenlicht. Und dann, so stöhnte ein Flugtouristiker beim anschließenden Networking, haben die Nahziele auch noch Glück mit dem sommerlichen Wetter und weniger Last mit Problemen wie den ETA-Bombenanschlägen oder der Schweinegrippe. Schmetterling-Chef Willi Müller machte in der Diskussion deutlich, dass Reisebüros viel aktiver auf die Ferien zwischen Nordsee und Alpen steuern müssen. Wie sehen Sie das? Liegt da wirklich noch ungenutztes Potenzial brach – schließlich bucht der Großteil dieser Urlauber direkt per Web oder Telefon. Oder ist die Konkurrenz von Portalen oder Tourismuszentralen zu übermächtig?

Kommentare

von Walter Krombach, Willy Scharnow-Stiftung, 26.08.09, 15:34
Reisebüros könnten noch viel mehr vom aktuellen Deutschland-Boom profitieren, wenn sie sich wesentlich mehr um entsprechende Produktkenntnisse bemühen würden, die - neben der Beherrschung der Buchungssysteme - der wesentliche Kundenvorteil einer Beratung im stationären Vertrieb bilden (sollte). Schließlich ist Deutschland hervorragend und mit Povisionsgarantie buchbar - auf mehr als 3000 Katalogseiten großer und kleiner Veranstalter. Aber genau an diesen Zielgebietskenntnissen hapert es oft. Die Willy Scharnow-Stiftung hat z. B. ihre Deutschland-Kurzstudienreisen erheblich ausgeweitet, aber immer wieder müssen Reisen mangels Interesse abgesagt werden, obwohl wir uns oft bemühen, geeignete Teilnehmer "mit dem Lasso einzufangen". Diejenigen, die dann mitgereist sind, äußern sich regelmäßig begeistert und sie sind überrascht, welch traumhafte Ferienregionen Deutschland zu bieten hat. So geschehen in diesem Jahr mit der Region Oberstaufen, dem Bodensee, der schleswig-holsteinischen und der fränkischen Schweiz und der Insel Usedom. Z. Zt. bemühen wir uns schon zum 2. Mal in diesem Jahr, im Hinblick auf die (verkaufsattraktiven!) Passionsspiele 2010 in Oberammergau Teilnehmer für eine Reise in die Ammergauer Alpen zu gewinnen. Das Interesse scheint gering. Bei den Expis? Oder durch "übergeordnete Steuerer"? Fernreisen sind dagegen regelmäßig bis zu 15-fach der Kapazität überbucht. Wer bindet seine Kunden bei Abholung der Mallorca-Reiseunterlagen durch einen guten (persönlichen!) Tipp für die Kurzreise im Herbst, die sein Kunde bisher wohl stets direkt gesucht und gebucht hat? Chancen über Chancen. Nicht nur für den Verkauf - auch für Jedermann ganz persönlich, wenn er/sie die nicht nur touristische Vielfalt Deutschlands für sich selbst kennenlernt. Also, Leute: schaut einfach mal rein, unter www.willyscharnowstiftung.de

von Stefan Werner, 26.08.09, 18:56
Wenn Hotels in Deutschland, Österreich oder der Schweiz mehr Buchungen über Veranstalter und Reisebüros haben wollen, müssen sie aber auch professionell sein. Es gibt leider immer noch Hotels, die unsere Kunden nach dem Urlaub mit Werbeschreiben und teilweise auch Rabattgutscheinen etc dann für den nächsten Urlaub als Direktbucher gewinnen wollen.

von Walter Krombach,, 26.08.09, 20:21
Ja, Stefran Werner, das ist so und das wird leider auch immer so bleiben - wenn man aber echte Kundepflege betreibt, dann kann man seine guten Kunden aktiv darauf hinweisen und ihn bitten, TROTZDEM das nächste Mal wieder bei Ihnen im Reisebüro zu buchen. Das funktioniert nicht immer, aber der Versuch ist es Wert. Und trotz diesem ärgerlichen Umstand, der natürlich genauso auf Österreich und die Schweiz zutrifft, melden die erdgebundenen Reiseverstalter auch in diesem Jahr wieder steigende Umsätze: die können ja nur von den Reisebüros kommen - oder von den eigenen Direktbuchungsportalen, weil manche Reisebüros "den Kopf in den Sand stecken" - aus dem von Ihnen genannten Grund. Die Veranstalter freuen sich - sie sparen dann die kalkulierte Rb.-Provision (ich weiß, wovon ich spreche).

von Andreas Schulte, 28.08.09, 13:33
@Walter Krombach - Sie sagen:"Die Veranstalter freuen sich - sie sparen dann die kalkulierte Rb.-Provision (ich weiß, wovon ich spreche." Das verstehe ich jetzt nicht so ganz. Wenn die Leute direkt bei den Leistungsträgern buchen, buchen sie nicht im Reisebüro und damit auch nicht bei den Veranstaltern. Warum sich ein Veranstalter über nicht generierten Umsatz freut, kann ich nicht nachvollziehen. Wenn der Mensch direkt bei einem Veranstalter bucht, spart dieser zwar die Reisebüroprovision, hat dafür aber nicht unerhebliche Marketing- und Backofficekosten für seinen Direktvertriebsweg, denn von alleine kommen die Kunden ja mal nicht. Ob diese Kosten nun erfreulich viel günstiger für den Veranstalter sind, als die Provisionen für den externen Vertrieb, dürfte auch noch nicht bewiesen sein.

von Walter Krombach, 28.08.09, 15:48
@Andreas Schulte: Wieso verstehen Sie das nicht? Ist doch ganz einfach: Die "klassischen" Veranstalter mit Agenturvertrieb kalkulieren die Reisebüroprovision im Reisepreis ein, bieten aber gleichzeitig einen direkten Online-Vertrieb, wo keine Rb.-Provision anfällt. Wenn also ein Kunde anstatt direkt im Hotel oder einer örtlichen Tourismus-Marketing-Agentur zu buchen, lieber mit einem namhaften Veranstalter reisen will, weil er dessen (ihm vielleicht von Flugreisen her bekannte) Sicherheit schätzt, im Reisebüro aber mangels Kenntnis garnicht auf dessen Nahprodukte hingewiesen oder nicht gut beraten wird, dann bucht er h. Warualt direkt beim Veranstalter. Warumm denn sonst bietet heute jeder Veranstalter die Direktbuchung über die eigene Homepage an, und warum wohl wird sie mit steigender Tendenz genutzt? Ich will ja nur sagen, dass viele - beileibe nicht alle, denn viele haben diese Chance längst erkannt! - Reisebüros die enormen Umsatz- bzw. Provisions-Potenziale der offensichtlich boomenden Nah(Deutschland-)ziele sausen lassen. Wir bieten die Chance, an diesem Potenzial teilzuhaben, und stellen halt leider immer wieder fest, dass das Interesse zu wünschen übrig lässt (siehe meinen Erstbeitrag).

von Wolfgang Hoffmann, 31.08.09, 13:32
Seit die Reisebüros das Monopol der Informationsbeschaffung und Vermittlung verloren haben, gibt es keine Zukunft mehr für den handelsvertreterlichen Vertrieb. Punkt. Es gibt nur noch eine Übergangszeit, in der Angebote so verschleiert werden, die virtuellen Wege dabei als Transportweg genutzt werden, sodass der König KUnde nochz eine Zeit lang irritiert ist und doch bei einem Reisebüro bucht. Und die paar Verweigerer, die sowieso im RB aufschlagen. Aber eine Struktur, wie die des Deutschlandurlaubs, die immer schon auf Direktvertrieb konzentriert gewesen ist, zurück in die Reisebüros zu holen, dazu müssen aber Bretter gebohrt werden für die der Bohrer erst noch erfunden werden muss. Gerade ist wieder "Verbrauchermesse" bei uns im Ort, wo neben Hebebühnen und Gartenteiche auch Pensionen angeboten werden, an die wir Reisebüros niemals dran kommen würden. Und "Urlaub-auf-dem-Bauernhof", so richtig, wie es Kunde haben will, hat kein VA.

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