Eisenbahn

Günstiger Fernbus fahren

Deutschlands Fernbus-Verbünde schicken sich nun also endlich an, Geld zu verdienen. Tendenziell nehmen die durchschnittlichen Kilometerpreise zu, meldet das Berliner Iges-Institut. Das überrascht zwar niemanden, doch das Wehgeschrei geht schon wieder los. Ich kann es echt nicht mehr hören.

von Lutz Schmidt, 27.04.2015, 15:33 Uhr

Ehrlich gesagt bin ich sehr dankbar darüber, dass es mittlerweile 264 Fernbus-Routen kreuz und quer durch Deutschland gibt. Die Liberalisierung des innerdeutschen Fernbus-Marktes zum 1. Januar 2013 war ein einziger Segen. Seitdem gibt es eine zuverlässige Alternative zu ungepflegten Zügen und befremdlichen Mitfahrgelegenheiten. Woche für Woche werden auf 7200 Fahrten mit modernsten Bussen innerdeutsch etwa drei Millionen Kilometer zurückgelegt und das viel billiger als es mit jedem privaten PKW überhaupt möglich wäre. Und: Vor der Liberalisierung kosteten beispielsweise die typischen Berlin-Fahrten im Schnitt 11 Cent je Kilometer. Aktuell sind es im Normalpreis lediglich 9 Cent, hat Iges erfasst. Doch jetzt schrillen bereits die Alarmglocken, weil es nicht mehr auf breiter Front extrem niedrige Einstiegspreise von 3,6 Cent sondern "nur noch" von 4 Cent gibt. Wundert uns das etwa? Wenn ich an die ganzen Lokführer-Streiks bei der Deutschen Bahn denke, dann ist das eigentlich nur logisch. Ein Wettbewerbsversagen ist das aber noch lange nicht. Denn schließlich verdienen die vielen mittelständischen Busunternehmer an den Liniendiensten in den Fernbus-Verbünden nur in besonderen Ausnahmefällen echtes Geld. Der Druck, in die Profitabilität zu gelangen, steigt mit jedem Tag. Außerdem mischt auch der auf Niedrigstpreise setzende Billiganbieter Megabus auf seinen Routen weiter den Fernbus-Markt gehörig auf.

Eigentlich überrascht es mich bislang noch viel mehr, dass das Yield Management der großen Fernbus-Verbünde nicht auf der Höhe der Zeit ist. Als ich am 29. März am Flughafen in Düsseldorf gestrandet bin, brauchte ich unbedingt noch einen Anschluss nach Hamburg. Der letzte reguläre Fernzug des Tages der Deutschen Bahn war längst weg, als ich den Düsseldorfer Hauptbahnhof erreicht hatte. Bei der Deutschen Bahn hätte mich die Nachtfahrt – Abfahrt um 1:03 Uhr – mit unsicherem und überaus knappen Umstieg in Hannover 78,75 Euro plus Sitzplatz-Reservierung gekostet. Als sich abzeichnete, dass die Bahn in jener sturmgeplagten Nacht nicht zuverlässig nach Hamburg würde durchkommen können, erinnerte ich mich an den Fernbus. Und der fährt in Düsseldorf unweit des Hauptbahnhofes ab, nach Hamburg an jenem Sonntagabend um 23:59 Uhr. Kurz davor waren noch wenige Sitze zu ergattern: für schlappe 38 Euro. Nicht einmal halb so teuer wie die unkomfortable, da unterbrochene Fahrt mit der Deutschen Bahn. So etwas nenne ich billig. Hätte ich im Bus schlafen können, dann wäre mein Urlaubsende gerettet gewesen, doch das ist ein anderes Thema.

Der junge innerdeutsche Fernbus-Markt bietet nach wie vor eine günstige Alternative. Meine anfängliche Furcht davor, dass die Megafusion von MFB Mein Fernbus und Flixbus zu einer raschen und spürbaren Preiserhöhung auf breiter Front führen würde, ist längst einer anderen Erkenntnis gewichen: Es kann auf Dauer auf der Straße nicht so extrem billig bleiben. Aber: Der Druck der Fernbus-Verbünde auf die Deutsche Bahn führt dort auf Sicht zu einer Service-Verbesserung. Die Preise der zweiten Klasse sind bei der DB schon nicht erhöht worden, sondern werden durch zusätzliche Billigangebote ergänzt. Auskömmliche Kilometerpreise um die 10 Cent für den modernen Fernbus sind für mich jedenfalls noch lange kein Grund für Wehgeschrei. Ich freue mich da lieber jetzt schon einmal darauf, dass es mit den dauernden Lokführer-Streiks bald vorbei sein dürfte.

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