Ebay

Alles nur geklaut?

Kopiert Lufthansa Air Berlin? Und wenn schon. Die Adaption erfolgreicher Geschäftsmodelle ist zwar nicht gerade heldenhaft. Aber es ist allemals besser, als einen Mega-Trend zu verschlafen, oder?

von Dirk Rogl, 11.10.2012, 09:15 Uhr

Starke Worte von Air-Berlin-COO-Paul Gregorowitsch: Im Marketing-Magazin W&V ätzt er gegen die Lufthansa. Die kopiere immer mehr den eigenen Carrier, kritisiert der Air-Berlin-Vorstand: Schokobären im Berlin-Verkehr, Currywurst an Bord und Angleichungen an das Top-Bonus-Programm. "Ich bin gespannt, was als nächstes kommt, vielleicht werden die Flieger bald rot-weiß lackiert", sagt Gregorowitsch.

Es ist Ironie des Schicksals, dass Lufthansa just am heutigen Donnerstag bekannt geben wird, im Direktverkehr unter dem rot-silber-gelben Label von Germanwings abheben zu wollen. Tatsächlich bedient sich der Kranich auch hier der Geschäftslogik der Low-Cost-Welt, die die Airline ein Jahrzehnt lang im konzerneigenen Testlabor Germanwings erlernt hat. Aber ist das verwerflich? Ich meine nein. Ein paar Beispiele:

Das Auktionsportal Ebay gab jetzt bekannt, einen neuen Schnäppchen-Marktplatz zu etablieren, das sich eng am Erfolgsrezept des Gutschein-Anbieters Groupon anlehnt. Dessen Aktienkurs ging daraufhin auf Talfahrt. Die Wow-Angebote, wie das globale Dailydeal-Projekt in Deutschland heißt, soll zeitnah um lokale Angebote erweitert werden. Bislang gibt es bei Ebay kaum touristische Angebote. Das dürfte sich zeitnah ändern, ähnlich wie zuvor bei Groupon.

In unserem E-Blog berichtet meine neue Kollegin Lisa Hemmerich über den neuen Want-It-Button, den Facebook zurzeit in Nordamerika testet. Man muss ihn nicht mögen. Und technisch ist er ziemlich trivial. Aber mit der simplen Funktion, begehrte Angebote zu markieren und im Freundeskreis zu highlighten, ist zuletzt die Web-Community Pinterest groß geworden. Wieso sollte Facebook das nicht kopieren? Erstaunlich finde ich eher das globale Interesse an dieser Funktion. Sie allein wird nicht reichen, um aus dem Netzwerk endlich auch einen funktionierenden Marktplatz mit Buchungsfunktion zu machen. Aber immerhin, Facebook ist auf dem Weg.

Ein Meister der Kopierfunktion ist auch HRS-Chef Tobias Ragge. Der bekannte sich auf dem fvw-Kongress ganz offen dazu, erfolgreiche Geschäftsmodelle der Mitbewerber in das eigene Geschäft zu integrieren. Jetzt startet das Hotelportal mit eigenem Gütesiegel durch, verabschiedet sich damit von der streng neutralen Listung der Angebote. Genau damit ist der globale Platzhisch Booking.com groß geworden. Statt auf Preisparität zu pochen, bittet die Priceline-Tochter die Hotels kräftig zur Kasse, die bevorzugt gelistet werden wollen. Wieso sollte damit allein Priceline erfolgreich sein?

Warten wir ab, wer als nächstes welches Erfolgsrezept kopiert. Eine Garantie für Erfolg gibt es dabei bekanntlich nicht. Die Liste der gescheiterten Coupon-Angebote etablierter touristischer Unternehmen ist lang. Holidaycheck hat sie wieder gestrichen. Selbst HRS tut sich schwer damit. Gleiches gilt für die Liste der gescheiterten Low-Cost-Töchter von Linienfluggesellschaften. Es reicht eben nicht, ein Geschäftsmodell zu übernehmen. Man muss es leben und im eigenen Unternehmensumfeld konsequent gestalten. Lufthansa wird einen langen Atem benötigen, um die neue Geschäftslogik im Direktverkehr einzuführen und zu etablieren. Und Ebay tut sich traditionell schwer damit tun, auch in der Touristik ein relevanter Marktplatz zu werden. Der Versuch ist allemal erlaubt, oder?

Kommentare

von Bernd Hellmuth, 11.10.12, 11:28
Die Adaption von interessanten und funktionierenden Ideen ist in der Startup-Welt seit Jahren an der Tagesordnung. Schaue man sich mal Zalando an, das Copycat von Zappos. Rocket Internet bzw. die Herren Samwer sind mit Kopien erfolgreicher Webportale mehr als reich geworden. Samsung kopiert Apple, Bing kopiert Google, alle kopieren Bestandteile von Facebook... heutzutage wird geklaut was das Zeug hält. Verwerflich? Ja und Nein. Wenn der Kunde profitiert (Ein "Zalando" gab es auf dem dt. Markt ja nicht) dann Nein. Wenn das "Produkt" nur ein billiger Abklatsch ist um Geld zu schäffeln, dann Ja. Und wie schon von Ihnen erwähnt: Man muss auch die Kopie erstmal erfolgreich am Markt etablieren.

von ibrahim attalla, 11.10.12, 11:28
"Man muss es leben und im eigenen Unternehmensumfeld konsequent gestalten" Bedingt richtig. Ja, solange in diese Umfeld MEINE Kunden ein wichtigen Platz haben.Sonst ist es ein "me too" Projekt ohne Fundament.

von Horst, 11.10.12, 11:40
Die erfolgreiche Kopie von Geschäftsmodellen ist doch schon längst weit verbreitet. Zalando ist ja auch keine "neue" Idee (heißt in USA Zappos und wurde von den Samwer-Brüdern über den großen Teich kopiert). Bei zu vielen Kopien verlieren meistens die, die zum Schluß noch kopieren. Amazon uneingeschränkt an der Spitze der Umsätze, Otto auf Platz 2 weit abgeschlagen und der 3. Platz ist gerade in die Insolvenz gegangen (neckermann.de). In der Touristik werden einige Geisterfahrer wie immer die Modelle gegen die Wand fahren, andere schaffen ggfs den turnaround. Old economy hat leider selten eine gute Antwort auf neue Marktentwicklungen. " Und Ebay tut sich traditionell schwer damit tun, auch in der Touristik ein relevanter Marktplatz zu werden." (- da ist doch irgendwo ein tut/tun zu viel...;-) Das mag zwar sein, aber ebay hat die IT-Power, solche Prozesse zu testen und wenn es nicht performt wieder abzustellen. Eine Lufthansa hat andere Kapazitäten hinter solchen strategischen Schritten, da kann keiner schnell rein - schnell raus.

von Skeptiker, 11.10.12, 13:01
Kopiert wird doch in noch viel größerem Stil aus Amerika nach Europa, z.B. neben der Terrorhysterie auch deren Copyright/IP-Paradigmen und das damit verbundene Trivialpatentsystem. Da wir in Deutschland außerdem auch viele unterbeschäftigte Juristen haben (Stichwort "Abmahnindustrie"), kann es angesichts vermeintlicher Ideen- und Methodendiebstähle doch nicht lange dauern, bis die im Blogartikel Zitierten sich reihum gegenseitig vor Gericht zerren. Ich jedenfalls kaufe mir Popcorn, bevor es knapp wird :-)

von Michael Kalt, 16.10.12, 16:34
Eigentlich ist die Äußerung des COO von AB merkwürdig. Im Grunde ist es doch ein Kompliment an AB, wenn LH eine Adaption durchführt. Es bedeutet natürlich auch, dass es für AB nicht einfacher wird. Auf der anderen Seite wissen wir alle, dass die Adaption eines erfolgreichen Geschäftsmodells nicht der Garant für Erfolg ist. Der Markt entfaltet in dem Augenblick neue Kräfte und so wird AB auch eine Antwort auf LH finden. Das ist Wettbewerb und darauf wird sich die AB sicherlich konzentrieren. Also sind die Äußerungen eher Säbelrasseln, gespannt werden wir auf die Taten schauen:-)

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