E-Commerce

Wie konnten wir das tun?

Wer im Glashaus sitzt, sollte bekanntlich nicht mit Steinen werfen. Ausgerechnet Unister, der Provokateur unter den Online-Reisebüros, wirft jetzt der Konkurrenz Fehler in der Preisdarstellung vor. Wie kommt Unister bloß dazu? Und wie können wir uns erdreisten, das zu veröffentlichen? Jeweils aus gutem Grund.

von Dirk Rogl, 11.05.2012, 09:04 Uhr

Zugegeben: Die Lektüre der neuen fvw 10/12 ist für die Vertreter einiger großer Online-Reisebüros keine lupenreine Freude. Unter dem Titel "Das Unisterversum schlägt zurück" berichten wir heute darüber, was dem Portal-Betreiber bei der Konkurrenz im Web an Unstimmigkeiten bei der Angebotsdarstellung auffiel. Ausgerechnet Unister, jener Provokateur unter den Reise-Portalen, der immer wieder mit neuen Tricks und Finessen an der Grenze des Rechtskonformen arbeitet und diese manchmal schon überschritten hat. Treue Leser werden es wissen, denn wir haben ausführlichst darüber berichtet.

Nun also der Gegenschlag: Unister prangert an. Und wir erdreisten uns darüber zu berichten. Die Nachricht: Es ist offenbar eben nicht allein der Marktführer unter den deutschen Online-Reisebüros, der seine Flugangebote offenkundig nicht immer korrekt zum Endpreis abbildet, sondern im Verlaufe des Buchungsprozesses wahlweise mit Zusatzleistungen, Aufschlägen oder Kreditkarten-Gebühren in die Höhe treibt. Das ist nicht korrekt. Der BGH hat darüber entschieden. Wir haben darüber berichtet. Trotzdem wird munter weiter getrickst. Nicht nur bei Unister, sondern immerhin bei der Hälfte der 18 untersuchten Portale. Wie kann das sein?

Wir meinen, das ist durchaus eine Nachricht. Mehr noch, es ist ein Thema, über das diskutiert werden muss. Keine Frage: Unister gehört zu den Treibern in diesem Geschäft. Kaum ein anderes Unternehmen ist so kreativ, vielfältig und ausdauernd, wenn es darum geht, neue Finessen bei der Preisdarstellung aber auch im Besetzen von Internet-Domains, Google-Keywords und sonstigen Markenrechten auszuprobieren. Und keine Frage: Das ist vermutlich noch freundlich formuliert. Unister steht immer wieder im Verdacht, das deutsche Verbraucherrecht mit Missachtung zu strafen. Dafür wird das Unternehmen häufig genug abgemahnt. Und zwar seit Jahren. Trotzdem dreht sich das Thema munter weiter. Wie kann das sein?

In der aktuellen fvw 10/12 nennen wir jene Unternehmen, die laut Unister ebenfalls die gebotene Darstellung des Gesamtpreises zumindest in Einzelfällen vermissen lassen. Die Methodik der Unister-Studie scheint sauber. Und sie deckt sich mit Stichproben dieser Redaktion. Genau deshalb haben wir diesen Text veröffentlicht. Aber seien wir ehrlich: Leicht getan haben wir uns damit nicht. Wir von der fvw Redaktion wollen keine Schlammschlacht, sondern konstruktive Diskussionen. Wir als Fachmagazin wollen Ihnen, unseren Lesern, nicht schaden, sondern helfen. Dazu gehört es aber auch den großen Playern zuzuhören. Es ist beachtlich, vielleicht sogar dreist, dass ausgerechnet Unister seine Konkurrenten an den Pranger stellt. Wie kann das sein?

Die Antwort auf diese eine Frage ist denkbar einfach: Unister mag führend sein bei – nennen wir es einmal – innovativen Formen der Angebotsdarstellung. Doch der Marktführer ist eben nicht allein in der Grauzone. In der Titelgeschichte der heutigen fvw 10/12 beschäftigen wir uns ausführlich mit der Frage, was Mittler tun müssen, um im Airline-Vertrieb erfolgreich zu sein. Die Antwort in aller Kürze: Allein über den Preis ist langfristig nichts zu gewinnen. Der Erfolg liegt in einzigartigen Angeboten, gutem Service und für alle Seiten gewinnbringenden Zusatzangeboten.

Wir bleiben in diesem Thema am Ball. Und im Interesse der überwältigenden Mehrheit unserer Leser legen wir weiter den Finger in die Wunde. Damit meinen wir jene tausende Reisebüros, online wie offline, die ihre Kunden stets kompetent und korrekt beraten. Wir freuen uns auf einen konstruktiven Dialog mit Ihnen.

Kommentare

von Michael Buller, 11.05.12, 12:06
Es ist schon erstaunlich ....dass die fvw am Montag diesen Vergleich bekommt....und es nicht schafft in 3 Tagen keines der beschuldigten Portale für eine Stellungnahme zu kontaktiere. Eigentlich bin ich davon ausgegangen....das gehört zum Beruf des Journalisten dazu. ....aber offensichtlich macht sich die Fvw zum Anwalt von Unister...und damit muss man wohl leben...und kann! Inhaltlich sind sie dem Verein auf dem Leim gegangen....und haben wieder mal eine Nebelbombe geworfen...die sie dankend angenommen haben und unkritisch verbreitet noch dazu. Es geht auch nicht um eine Schlammschlacht...sondern den Weg den die Onlinetouristk einschlägt!

von Dirk Rogl, 11.05.12, 14:07
Lieber Herr Buller, vielen Dank für den interessanten Diskussionsansatz. Ich erahne hohe Übereinstimmung zwischen uns, trotz offenkundiger Differenzen beim Thema Leimfähigkeit, Anwaltstätigkeit für Rulebreaker und nicht getätigte Anrufe. Zu diesen facettenreichen Punkten hätte ich tatsächlich jeweils eine Meinung. Aber sollten wir nicht andere Schwerpunkte für die Diskussion auf offener Bühne wählen?

von Horst, 11.05.12, 15:24
Vielleicht sollte die Diskussion erst starten, wenn die breite Öffentlichkeit den Vergleich unter den Online-Reisebüros kennt. fvw ist ja quasi eine Insel unter den Verlagen, die Ihren content noch verkaufen können...;-) Aber zum Thema: Unister bewegt sich in vielen Geschäftsbereichen im Graubereich. e-mail Marketing nach meiner persönlichen Meinung im Bereich des spam - diskussionswürdiges Adwords und SEO durch ein eigenes "vertical" bei google Deutschland evtl. geduldet, weil der big spender im Markt - Gebühren erst am Ende hinzurechnen und schon steigt die Marge... Kennt vielleicht der ein- oder andere aus seinem beruflichen- sowie privaten Umfeld. Der code of conduct verzerrt meines Erachtens den Wettbewerb und wenn nicht alle mitziehen, gewinnen die Unternehmen außerhalb der Vereinbarung. Der Grundgedanke des code of conduct mag richtig sein, die Umsetzung jedoch war und ist m. M. gruselig. Die Touristik ist kein regulierter Finanzmarkt und morgen kann ein neuer Unister auf den Markt kommen, der viele andere hinwegfegt (oder freuen sich die Retailer über den Zalando-Erfolg? Und was macht zalando anders als neckermann.de? = Alles!). Dieser neue player kümmert sich doch nicht um die Belange eines VIR wenn er erfolgreich sein möchte. Der eigentliche Aspekt ist jedoch: touristische Angebote sind zu 100% austauschbar. Es ist komplett egal wo ich das Hotel buche, wer mich dort hinfliegt und wie der Transfer organisiert ist. Klar, Luxusreise funktioniert anders blabla... das kennen wir alle. Entscheidend ist doch: keines der im code of conduct kann aus dieser Vereinbarung Kapital schlagen. Nur die Unternehmen, die nicht unter diesem Dach agieren. Der Kunde hat absolut keinen Mehrwert davon! Aber das ist bei großen Veranstaltern wie auch bei Vermittlern gleich: die "Kundenbrille" ist irgendwie verloren gegangen und taucht nicht mehr auf ;-) Ach ja, und wenn Herr Buller wieder rote Ohren wegen des Nicknames bekommt: Wenn die fvw einen code of conduct hinsichtlich Klarnamen über ihren Blog stülpt bin ich raus - versprochen...

von Tom Reiter, 11.05.12, 18:31
Guten Tag liebe fvwler, offenbar erwarten Sie ja nunmehr Stellungnahmen online, statt (wie es bisher üblich war) auf Nachfrage vor Veröffentlichung von Beiträgen über Unternehmen. Für mich gibt es hier nunmehr ein ganz neues Thema, was erstmals hier diskutiert werden sollte: Was ist der originäre Wert der Pressearbeit, gerade in einem Fachmedium? Doch wohl Versuch der Wahrheitsfindung, mindestens aber saubere Recherchearbeit. Wir konstatieren: - Die fvw veröffentlicht einseitig Unister-Infos ohne deren eigene Marken im Flugbereich (travel24, billigfluege, fluege, etc.) mit in den Vergleich einzubeziehen. Hätten Sie dies getan hätten Sie die imho wahrlich abgründigen Dinge ("Steuern" letzte Seite, teilweise keine Möglichkeit der Abwahl von Zusatz-Komponenten) vielleicht gefunden. - Sie veröffentlichen Fehlinformationen in Bezug auf den Code of Conduct - dieser bezieht sich auf Marketing, nicht auf Buchungsprozesse. - Weiterhin fehlen offenbar juristische Grundkenntnisse, da einige der genannten Themen keineswegs eindeutig geregelt sind, sondern vielmehr umstritten im wörtlichen Sinne des Wortes. Anyhow, wir nehmen es wie immer sportlich und kümmern uns jetzt lieber wieder um unsere Kunden.

von Jürgen Barthel, 14.05.12, 14:55
Ein "reizendes Thema" ;-) Einerseits finde ich den Ansatz von Unister gruselig, aus dem Glaspalast mit Steinen zu werfen. Andererseits wäre es sicherlich besser gewesen, FVW hätte "selbständig" mal die "Compliance" der Online-Reisebüros gechecked. Dennoch ist das Thema sicherlich sinnvoll! Denn ja, der "Code of Conduct" scheint das Papier nicht wert zu sein, auf dem er gedruckt ist - dazu müssten "Strafen" bei Zuwiderhandlung enthalten sein. Und regelmäßige Tests. Vielleicht wäre ein Ansatz, dass FVW ein neues Geschäftsfeld entdeckt und "FVW-zertifizierte Reiseshops" sich mit dem FVW-Gütesiegel schmücken dürfen, wenn sie keine "bösen" Praktiken nutzen. Otto-Normalkunde interessiert diese Schlammschlacht doch gar nicht. Der kommt auch eher über die Werbung zum Portal, als über Suchdienste. Und den "Meta-Searchern" glaube ich nicht mehr, seit ich aus deren Suchergebnissen meist auf Websites lande, bei denen das Angebot nicht mehr zu finden ist, teurer geworden ist oder sonstige Pferdefüße hat. Alte Marketingweisheit: Billiger kann immer jemand anders besser, das ist ein kurzsichtiges Alleinstellungsmerkmal. Was hier offenbar fehlt ist die Qualität - hier kann das klassische Reisebüro punkten, aber auch da gibt's "schwarze Schafe"... Andererseits gibt es wenige Reisebüros, die wirkliche "Verkäufer" sind und ihren Mehrwert begründen können - diesbezügliche Gespräche fördern immer wieder Defizite zu Tage - wie auch der Mystery Shopper der FVW... Ich denke, der Ansatz, das Thema an Unister aufzuhängen war "grenzwertig". Andererseits fand ich den Artikel in der FVW gut. Und man sieht wieder einmal, das "Kontroversen" gut für Diskussionen sind. Bisher waren entsprechende Einzelnachrichten weitgehend unkommentiert geblieben. Meine Frage ist, ob das eine Eintagsfliege war, oder ob das Thema vertieft wird. Ich hoffe, dass es weiter geht... Und liebe FVW, gern auch mal provozieren! Man sieht ja, dann melden sich auch mal andere, als die "üblichen Verdächtigen" zu Wort :-D

von Peter Hense, 15.05.12, 16:05
Jeder mit Brancheninsider sieht diesem "Vergleich" sofort an, dass es sich um eine Abrechnung mit Unisters "Intimfeinden" handelt, also Unternehmen, die gegen rechtswidrigen Praktiken von Unister insbesondere im Flugbereich erfolgreich die deutschen Gerichte bemühen. Eine Retourkutsche also, und das auf schiefer Basis. Interessant ist auch, wer im Vergleich nicht vorkommt. Offenbar hat man es sich mit bestimmten Unternehmen nicht verscherzen wollen. Warum die fvw diese offensichtliche Kampagne abdruckt, wo doch offensichtlich andere (sit venia verbo: seriöse) Blätter eine Auftragsarbeit ablehnen würden oder doch zumindest mit dem Begriff "ANZEIGE" deutlich als Werbung kennzeichnen.

von Daniel, 28.05.12, 18:03
Die Veröffentlichung war richtig und gut. Unister ist der "Schmutzpuckel" der Online-Touristik, keine Frage. Nur sollten sich für gewöhnlich "saubere" Unternehmen an diesen Praktiken kein Besipiel nehmen. Nichts Anderes ist doch das qualifizierte Learning aus dieser Studie. Fair bleiben, und nicht nur weil einer in den Brunnen springt, gleich hinterher. Wenn man Unister effektiv bekämfen will, sollte man die Trennlinie zu unseriösen Praktiken nicht selbst überschreiten. Sonst werden effektive Maßnahmen gegen Wagner und Co. in Zukunft nur noch mehr erschwehrt.

von Wolfgang Hoffmann, 10.07.12, 13:03
http://www.l-iz.de/Wirtschaft/Leipzig/2012/07/Unister-bleibt-in-den-Schlagzeilen.html

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