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Street View: Die verpixelte Goldgrube

Morgen wird viel zu lesen sein über den Datenschutz in Google Street View und die Verpixelung von Häusern. Das nehme man ernst, betont Google-Europa-Chef Philipp Schindler. Und: "Einnahmen stehen nicht im Vordergrund". Wirklich nicht?

von Dirk Rogl, 18.11.2010, 15:21 Uhr

Google lädt ein zur Street-View-Premiere, und (mit Ausnahme von Unister und Booking.com) stehen die touristischen Top-Kunden artig Spalier: HRS-Chef Tobias Ragge lässt quasi über Nacht seine Mobile-Apps für den Bilderdienst aufrüsten, Lufthansa-Marketing-Chef Hubert Frach plant eine große Marketingkampagne unter dem Titel "Street View – ein Produkt von Lufthansa", und Christian Nowak, Deutschland-Chef von Expedia, lässt die Geo-Daten seiner Hoteldatenbank metergenau anpassen, damit Street View exakt auf die Eingänge der beworbenen Hotels zeigt.

Das Trio ist stolz darauf, zu den Launch-Partnern von Google Street View zu gehören. Bei der Deutschland-Premiere heute gingen die Touristiker fast etwas unter. Der Datenschutz und die Verpixelung von Häusern waren die bestimmenden Themen in den Fragerunden. Die paar Ausnahmen hierzu wurden im Vorbeigehen erledigt. Wie Google denn an Street View verdiene, wollte ein Kollege wissen. "Die Einnahmen stehen nicht im Vordergrund", sagte Europa-Chef Philipp Schindler. Und wann denn weitere deutsche Urlaubs-Destinationen außer Oberstaufen via Google virtuell erfahrbar sind? Da könne man zurzeit nur vertrösten, betonte er.

Beides ist nicht ganz falsch. Tatsächlich gibt es wohl keinen offiziellen Zeitplan für die Freischaltung weitererer Urlaubsorte. Und klar, Street View selbst ist für Google kein Business Case. Es ist nur ein Teil von Google Maps, was wiederum zu Google Places gehört. Dazu gehören bekanntlich Satellitenbilder, Ortsinformationen und seit dem 1. November auch ein Hotel-Preisvergleich.

Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis zu Google Places auch ein Flug-Preisvergleich gehört. Die Übernahme des Flugtarifspezialisten ITA muss noch von den Wettbewerbshütern in Amerika genehmigt werden. Wenn sie vorliegt, fehlt Google Places nicht mehr viel zum allwissenden Urlaubsplaner. Okay, ein paar Dinge muss sich Google noch erarbeiten. Location Based Services nach Vorbild von Foursquare würden Google Places noch gut ins Konzept passen. Und in Deutschland fehlen ganz dringend die Fahrpläne der Deutschen Bahn und ein aktuelle Staumeldungen für die Autobahnen.

Diese Elemente sind in anderen Ländern längst verfügbar. Und so erklärt sich dann auch, weshalb Lufthansa, HRS und Expedia wirklich stolz darauf sind, bei Google Street View von Anfang an dabei zu sein. Die Konkurrenz hechelt hinterher. Das gilt auch für die Urlaubs-Destinationen, die in der deutschen Street-View-Bibliothek bis auf weiteres nur in Oberstaufen erfahrbar sind. Es wird spannend sein zu sehen, ob und wie sich das in Oberstaufen auf die Gästezahlen des kommenden Jahres auswirkt. Und es bleibt spannend, wie Lufthansa & Co ihren technischen Vorsprung, der vermutlich nur wenige Tage umfasst, zu verteidigen gedenken.

Denn das ist der kleine Trost: HRS und Expedia haben die Street-View-Spezifikationen für die Google-Maps-Schnittstelle vielleicht ein paar Tage vor der Konkurrenz bekommen, mehr aber nicht. Bald werden das Tool wohl eine Vielzahl weiterer Anbieter nutzen. Bis auf die Entwicklungskosten ist der Anschluss kostenfrei. Das, wohl bemerkt, gilt für die Schnittstelle, nicht aber für den in Google Maps hinterlegten Hotel-Preisvergleich.

Der wiederum ist nur ein Beta-Test, dessen Konditionen wir in der morgen erscheinenden fvw 24/10 genau beschreiben. Ob und wann sich hier auch mittelständische Anbieter präsentieren können, ist weitgehend offen. Mehr noch: Die Frage ist, ob sie in dieser Disziplin gegen die Marktführer mithalten können. Auch wenn Philipp Schindler mit Street View allein kein Geld verdienen will, das Gesamtkunstwerk Google Places dürfte eine Goldgrube sein, die zurzeit noch etwas verpixelt daherkommt. Wir werden es im Auge behalten.

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