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Sind Sie auch ein Blindbucher?

Die Welle der TV-Werbung von Reiseportalen rollt unaufhörlich weiter. Nach einem kurzen Test Anfang des Jahres geht jetzt auch Holidaycheck in die Vollen und startet eine Reihe von fünf TV-Spots. + Update: De Höhner singen (für) "Ab in den Urlaub"

von Arndt Aschenbeck, 14.07.2010, 09:21 Uhr

„Du Blindbucher!“ schleudert die offensichtlich hysterisch veranlagte dunkelhaarige Zicke ihrem dickbäuchigen Mann, der sich schon mal abduckt, entgegen. In zehn Sekunden erzählen die fünf neuen Holidaycheck-TV-Werbespots Geschichten, die man im Urlaub lieber nicht erleben will, etwa Backsteinmauer statt Meerblick, Bauarbeiten im Pool statt Badevergnügen oder Fluglärm statt himmlischer Ruhe.

Im Mittelpunkt der kurzen Stories steht das Pärchen Jutta und Hans-Werner. Die Namen haben die über 5000 Fans der Holidaycheck-Page auf Facebook ausgewählt. Und wie es sich für eine gute Social-Media-Kampagne gehört, haben die beiden jetzt unter „Blindbucher“ auch eine eigene Fanpage auf Facebook.

Für die Werbeclips hat Holidaycheck tief in die Psycho- und Klischeekiste gegriffen. Man nehme einen trotteligen Mann und eine Frau mit Haaren auf den Zähnen und lasse sie diverse Urlaubspannen erleben. Eines ist sicher: Wohl kein Mann möchte mit Hans-Werner tauschen, wenn ihm Jutta mit verächtlichem Blick, keifender Stimme und einem Handkantenschlag ein „Blindbucher!“ entgegen schleudert. Die Moral von der Geschichte: Mit Holidaycheck wäre das nicht passiert: „Besser gleich beim Testsieger buchen!“ lautet die Empfehlung am Ende des Spots.

Die Trailer haben das Zeug, zum Kult zu werden – ähnlich wie die Expedia-Clips mit Mirco Nontschew. Überzeichnete, polarisierende Charaktere, ein klarer Plot und vor allem der „Blindbucher“, der sich zum In-Wort entwickeln könnte.

Beim Betrachten der Spots kam mir aber noch ein anderer Gedanke. Der ewig-alte Streit unter Psychologen, wie man Menschen am besten motiviert (oder böse gesagt manipuliert). Indem man ihnen wie Holidaycheck frech den Finger in die Wunde legt („Du Blindbucher, du!“) oder indem man sie, wie der DRV, in einen liebevollen Kokon einhüllt („Reisebüro, wir kümmern uns“).

Kommentare

von Sven Maletzki, 16.07.10, 13:58
Ich persönlich finde die Spots außergewöhnlich schlecht gemacht. Ich kann nicht die "schönste Zeit des Jahres" mit diesen Figuren verbinden. Mich bewegt jedenfalls nichts in den Spots dazu, ausgerechnet bei Holidaycheck zu buchen. Viel interessanter finde ich insgesamt das starke Vorpreschen von Holidaycheck als Buchungsplattform. Den Markteintritt haben sie als neutrale Bewertungs-Plattform für Hotels bekommen. Danach (vermutlich mangels alternativen Geschäftsmodell) haben sie eher heimlich Buchungsfunktionalitäten hinzugefügt. Jetzt muss wohl der Umsatz erhöht werden und die Fernsehwerbung soll neue Kunden bringen. Hat bisher ein Reisebüro-Mitarbeiter seinem unsicheren Kunden empfohlen, sich über das Hotel genauer auf Holidaycheck zu informieren, wird er das künftig immer weniger machen, da er davon ausgehen muss, dass der Kunde durch die Fernsehwerbung so sehr infiltriert ist, dass er dort auch direkt bucht. Jedenfalls verliert nun Holidaycheck für mich komplett die Neutralität als Bewertungsportal (auch, wenn sie vielleicht nie vollständig gegeben war).

von Bernd Hellmuth, 16.07.10, 14:01
Der "tolle" Spot von HolidayCheck fählt doch zur Zeit gar nicht auf. Da wirbt Unister mit gefakten "Urlaubs-Test-Banner" von Reisen.com und den "Besten Flugpreisen" auf Flüge.de. Danach folgt Swoodoo.de und teilt mit, dass " nur Hr. Meier aus der 1. Reihe gespart hat", später hören wir, dass man "Hotels so bucht" auf Trivago. Ob da nun der Blindbucher oder der "Weghörer und auf´s-Klo-geher" vor dem TV sitzt ist egal. Derzeit ist TV Werbung auch für Reiseportale billig und produziert ein "gleichmäßiges rauschen". Mehr nicht.

von Marko Strobach, 16.07.10, 16:09
Auch wenn sich derzeit reichlich Webportale einen "billigen" Wettstreit um die Kunden liefern, fallen für mich die Holidaycheck.de Spots durchaus aus der Reihe. Durch die überzogenen Darstellungen der Situationen, die sicherlich kein Kunde erleben möchte, bleiben diese Spots im Gedächtnis und setzen sich von der Masse der "Preisvergleiche im Internet, wo man nur sparen kann" ab. Ob dies dann zu erhöhten Buchungszahlen führt, bleibt offen zu lassen. Eines ist sicher und da möchte ich Herrn Maletzki zustimmen: den Status eines unabhängigen Bewertungsportals hat holidaycheck.de damit endgültig verloren und positioniert sich eindeutig als Online Reisebüro.

von Nadja Waldraff, 19.07.10, 17:07
Vielen Dank für den Artikel und natürlich das Feedback in den Comments. Es stimmt natürlich, in der Hauptreisezeit in der wir uns gerade befinden ist für Reiseunternehmen sicherlich auch die Hauptwerbezeit, in welcher Form auch immer. Einen kleinen geschichtlichen Exkurs möchte ich noch kurz anfügen: Die Buchungsmöglichkeit bei HolidayCheck gibt es bereits seit 5 Jahren und sind unabhängig von Bewertungen (es werden also nicht schlecht bewertete Hotels ausgelassen oder gut bewertete hervorgehoben), um der Neutralität zu wahren. Der Nutzer selbst kann wählen und bekommt transparent alle Angebote angezeigt. Der Schritt zum Buchungsportal war die logische Konsequenz in der Servicekette und entstand aus dem Wunsch der User heraus. Da stationäre Reisebüros USPs haben, die im Internet nicht kompensierbar sind, wird die Nachfrage für beide Buchungsmöglichkeiten bestehen bleiben. Ich hoffe ich konnte ein wenig aufklären, wo es vielleicht Bedarf gab und wünsche allen einen guten Start in die Woche.

von Dirk Rogl, 20.07.10, 17:25
Und hier kommt schon der nächste Spaß. De Höhner singen "Ab in den Urlaub" und Unister "verschenkt dazu Urlaubsgeld". Et bliev nix wie et wor! http://www.emimusic.de/hoehner/news/2617

von Timo Iserlohe, Aktives Reisebüro Netzwerk eG, 20.07.10, 17:45
Das sollte der Fiskus mal vorab die Steuern für die € 2,6 Mio verlangen.

von CaptainJarek, 20.07.10, 22:17
Geradezu unfassbar alberne Aktion! Ich glaube in Leipzig muss irgendwass in der Sommerluft sein, vielleicht zu viel Ozon oder Feinstaub?

von Sven Maletzki, 26.07.10, 17:26
Der mitlesende Nicht-Touristiker wird wohl spätestens jetzt das Büro von Herrn Hoffmann nicht mehr aufsuchen, wenn er sich nicht gerade als sabernder Alkoholiker und Abschaum betiteln lassen will, nur weil er eine Reise nach Mallorca buchen möchte. Vielleicht ist das die Vorgehensweise von Herrn Hoffmann, selbst zum Nicht-Touristiker zu werden. Wundern würde es mich bei solchen Kommentaren nicht. Mir fehlt hier irgend wie jeder Bezug zur Realität...

von Wolfgang Hoffmann, 27.07.10, 17:52
OUPS! Da komme ich gerade von den "Alt-Touristiker" von den ganzen "Offlinern" in Köln bei der RDA, und dann sehe ich sowas. Ich stehe dazu, mich nicht auf Diskussionen einzulassen, wo es was billiger gibt, welcher Fußballer wieviele Rabattmarken austeilt, wer wohin upgradet oder, mit wem man schlafen muss, um fast kostenlosen Urlaub zu ergattern. Und ich stehe zu unseren Kunden, die nicht diese Denke im Kopf haben, wie billig ein Medikament sein muss, damit es gesund macht, oder, wie billig ein Urlaub sein muss, damit man sich erholt! Ich mag Menschen, die sich noch die Relationen bewahrt haben, die über viele Generationen gültig gewesen sind, die gerne ihr Steak beim Biometzger einkaufen oder einfach denken, dass es nichts ist, was nichts kostet. Solche Leute sind gerne bei uns im Reisebüro gesehen. Und, Sie haben völlig recht, die Anderen, die mögen wir wirklich nicht. Da müssten wir schon Konzilianz heucheln!

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