E-Commerce

Haben Sie auch Angst vor Google?

Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner zeichnet in einem offenen Brief das Bild eines allmächtigen Suchmaschinen-Giganten, dem niemand entrinnen kann. Gilt das auch für die Reisebranche?

von Klaus Hildebrandt, 17.04.2014, 08:29 Uhr

"Wir haben Angst vor Google", schreibt Döpfner in einem sehr lesenswerten offenen Brief in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" an den Executive Chairman des Suchmaschinen-Konzerns, Eric Schmidt. Döpfner, der den Springer-Verlag auf digitale Geschäftsmodelle getrimmt hat, beschreibt einen Internet-Monopolisten, der sämtliche Daten vom Suchverhalten bis hin zu persönlichsten Dingen der Menschen auswerten und verwenden kann und über alle Landesgrenzen und Gesetze hinweg eine Art "digitalen Suprastaat" errichten wolle. Bei einem Marktanteil in der Suche von über 90 Prozent in Deutschland gibt es praktisch keine Alternative. Auch Springer arbeitet bei der Werbeplatz-Vermarktung eng mit Google zusammmen, die Suchmaschine ist der wesentliche Traffic-Bringer für deren journalistische Webseiten. Sein Medienhaus könne der Abhängigkeit von Google nicht mehr entkommen.

In der Medienwelt wird eifrig über Döpfners radikale Analyse debattiert. Seine Worte sind Wasser auf die Mühlen all derjenigen, denen die Macht von Google längst zu weit geht. Es gibt aber auch kritische Stimmen, etwa im Marketing-Fachblatt "Horizont". In der Reisebranche ist die Debatte über die Allmacht von Google ebenfalls gut bekannt. Auf so manchem fvw Kongress wurde darüber diskutiert, auch eine fvw-Titelgeschichte gab es dazu. Fragt man die Chefs großer Reisemittler (und Google-Kunden) wie Priceline/Booking oder Expedia, so geben die sich zumindest nach außen hin gelassen. Wenn Google wirklich so überrragend wäre, dann dürfte es ja gar keine expandierenden Online-Portale mehr geben, so die Argumentation.

Allerdings: Google bleibt nicht stehen und kauft innovative Firmen (und nicht nur Drohnen-Hersteller) hinzu.Mit dem US-Unternehmen ITA wird die Flugdarstellung verbessert, der jüngste Erwerb der Hotelsoftware Room 77 soll die mobile Hotelsuche vorantreiben. Priceline-Chef Darren Huston, bis vor kurzem CEO von deren Tochter Booking.com, relativiert: Das sei "nicht das größte Ding", das man sich vorstellen könne. Booking wachse rasant in der Hotelvermittlung und sei weltweiter Marktführer, so Huston, der 2013 gewaltige 1,8 Mrd. US-Dollar in Online-Marketing (vor allem bei Google) investierte.

Auch Toon Bouten, Chef des deutschen Internet-Konzerns Tomorrow Focus und am 7. Mai Keynote-Speaker auf dem fvw Online Marketing Day, ist fest überzeugt, dass Reiseportale wie die eigene Tochter Holidaycheck viel besser als Google die Wünsche der Kunden treffen – und im übrigen Bewertungsportale auch für den Kunden nützlicher seien als die Urlaubstipps von Freuden auf Facebook. Fragt man Google-Manager wie Bernd Fauser, der dort für die weltweiten Top-Kunden der Reisebranche zuständig ist, wiegeln die ohnehin ab: Ziel sei immer nur, die Suche zu verbessern. Aber man vermittle nicht selbst Reisen, sondern verlinke auf Portale oder Firmenseiten (die mit ihren Werbemilliarden Google reich machen).

Also alles in Butter? Hat Döpfner überzogen oder sollte auch ein Top-Manager der Reisebranche demnächst einen Gastbeitrag mit dem Satz "Wir Touristiker haben Angst vor Google" schreiben?

Kommentare

von Carsten Wolf, 17.04.14, 10:20
Wer könnte nicht Angst vor Google haben. Es sieht nicht danach aus, als würde Google das touristische Geschäft irgendwann selbst in die Hand nehmen - wozu auch, wenn damit Mitarbeiter und Risiken verbunden sind. Aber die Abhängigkeit des gesamten Online-Bereichs von Google nähert sich ja der 100 % Marke. Wer gibt heutzutage schon noch eine URL per Hand ein ? Die Selbst das konkrete Aufrufen von Seiten läuft meist über Google. Und mit allen neuen weltweiten Features und Portalen (Hotelsuche, Flugsuche) sieht es nicht danach aus, als könnte in Zukunft ein touristisches Unternehmen im Internet größeren Erfolg haben, das nicht landesweit oder weltweit aufgestellt ist. Als Mittelständler habe ich Angst, weder die technischen noch logistischen Kapazitäten in Zukunft aufbringen zu können. Schon heute wird ein Top-Ranking in der orgnaischen Suche gegen Großkonzerne immer schwieriger. Und entscheidet sich Google morgen für neue Algorhytmen oder neue Adowrd-Richtlinien, kann ich im Internet schnell weg vom Fenster sein

von pepxpert, 17.04.14, 10:53
Das ist ja traurig das nur Google, so stark ist weil man kaum Auswahl hat. Ich hoffe nur dass die neue Domains Endungen .travel .Holiday .voyage usw. besser in Suchmaschinen gestellt werden als .de .com

von Bernd Hellmuth, 17.04.14, 11:22
Google ist übermächtig, Google ist vielfältig, Google ist Teil unseres Lebens geworden! Sicher sind die Methoden von Google teilweise fraglich. Aber aus Sicht der Menschen (nicht aus Sicht der Firmen) ist Google einer der Player, die uns in die Zukunft bringt. Google investiert in Innovationen (Nest!) und die müssen bezahlt werden.

von Michael Buller, 17.04.14, 13:03
Es ist empfehlenswert sich mit dem EU Verfahren und den dabei von Google gemachten Vorschlägen mal auseinander zusetzen. Man kann nur hoffen das Herr Almunia das Verfahren nicht aufgrund seines ausscheidens mal schnell beendet...so wie er das gerade eingefädelt hat. Denn die vorliegenden Vorschläge ändern aber auch nichts...nein sie verschlimmern die Sache sogar noch! Im Prinzip geht es darum das Googles Ergebenisse bevorzugt behandelt werden und das obwohl doch die Qualität im Allgemein für das ranking ausschlaggeben sein soll und nicht wer sie liefert (Google) zumind. ist das meine Vorstellung von Ergebnissen in einer "neutralen" Suchmaschine. Bekommt ein Kunde beim Google Ergebnis wirklich das beste Angebot?....ist es wirklich vom besten Anbieter?...oder ist es nicht einfach nur die Ergebnisse an den Google am meisten verdient? Wenn man sich die Ergebnisseiten ansieht so stehen die Google Ergebenisse ganz vorne...extrem Prominennt.....freier Wettbewerb ist was anderes. Noch nicht berücksichtig mit Mobile passiert....immerhin ist Android das meist verbreitete Betriebssystem in diesem Bereich. Google ist auf einem falschen Weg! Alle Zeichen stehen dafür das man selbst das Ergebnis sein möchte. Das wäre wie wenn wir feststellen würden das alle Reifentest in der Motorwelt....zufälliger Weise der Reifen immer gewinnt den die Motorwelt selber herstellt . Absehbar war das....weil wenn jemand eine Anzeige schalten kann...und noch Geld dabei verdienen kann....dann muss doch eigentlich mehr drinnen sein! Die Branche verhielt sich seit Jahren wie Drogenabhängige.....wir wussten das uns das nicht gut tun wird.....aber wir gehen jeden Tag zum Dealer!

von Jürgen Barthel, 17.04.14, 13:05
Ich hätte sehr gern Alternativen. Huch, ich nutze sie ja... Openstreetmap, OpenCloud, Tine2.0, alles open source. Wenn aber die Konzerne und Strategen nur auf Google optimieren, wer kennt noch den Zauberlehrling? Ansonsten denke ich beruhigt an IBM, AOL/Time Warner & Co. und frage mich nur, was nach Google wohl kommt. Und nutze bewusst Open Street Maps statt Google oder suche auch mal auf Bing/Yahoo oder nutze Wikipedia für Recherche. Wenn ich dann doch mal auf Google zurückgreifen muss weil das Thema doch zu speziell ist - na gut. Ach ja: Cloud = NSA. Aber die Nutzerzahlenentwicklung von OpenCloud reflektieren den Skandal praktisch gar nicht... Hmmm... Und für verschlüsselte Mails gibt's bis heute keine vernünftige, nutzerfreundliche (einfache) Lösung, das ist weiter "special interest". Und Skype, einst estnisch (das liegt in Europa) ist "natürlich" heute amerikanisch (Microsoft)... Hiess es nicht, Deutschland hätte einen Führungsanspruch? Auch hier scheinen wir aber wohl hinterherzuhinken, oder?

von Uwe Frers, 17.04.14, 16:46
Das Problem ist nicht der Marktanteil, sondern die unklare Definition des Geschäftsmodells und die damit verbundene mögliche Diskriminierung von Marktteilnehmern unter Berücksichtigung des Marktanteils. Zwei Beispiele: 1. Woher kommen die Contents von Google? Google hat vor vielen Jahren Kooperationen mit Anbietern von Bewertungen und Point of Interests geschlossen, zum Beispiel Tripadvisor, Holidaycheck oder Qype. Als alle Point of Interests der Welt durch Google indexiert und strukturiert waren, hat Google mit Google Places ein eigenes Bewertungssystem eingeführt und die vorab genannten Anbieter im Ranking nach unten sortiert. Ist der Google Content besser? Fraglich. Aber er nutzt Google in zweifacher Hinsicht: Der User bleibt länger auf der Seite und er bietet Google die Option, den Exit zu monetarisieren (z.B. Google Hotelfinder). 2. Google Hotelfinder Der Google Hotel-Finder ist ein direktes Wettbewerbsprodukt zu Trivago, Tripadvisor oder Kayak. Das zentrale Element zur Trafficgenerierung ist eine Suchbox im Contentbereich der Suche, die mit "Werbung" deklariert wird. An sich fein, wenn die Regeln korrekt gespielt werden würden. Werden sie aber nicht, denn Trivago, Tripadvisor oder Kayak können sich in diese als Werbung deklarierte Suchbox nicht einkaufen sondern werden von Google nach unten gerankt. Kurzum: Google hält sich nicht an die eigenen Regeln, wonach die Qualität des Contents das Ranking entscheidet.

von Stephan Wiessler, 29.04.14, 09:13
Davon sind wohl alle Betroffen, die in irgendeiner Form Online Geld verdienen (wollen). Man muss es Google eben recht machen. Doch auf der anderen Seite arbeitet Google auch konsequent und stark daran, wirklich das nach oben zu bringen, was für den Menschen sinnvoll ist, der eben etwas sucht.

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