E-Commerce

Die Unschärfen im E-Commerce

Wie hoch sind die Umsätze im touristischen E-Commerce? Mehrmals in der Woche erreicht uns diese Frage. Die kurze Antwort: Niemand weiß es genau. Und jetzt kommt die lange Antwort.

von Dirk Rogl, 27.05.2010, 14:08 Uhr

Nur noch ein paar Tage, dann ist Redaktionsschluss für unser fvw-Dossier "Ketten und Kooperationen". Und auch in der 29. Auflage wird es wieder eine kuriose Mischung geben. Quasi alle relevanten Reisebüro-Organisationen in Deutschland nennen in der exklusiven fvw-Studie ihre Umsätze auf den Cent genau. Doch viele Online-Reisebüros schweigen beharrlich zu ihren Umsätzen, zumindest ihre offiziellen Organe.

Seit einigen Jahren erfassen wir trotzdem die Umsätze der in Deutschland tätigen Online-Reisebüros. Wir geben zu, die Methodik hat zwangsweise ein paar Schwachstellen. Wenn keine Unternehmenangaben vorliegen, so verlassen wir uns auf eher vage Angaben zum Geschäftsverlauf und auf Traffic-Zahlen, etwa von Nielsen Netratings und Alexa. Allein damit wäre unsere Studie ziemlich austauschbar. Zusätzlich führen wir aber mehr als hundert Telefonate, die größtenteils streng geheim sind. Wir reden mit Leistungsträgern und mit Insidern aus Vertrieb, Forschung und Travel Technology, die einen guten Einblick in die Umsätze im E-Commerce haben und ein gesundes Interesse daran, dass auch im elektronischen Reisevertrieb ein wenig Transparenz aufkommt.

Unter dem Strich glauben wir, dass wir mit unserer Tabelle "Deutsche Online-Reisebüros", die am Freitag, 11. Juni als Beilage in der fvw 12/10 erscheint, relativ nah an der Wahrheit sind. Wohlbemerkt: relativ ist halt relativ. Denn die bommenden Eigenveranstaltungen der Online-Reisebüros sind ebenso wenig messbar wie die internen Zusammenhänge bei Affiliate-Programmen, Reisebüro-Kooperationen und Fulfilment-Dienstleistern, die manchmal eine doppelte Zählung der Umsätze bei mehreren Unternehmen unumgänglich machen.

Wie hoch sind also die Umsätze im deutschen E-Commerce? Es kommt halt darauf an. Nehmen wir allein die Onine-Reisebüros, so dürfte nach Abschluss der Recherchen im fvw-Dossier eine Zahl von knapp unter fünf Milliarden Euro herauskommen. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Denn die Online-Umsätze von Airlines, Hotels und Veranstaltern, die auf ihren Sites kein neutrales Angebot haben, sind in unserem Dossier ebenso wenig enthalten wie das boomende Geschäft jener Mittler, die sich etwa auf Hotels, Ferienwohnungen oder Mietwagen spezialisiert haben und kein vollwertiges Sortiment bieten.

Und dann gibt es noch ein paar weitere Grauzonen: Gemeint sind die Affiliate-Einnahmen von Metasuch-Diensten, Communities oder branchenfremden Portalen. Diese Seiten bieten zwar keine eigene Buchungsfunktion. Doch die Weiterleitung ihrer User an Online-Reisebüros und Leistungsträger ist ein boomender Markt, in dem viele Millionen Euro umgesetzt werden. Und zuguter Letzt gibt es dann noch die stationären Reisebüros, die sich beharrlich weigern, ihr kleines aber feines Internet-Geschäft zu den geringen NTO-Konditionen der Veranstalter abzurechnen. Für viele Reisebüros ist es deshalb schlichtweg nicht möglich, Angaben über ihr Online-Geschäft zu machen.

Was ist zum Beispiel mit einer Buchungsfrage via E-Mail an ein Reisebüro? Die daraus resultierende Buchung wird über die gleiche Toma-Maske abgewickelt wie eine klassische Beratung am Counter. Und was ist mit den Anrufen in den Call-Centern von Expedia & Co? Streng genommen können wir hier nicht von einer Online-Buchung sprechen.

Fazit: Es gibt im E-Commerce einfach zu viel Nebel – teils auf natürlichem Wege empor gestiegen und teils künstlich erzeugt – um die Umsätze sauber zu erfassen. Oder sind Sie anderer Meinung?

Kommentare

von Roland Delion, 27.05.10, 16:37
Die Analyse zu Ketten und Kooperationen ist sicherlich einer der schwereren statistischen Aufgaben der Touristik, deren Ergebnisse ich jedes Jahr wieder aufs Neue bewundere. Aus meiner Zeit bei einem großen Reiseveranstalter weiß ich noch sehr genau, wie schwierig es ist, verlässliche Zahlen zum Umsatz von Ketten und Kooperationen zu produzieren. Und ich saß damals direkt an der Quelle ... So lange die Provisionen für stationäre und Online Reisebüros unterschiedlich sind, dient die Statistik dazu, den Nebel etwas zu lichten.

von Alexandra Weigand, 27.05.10, 16:57
Wie groß ist der Online Markt? Und was sind überhaupt Online-Umsätze? In der Tat ein nebulöses Thema. Aber jeder, der sich damit näher beschäftigt, trägt zu Klärung bei. Daher mein großer Dank an die fvw schon mal vorab. Wir sind gespannt!

von Wolfgang Hoffmann, 28.05.10, 11:24
Es ist schon bezeichnend, dass die Quantität nach dem Falsifikationsprinzip in den Fachmedien fraktioniert werden muss. Uns stationären Reisebüros reicht es allerdings schon, die Auswirkungen des Onlinegeschäfts qualitativ beurteilt zu wissen. Dass wir zunehmend Verluste verzeichnen, das lässt sich doch nun wirklich nicht ableugnen. Da müssen wir nicht unbedingt mitfiebern, wie der Umsatz von expedia & Co genau steht. Für die Zukunft steht an, dass sich die Stationären u.a. ihren eigenen Onlineumsatz holen und nicht um verlorene Anteile jammern. Ausgerechnet der Onlinekunde ist sehr wechselhaft, hat keine Bindung an ein Onlineportal und dürfte überrascht sein, neben dem Dienst des WorldWideWeb wieder ein paar menschliche Erfahrungen zu machen, die er einfach nur hat, wenn er Kontakt mit einem richtigen Reisebüro aufnimmt.

von Dietmar, 31.05.10, 23:36
Ich sitze recht häufig im Flieger von und nach Antalya und lausche da gerne bei den Unterhaltungen der Urlauber. Und oft komme ich auch ins Gespräch und kann die Leute fragen. Bei Pauschalreisen in die Türkei liegt der Online-Anteil bei von mir geschätzten 10 bis 12 Prozent. Im Nur-Flug-Verkauf liegt der Wert bei etwas unter 20 Prozent. Und viele Kunden informieren sich zwar im Internet, buchen dann aber doch im Reisebüro oder am Flughafen-Last-Minute-Schalter. Und es sind nicht nur die jüngeren Leute, die im Internet buchen. Viele Leute im Rentenalter sind inzwischen sehr fit im Internet. Und was ich immer wieder höre: Die Leute sind mit der Reisebüro-Beratung meist gut zufrieden, während es bei Internet-Reisen öfter Probleme und schlechte Erreichbarkeit bei Problemen gibt.

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