E-Commerce

Die Rückkehr ins Reisebüro

Bislang gaben sich viele US-Marktforscher als Propheten für den schier unaufhaltbaren Boom des Online-Vertriebs. Jetzt kommt der Gegenschlag. Die Kunden in den USA kommen ins Reisebüro zurück, heißt es heute. Kann das stimmen?

von Dirk Rogl, 16.11.2010, 10:14 Uhr

Zweistellige Wachstumsraten, hohe Effizienzpotenziale und damit satte Gewinne, Marktforscher loben die Online-Reisebüros gern in höchsten Tönen. Doch in den USA dreht sich das Blatt gerade. Gespickt mit Fakten aus aktuellen Studien von Forrester Research kündigt USA Today heute die Rückkehr der Kunden ins Reisebüro an.

Die renommierte US-Zeitung beruft sich auf Analysen, wonach 28 Prozent der Kunden von Reise-Portalen interessiert daran sind, ihren nächsten Urlaub wieder in einem stationären Reisebüro zu buchen. Ein Jahr zuvor lag die Quote nur bei 23 Prozent, hieß es. Auch der Spaß an der Reieplanung im Internet sei rückläufig, meldet das Blatt. "Viele Portale liefern ein eher klinisches Erlebnis", kritisiert Forrester-Analyst Henry Harteveldt. Das mache in etwa so viel Spaß wie das Laufen in Treibsand, sagt er.

Forrester machte bereits im Januar mit konservativen Prognosen für den E-Commerce in Nordamerika auf sich aufmerksam. Bis 2014 werde im nordamerikanischen Leisure-Geschäft die Zahl der Buchungen insgesamt nur um 3,5 Prozent steigen, im Internet um immerhin sieben Prozent, hieß es damals.

Das Ganze ist sicher nicht mehr als eine fundierte Prognose für einen Markt mit einer deutlich höheren Online-Penetration als in Deutschland. Selbst wenn in den USA das angekündigte Revival der stationären Reisebüros beginnt, heißt das nicht zwingend, dass dies mit einiger Verspätung auch in Europa eintrifft. Oder vielleicht doch?

Jenseits der stets wackeligen aber von Investoren so geliebten Wachstumsprognosen für die kommenden Jahre legt Harteveldt den Finger in die Wunde. Und tatsächlich: Die Innovation im Online-Reisevertrieb hat auch in Europa merklich nachgelassen. Es ist eine Weile her, dass die Reise-Portale mit neuen technischen Features das Shopping-Erlebnis ausbauten. Statt in bessere Usability und Informations-Dichte zu investieren, herrscht im Online-Vertrieb ein hartnäckiger Verdrängungswettbewerb.

Es ist davon auszugehen, dass die ausufernde Rabattschlacht verbunden mit hohen Budgets für das Online-Marketing den Online-Reisevertrieb in Deutschland auch 2010 gute Wachstumsraten beschert. Aber ist dieses Wachstum solide? Oder drohen den Internet-Reisebüros "amerikanische Verhältnisse", wie heute in USA Today beschrieben?

Kommentare

von bernhard, 16.11.10, 10:49
Um den Forrester Research Bericht richtig einordnen zu können müsste man wissen, wer der Auftraggeber dieser Untersuchung war. Ist sie "neutral" aus eigenem Antrieb erstellt worden? Oder war vielleicht der starke Branchen-Lobbyverband ASTA der Auftraggeber?

von hingucker, 16.11.10, 16:53
Mit Zunahme der X-Angebote wird es auch bei uns einen härteren Wettbewerb geben. In diesem Segment gibt es schliesslich keine Veranstalterpreisbindung. Und wie schon beim Nur-Flug gibt es finanzstarke Seitenanbieter , die mit Null kalkulieren, um andere auszuhebeln oder solche, die ihre Gewinne nur mit Werbebannern machen. Der Verlust von verbraucherfreundlichen Regeln wie die Veranstaltergarantien der Pauschalreise oder qualifizierter Beratung wird ja leider nur begrenzt wahrgenommen, Das Kleinstgedruckte bekommt bei vielen Nutzern erst nach einer schlechten Erfahrung seine Bedeutung: Der Anbieter mit enger Kalkulation hat kaum Spielraum für Kompensation Es ist aber gut vorstellbar, dass dem Konsumenten in einem Land , in dem die Pauschalreise einen anderen Charakter hat und Flüge und Hotels beliebig zusammen gestellt werden, schneller der Überblick abhanden kommt und damit das Bedürfnis nach fairer Beratung wieder zunimmt.

von Bernd Schray, 23.11.10, 17:33
Ich vermisse den Kommentar von Wolfgang Hoffmann, der sich jetzt ganz sicher bestätigt fühlen wird ... Es geht nichts über gute, qualifizierte Beratung (Verkauf). Ausrufezeichen. Und über eine gute Internet Domain. Unique Content. Und gute Ideen. Fleiß, Kontinuität. Eventuell eine prima Agentur an der Seite, die die Materie versteht. Ach ja, und nicht zu vergessen das ganze Social Dingsbums ... SEO und SEM und sowieso. Also der ganze Kosmos. Daraus die richtige Mischung. Und schon haben wir sie, die perfekte Formel. ps: Die sich immer wieder permanent verändert ;-)

von Wolfgang Hoffmann, 30.11.10, 16:25
tja Bernd, mir hat immer schon gesunder Menschenverstand gereicht. Allerdings darf ich angesichts der "Rückkehr der Verbraucher" laut mahnen: Die Stipvisite, - wenn es denn so kommen wird - in die Virtualität hat den verbraucher geändert. Wir, die berater und Urlaubsverkäufer haben die Beratungshoheit absolut verloren. Wir dürfen aber nicht dem Wahn verfallen, das Wissen, was die Kunden aus dem Internet uns voraus haben, jetzt krampfhaft auswendig zu lernen. Alle Destinationen kann man nicht kennen. Der Kunde, der dann mit 100% Wissen um eine Desti, um ein bestimmtes Hotel vor uns sitzt, der hat nur dieses spezielle Wissen. Es wäre Zufall oder Krampf, wenn wir ausgerechnet genausoviel wissen. Mein Rat ist, dass wir die Servicemodule perfektionieren, die uns tatsächlich noch exklusiv verbleiben. Dazu gehören Spezialisierungen, Themenreisen, spezielle Destinationen oder Spezialveranstalter genauso, wie die Anpassung & aktive Hinwendung zum Verbraucher. Seit einem Monat sind wir ein neues Reisebüro in Krefeld, mit neuen, zusätzlichen Angeboten und einem angepassten Programm. Dabei ist der neue Name bereits Programm: Reisebüro RKR Krefelder Reisen GmbH.

von Volker Abels, 03.12.10, 20:13
Ich kann mir gut vorstellen, dass Nischenanbieter wichtiger werden. Fachleute für eine Region, die nicht nur 08/15-Reisen anbieten, sondern individuell angepasste Reisen verkaufen. Flüge oder die einfache, wenige originelle, Pauschalreise kann ich mir schnell im Internet "zusammenbuchen". Sich eine Reise nach individuellen Kenntnissen von Fachleuten, die die jeweilige Region gut kennen, zusammen stellen zu lassen ist etwas ganz anderes. Ich denke das hat Zukunft.

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