DRV-Tagung

Sehnsucht nach Normalität

Liegt es an der Sonne in Ägypten? Oder haben wir uns alle nach einem Jahr Krise neu sortiert? Auf der DRV-Tagung wird mal nicht gejammert.

von Klaus Hildebrandt, 04.12.2009, 09:21 Uhr

Vor einem Jahr auf der DRV-Tagung in Budapest machten alle Manager auf dem Podium auf Sonnenschein: Es rollte eine Krise auf die Touristik zu, aber so recht wusste keiner wie hart es die Branche treffen wird. Deshalb setzten alle ein Lächeln auf, auch wenn es im Bauch schon grummelte. Jetzt, ein Jahr später bei der Tagung in Port Ghalib, haben alle in der Branche, vor allem die Geschäftsreise-Anbieter, ein Jahr der Sparprogramme, Krisenbewältigung und Neuausrichtung hinter sich. Übrigens auch wir bei der FVW Mediengruppe. Und wir wissen, die Krise beschleunigt den Strukturwandel, ob bei den Reisebüros, im Internet, bei den Airlines oder auch bei den Medien. Nach diesem Jahr, das gefühlt viel länger dauerte ( vor einem Jahr saß noch Arcandor-Chef Thomas Middelhoff auf der DRV-Bühne, es erscheint eine Ewigkeit her), präsentiert sich die Branche in Ägypten erstaunlich entspannt. Das Wort Krise ist auf der Bühne kaum noch zu hören, eben weil niemand es mehr hören kann und der heutige Zustand der Normalzustand mindestens für 2010 sein wird. So gab es beim Reisebürotag nicht die üblichen Klagelieder. Gisela Sökeland stimmte die Reisebüro-Gemeinde optimistisch ein, danach standen erfolgreiche Reisebüro-Chefs auf der Bühne, die zeigen, wie sie mit eigenen Ideen erfolgreich ihren Weg gehen. Am zweiten Tag ging es locker weiter. Die Krise in den Köpfen ist abgehakt, das sonnige Wetter am Roten Meer und ein gut organisierter Kongress der kurzen Wege in Port Ghalib heben die Stimmung. Von der DRV-Tagung gehen allerdings auch diesmal nicht die großen Botschaften, die Mega-Trends 2010 oder gar die Visionen für erfolgreiche Geschäftsmodelle aus. Eine Spur zu viel Old Economy eben. Aber nach diesem Krisenjahr 2009 ist eine ganz normale Jahrestagung mit einem entspannten Wüstenfeeling und einem eindrucksvollen Abschlussabend im Tempel in Luxor ja auch schon mal ganz schön.

Kommentare

von Wolfgang Hoffmann, 04.12.09, 10:48
Pfeifen-im-Walde kommt in der Wüste eben nicht so gut.

von Andreas Schulte, 04.12.09, 12:02
"Eine Spur zu viel Old Economy eben." Das klingt nach Enttäuschung. Was ist an "Old Economy" zu bemängeln. Die meisten Probleme, die wir heute haben, sind doch nur entstanden, weil die gewachsenen und funktionierenden Regeln der Old Economy von Herren - z.B. des Schlages Middelhoff - großspurig bei Seite geschoben wurden. Ich finde, es stände der Branche, vor allem so manchem Großveranstalter, gut zu Gesicht, sich viel mehr an ihre Erfolge in der Old Economy zu erinnern.

von Wolfgang Hoffmann, 04.12.09, 13:28
Wenn sich die VAs an ihre Erfolge in der Old Economy erinnern, werden wir den Malus nie los ;-) Ne-ne, nicht soviel back-to-the-roots. Mir fallen auf Anhieb drei Dutzend Baustellen ein, die mit den gängigen Möglichkeiten nicht mehr zu bewältigen sind. Sollte irgendwer vom DRV im Wüstensand eine Flasche finden, bitte öffnen, kräftig reiben und den Dschin nach der Universalformel fragen.

von Martin Pundt, 04.12.09, 14:51
Zu wenig Visionen? Was nützen denn Visionen, wenn die Banken - selbst an ihren bodenlosen Visionen grandios gescheitert - die im Vergleich dazu oftmals grundsoliden Ideen der Touristikunternehmen für zukunftsweisende Konzepte nicht mittragen wollen? Da bleibt nur "Old Economy". Doch auch ich kann die aus Ihren Zeilen leise durchklingende Enttäuschung darüber nicht teilen. Ich denke, wir Touristiker taten gut daran, uns in den vergangenen Monaten wieder auf unsere ureigenen Stärken besonnen zu haben. Wenn uns weder Wirtschaftsweise (konfuse Wachstumsprognosen) noch Politiker (konfuse Mehrwertsteuerpläne) verbindliche Rahmenbedingungen aufzeigen können, dann verlassen wir uns in unseren Unternehmen eben wieder mehr auf die eigenen Stärken erfahrener Touristiker als auf von Middelhoff & Co. entworfene Szenarien. Es tut gut, hier in Port Ghalib of zu hören, dass die Krise eine neue Betrachtungsweise der bisherigen Strukturen und Prozesse ermöglicht - ohne, dass irgend jemand sich bemüßigt fühlt, dies gleich wieder zu einem "überfälligen Paradigmenwechsel" hochzudramatisieren. Ist das "Old Economy"? Nein: Wir machen einfach wieder gute, funktionierende Touristik für unsere Kunden. Vielleicht langweilig - aber erfolgreich.

von bernd Schray betravel, 04.12.09, 16:35
Manche elementaren Grundsätze der sogenannten 'Old Economy' haben grundsätzlichen Charakter. Egal wie man das ganze benennt. Sie sind vielleicht nicht hype, aber wirksam. Die ganz großen Botschaften und Mega Trends sind außerdem immer langfristig. ZB: Wie erreiche ich Kunden schnell, effektiv und nachhaltig? Ist ein elementarer Grundsatz. Twitter, Newsletter, Kundenabende, Website, facebook Seite, Flyer sind modifizierte Kehrseiten ein und derselben Medaille. Die Botschaft, die Aufgabe, der Mega Trend bleibt jedoch gleich.

von Wolfgang Hoffmann, 04.12.09, 17:03
<<< Manche elementaren Grundsätze der sogenannten 'Old Economy' haben grundsätzlichen Charakter.>>> Sorry, Bernd Schrey, aber genau das habe ich befürchtet, dass man sich hinter diesen diffusen Allgemeinplätzen versteckt, um sich nicht den herausforderungen eines gewandelten Markts stellen zu müssen. Wenn wir es uns ganz einfach machen wollen, dann gehen wir in direkter Linie über den Fernschreiber zum Tauschhandel über. Aber nein, mutig müssen wir sein, alte Zöpfe abschneiden, alles auf den Prüfstand stellen. Es gibt kein Zurück mehr zu den altbewährten Verfahrensweisen, weil die altbewährten Kunden nicht mehr da sind. Kein Wunder, dass sich die Teilnehmer in Ägypten derart inspiriert fühlen, wenn sie ständig mit der Vergangenheit konfrontiert sehen.

von bernd Schray betravel, 04.12.09, 17:52
@Wolfgang Hoffmann. Ich habe eben nicht ein Beispiel genommen, das sich altbewährte Verfahrensweisen zurückwünscht. Ich sagte, dass Twitter, facebook, neue technische Möglichkeiten nur andere Vorgehensweisen sind, aber das Ziel ein altbekanntes ist. Was heisst, dass man mit einem Kundenabend, wenn richtig vorbereitet und organisiert, sehr guten Umsatz machen kann, genauso wie mit einer virilen Marketingaktion über Facebook oder Twitter. Was ist daran diffus und allgemein? Wir stellen uns sehr bewusst allen Herausforderungen eines gewandelten Marktes und versuchen dabei Altes und Neues zu verbinden. Das ist doch bei Dir ganz sicher auch nicht anders, wenn ich richtig vermute.

von Wolfgang Hoffmann, 04.12.09, 18:15
tzeeee, als Anhänger von extremstem Parkourmarketing verbunden mit brutalstmöglicher Guerillawerbung bin ich erst einmal gegen alles, was älter als 24 Std. ist. ;-) Ernsthaft, zuviel ist angeflanscht, wirkt provisorisch, hat sowas, von kernsaniert. Ich wundere mich nicht über die inflationäre Nutzung des Attributs "2.0", damit schmückt sich ja bereits die "Old Economy". Was wir in unserem gewerbe alles durchschleifen und notgedrungen etwas auftoupieren, hier etwas Botox spritzen, dort etwas Strähnchen einflechten, das ist doch nur Dauerkorrektur, immer hinterherlaufen. Als ob die Deutsche Tourismusindustrie mit Schönheitsreparaturen auskäme, da muss etwas völlig Neues nebenan aufgebaut werden, ein paralleler Stationärer-Vertrieb. Notfalls ohne die Old Veranstalterstrukturen, bestenfalls mit denen, aber unter der Directive des Vertriebs. - Alleine diese Forderung ist ja schon Che Guevara pur!

von Ekkehardt Kaifel, 04.12.09, 20:27
Was sollen die Herren und Damen auch "neues" berichten. Jedwede Prognose ist Kaffeesatzleserei. Die New Economy gröeßtenteils hoch deffizitär (siehe Expedia, OFT etc.)und treiben die Old Economy mit ihren null Gebühren und Provisionskürzungen auch noch in Existenznöte. Soll bei dieser Selbstzerfleischungstaktik noch Fröhlichkeit aufkommen? Die Verursacher der Finanzkriese tun noch den Rest dazu, daß keine neuen Ideen entwickelt werden können mangels finanzieller Unterstützung. Nur, wem das Wasser bis zum Hals steht, der soll nicht auch noch den Kopf hängen lassen. Also auf "Ihr da oben" lasst euch was einfallen was ALLEN hilft und wirtschaftlich vernünftig ist. Ekkehardt Kaifel

von Burckhard Specht, 07.12.09, 10:00
Die beiden Podiumsdiskussionen am Freitag waren eher Präsentationen denn Diskussionen für das Volk im Saal. Die Fragestellungen waren schwach oder schwer nachvollziehbar - vielleicht weil den Moderatoren die Anzeigenkunden wichtíger als kontroverse Themen waren? Warum nicht den Mittelstand aufs Podium und / oder die Moderation von kritischen, unabhängigen Journalisten wie Frank Plasberg führen lassen? Vielleicht könnte das Fähnchen schwingende Volk im Saal dann etwas Nützliches mit nach Hause nehmen. Gut, dass die Gespräche und Kontakte abseits der Tagung mehr Erfahrungsaustausch aufweisen konnten - somit hatte die Tagung doch noch einen Nutzen. Allen ein besinnliches Weihnachtsfest und ein erfolgreiches 2011.

von Klaus, 07.12.09, 11:02
@Burckhard Specht: Die Themen "Geschäftsmodelle in der Reiseproduktion" und "Lebensstile im Wandel" der beiden Diskussionen am Freitag stammen ebenso wie die Podiumsbesetzung vom DRV, darüber haben Herr Schweizer und ich als Gastmoderatoren diskutiert (im übrigen ist Windrose ein Mittelständler und FTI sieht sich auch nicht als Konzern). Über welche Themen hätten Sie denn gerne mit Frank Plasberg diskutiert?

von Burckhard Specht, 07.12.09, 11:58
Windrose war völlig in Ordnung und zum Thema sehr passend, FTI spielt wohl eher in der Liga, wo es vorrangig um Volumen geht, wo "Lebensstile" weniger gefragt sind. Die Themen als solche waren sehr gut getroffen. Mir fehlte, dass mehr hinterfragt und auch in Frage gestellt wurde. Ich möchte etwas mitnehmen von einer Tagung. Ob der Moderator Plasberg oder x heißt ist dabei weniger wichtig, wichtiger ist der Biss. Das Referat von Prof. Dr. Hickel war höchst interresant und hätte es verdient, ungekürzt präsentiert zu werden.

von Hans-Peter, 07.12.09, 13:33
Schade, dass nur im Streitgespräch der Geschäftsreisebüros auch ein betroffener Kunde, Lutz Stammnitz von Siemens, zu Wort kam. Dem Forum Einspruch hätte z. B. erst recht eine - wenigstens provokant gespielte - Kundenbeteiligung sicher gut getan, denn um den Kunden sollte sich doch alles drehen, und der ist im Touristikgeschäft viel unberechenbarer als im Firmengeschäft. Da wäre dann vielleicht auch heraus gekommen, dass er nicht nur "technisch" gut beraten werden will, sondern dass es leider oft an umfassender, vor Ort erworbener Produktkenntnis fehlt. Dieses Wort kam in dieser gesamten Diskussion, wie auch während der gesamten Tagung, überhaupt nicht vor. Dabei belegen die oft genug erschreckenden Ergebnisse des fvw-"Mystery-Shoppers", dass es auch daran kräftig hapert. Dabei sollte doch hier im Zeitalter des Internet eine Kernkompetenz des stationären Reisebüros liegen. Ohne Kunden schmorte diese Runde leider nur im eigenen Saft. Dabei hätte man sich dann auch gleich erkundigen können, ob überhaupt und wie die DRV-Reisebüroplakate wahrgenommen werden. So brachte diese Diskussion keine wirklich neuen, zum echten Nachdenken veranlassenden Erkenntnise. Schade.

von Rainer Wedel, 08.12.09, 18:22
Liebe Kollegen, wir Reisebüros in aller Verschiedenheit leiden seit Jahren an einem (Ausnahmen gibt es - und es sei Ihnen gegönnt): Kundenschwund(vor allem Familien).Die Umsätze, gerade in diesem Jahr, sind weitgehend eingebrochen, und wir wissen alle noch nicht, wie es 2010 weiter gehen wird? Von daher ist es nachzuvollziehen, wenn die Kolleginnen/Kollegen bei jeder weiteren Ausgabe überlegen: lohnt sich das oder lohnt sich das nicht? Sollten wir das Vorhaben nicht besser in einen Ideenwettbewerb umfunktionieren: Wie bringen wir (gemeinsam) wieder mehr Kunden ins Reisebüro? Früher gelang es, durch Werbekampagnen Nachfragedruck bei unseren Kunden zu erzeugen. An was fehlt es heute? Die in den vergangenen Jahren systematisch betriebenen alternativen Vertriebswege bis hin zur Verunglimpfung der bestehen Reisebüros - sehr oft durch branchenfremde Medien, hat uns alle davon abgebracht, das Gemeinsame unserer Branche zu suchen. Vielleicht sollte damit der DRV, unsere Veranstalter, auch die Franchiser, Kooperationen oder Ketten,auch andere Vereinigungen, einen Weg suchen, wie wir als Branche unsere gemeinsamen Kunden wieder einfangen. Freundliche Grüße, Rainer Wedel, REISEBÜRO SÜD 64319 Pfungstadt

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