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Sind wir nicht alle ein wenig Veranstalter?

Da kommt ganz schön was zu auf die Touristik. Die EU-Kommission unterscheidet kaum mehr zwischen Veranstalterreise und Warenkorb. 120 Millionen zusätzliche Urlaubsreisen sollen bald unter gesetzlichen Schutz fallen. Eine erste Sichtung der neuesten Stolperfallen aus Brüssel.

von Dirk Rogl, 09.07.2013, 13:14 Uhr

Haben Sie schon einmal von "unterstützten Reise-Arrangements" gehört? Ich auch nicht, bis ich mich heute durch den 69-seitigen Entwurf der neuen Pauschalreise-Richtlinie gekämpft habe. Jahrelang hat die Branche drauf gewartet. Jetzt ist sie da, einen Tag früher als ursprünglich geplant. Das Ergebnis ist gewiss nicht das, wass sich weite Teile der Branche vorgestellt haben. Es wimmelt vor Pferdefüßen, natürlich alles im Sinne der Verbraucher.

Das fängt schon mit dem Namen an. Aus der Pauschal-Reiserichtlinie wird, Sie ahnen es, die Richtlinie für Pauschalreisen und unterstütze Reise-Arrangements. Das sind nach Berechnungen der EU-Kommission so etwa 120 Mill. Reisen mehr im Jahr als bislang. Unscharf zusammen gefasst sind es jegliche Form von Urlaubsgenuß, der länger als 24 Stunden dauert und nicht als Geschäftsreise gebucht ist. Bislang war die Sache klar. Mehrere Reisekomponenten zu einer Gesamtrechnung waren eine Pauschalreise. Wer sich hingegen seine Bausteine selbst nach Belieben (und auf separate Rechnung) zusammen gepackt hat, kam nicht in den Genuß des gesetzlichen Beistands.

Künftig soll fast alles gesetzlich geregelter Urlaub sein. Nur ein paar Schlupflöcher hat EU-Kommissarin Viviane Reding zugelassen. Vor allem sind Arrangements, von denen nur eine Komponente ein klassischer Hauptbestandteil einer Urlaubsreise wären. Dazu zählen jegliche Form des Transfers (Bahn, Bus, Mietwagen, Flug) sowie die Übernachtung. Und Finanzdienstleistungen sind außen vor. Das ist nicht weiter schlimm, denn wenn es nach den Willen der EU-Kommission geht, dürfte es künftig kaum noch eine Urlaubsreise geben, die nicht in den Genuß einer verpflichtenden Insolvenzschutzversicherung kommt.

Für Reisebüros werden hier hohe administrative Hürden aufgebaut. Vorbei die Zeit, wo noch mal schnell zum Flug ein Mietwagen dazugebucht werden konnte, oder ein Bahnticket zum Hotel. Wer das tut, muss künftig selbst einen Sicherungsschein ausstellen, wenn es nicht der Veranstalterpartner ohnehin im Portfolio hat. Das tut nicht weiter weh, kostet aber Geld und Zeit. Beides ein knappes Gut am Counter.

Viviane Reding weiß das. Und sie kennt auch die Warnungen des Deutschen Reise-Verbands zu diesem Thema (siehe z. B. fvw 5/12). Sie blieben weitgehend ungehört, eben weil die Deutschen in Brüssel relativ allein auf weiter Flur stehen. Statt des Schutzes des stationären Vertriebs geht es in anderen Ländern, allen voran in Großbritannien, primär um die Bedrohung des klassischen Veranstalter-Geschäfts durch neue Geschäftsmodelle im Internets, eben jenen "assisted travel arrangements", die sowohl Veranstaltern als auch Reisebüros das Leben schwer machen. Hübsche Beispiele dafür sind die Cross-Sell-Aktivitäten der Leistungsträger (etwa das Hotelscombined-Hotel zum Ryanair-Flug) oder die schlanken Warenkorb-Funktionen auf ausländischen Online-Reisebüros, die sich nicht den administrativen Luxus erlaubt haben, ihre dynamisch gebündelten Pauschalreisen als so genannte X-Veranstalter mit einem Insolvenzschutz auszurüsten.

Es gibt noch eine Reihe weiterer Stolpersteine im Richtlinienentwurf. Die Möglichkeiten zur nachträglichen Preisanpassung werden auf zehn Prozent limitiert. Auch im Falle höherer Gewalt drohen Entschädigungen, allerdings nur für klassische Veranstalter. Denn die Vertragshaftung bleibt ausschließlich bei Pauschalreisen. Der Insolvenzschutz hingegen greift auch für die unterstützten Arrangements.

Bis das alles in nationales Gesetzt gegossen ist, dürfte noch einige Zeit vergehen. Mein Tipp: Nicht vor 2015. Bis dahin versorgen wir Sie mit Fakten und Meinungen auf fvw.de und einer Analyse des Themas in der nächsten fvw 15/13. Und natürlich interessiert uns Ihre Meinung. Was halten Sie von der neuen Richtlinie für Pauschalreisen und... - sie wissen schon. Endlich Waffengleichheit zwischen Internet und stationärem Vertrieb? Unerträgllich viel Mehraufwand für den Counter? Oder beides?

Kommentare

von Christa Hebestreit, 09.07.13, 15:12
Im Radio erwähnen Sie auch die Möglichkeit zum kostenlosen Storno einer bereits gebuchten Reise. Wenn das wirklich so kommt, wird es schlimm. Und wer haftet dann, wenn das Reisebüro einen Sicherungsschein ausstellen muß? So versetzt die EU dann den kleineren Reisebüros vollends den Todesstoß.

von Peter Krackowizer, 09.07.13, 15:47
Zwar habe ich noch nicht alle Seiten im Detail gelesen, jedoch ist Chapter VI, Artikel 17 interessant: Darin erklärt Absatz a klar und eindeutig, dass der "Händler", der die einzelnen Leistungen (nicht als Package) anbietet, den Kunden klar und unmissverständlich darüber aufzuklären hat, dass jeder einzelne, angeführte Leistungserbringer für die korrekte Leistungserbringung verantwortlich ist [also NICHT der "Händler"]; Um aber dann im Absatz b) "... dass der Reisende nicht aus einem der Rechte der Pauschalreise-Richtlinie profitieren kann, sondern vom Recht auf eine Rückerstattung von Anzahlungen profitieren wird und soweit die Beförderung von Passagieren enthalten ist, die Rückführung im Falle der Insolvenz des Händlers selbst oder einer seiner Leistungserbringer..." Durch die früher im Text erklärten Begriffe Händler, Package usw. geht somit klar hervor, dass ein Vermittler, der einem Reisenden für ein und dieselbe Reise mehrere Leistungen zusammenstellt, selbst dann Veranstalter im Sinne der Haftung für Anzahlung und Rücktransport wird, wenn er diese Leistungen in verschiedenen Buchungsvorgänge und unterschiedlichen Tagen auf mehrere Rechnungen verteilt. Wenn dem nun wirklich so sein wird, würde das bedeuten: bucht ein Reisebüro einen Flug und ein Hotel, die Airline geht in Konkurs -> haftet der bisher als Vermittler gegoltene Reiseagent für die Zahlung (und gegebenfalls auch für den Rücktransport). Bucht der Kunde hingegen im Internet Flug und Hotel getrennt, Airline geht in Konkurs --> schaut der Kunde durch Finger. So gesehen wäre es ein Marketing-Instrument für Reisebüros: "Bei uns sind Ihr Flug und Ihr Hotel auch bei individueller Buchung geschützt". Aber das sind jetzt noch sehr grobe Überlegungen und eine klare Aussage über die neue Verordnung wird erst der endgültige Text ergeben. Was die maximale Preiserhöhung von 10 Prozent einer Pauschalreise anbelangt, so kann ich nur berichten, dass es diese Obergrenze in Österreich seit jeher gegeben hat.

von Bärbel Lecon, 09.07.13, 16:19
Ich kann mir nicht vorstellen, dass es juristisch korrekt ist, den Vermittler für die eventuelle Insolvenz der individuell vermittelten Leistungsträger haften zu lassen. Es ist nicht die Schuld des Reisebüros, muss ein Leistungsträger Insolvenz anmelden. Ich schließe mich Hr. Krackowizer an, das die beschriebene Situation - sollte sie so und nicht anders Realität werden - zu einem Marketinginstrument für Reisebüros werden könnte. Zwar zu Mehrkosten für den Verbraucher, denn das Reisebüro wird natürlich die Unkosten an dem Sicherungsschein weitergeben, aber dafür erhält der Kunde ja auch einen nicht zu unterschätzenden Mehrwert! Wie heißt es so schön:"Abwarten und Tee trinken". Vielleicht wird ja doch nicht alles so schwarz, wie es uns jetzt erscheint.

von Helmut Scheel, 09.07.13, 16:58
Die EU ist sehr Britenlastig! Und sie hält den Verbraucherschutz angeblich hoch. Dann müsste sie, statt die Reisebüros oder Händler in Haftung zu nehmen, die Leistungserbringer also Airline, Hotelier, Mietwagenfirma etc zur Insolvenzabsicherung zwingen, so wie dies die Verbraucherschützer aus NRW derzeit mit einigen Airlines machen. Dann hätten wir ein Verursacher basiertes System!

von Jürgen Barthel, 09.07.13, 18:10
Spassig, Ich gebe da Helmut Scheel recht. Wenn das so realisiert wird, werden sich die Fluggesellschaften und anderen Leistungsträger zurücklehnen, der EU-Bürger muss doch sowieso eine Insolvenzschutzversicherung vom Reisebüro bekommen. Jedenfalls so lange, bis die Versicherungen dann wegen der Verluste eine Insolvenzabsicherung fordern...

von Constanze Weiß, 09.07.13, 19:17
Die Reisebüros sind die neuen Veranstalter? Dann sollten sie auch so verdienen, oder? Welche Möglichkeiten gibt es denn auf diese Richtlinie bis zur Umsetzung Einfluss zu nehmen? Ist denn in Brüssel auch jemand vor Ort, der den Reisevertrieb begreift? Und freuen sich am Ende nicht die Versicherer am meisten?

von Harald Lux, 09.07.13, 21:12
Der vom Reisebüro/Veranstalter ausgestellte Sicherungsschein greift im Fall der Insolvenz eines Lieferanten aber nur, wenn dessen Insolvenz auch das Reisebüro/den Veranstalter mit in die Insolvenz reißt. Es ist (für das Reisebüro/ der Veranstalter) keine Versicherung gegen die Insolvenz des Lieferanten (z.B. der Airline). Dem Endkunden kann das natürlich egal sein ...

von Konstantin Frangos, 05.09.13, 11:24
Der geplanten strengeren Auflage der "Inslolvenz-Versicherungs-Idee" die eigentlich zum Verbraucherschutz dienen sollte ist zu entnehmen, dass den Versicherungsgesellschaften de facto die Gewalt über die Reise-und Touristikbranche überlassen wird. Dabei geht eindeutig hervor, dass die Wirtschaftskriminalität aller zur Durchführung eines Reisearrangements herangezogenen Personen nicht nur vertuscht werden wird, sondern vielmehr dass diese auf die .....Verantwortung der.....sogenannten Veranstalter ( Versicherungen bleiben verschont) abgewälzt wird.

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