Direct Connect

Google Flight Search kommt indirekt

Still und leise hat Google seine Flugsuche in den wichtigsten europäischen Märkten ausgerollt – außer in Deutschland. Und das hat seinen Grund. Die auf Direkverbindungen zu den Airlines basierende US-Logik der eigenen Traveltech-Tochter ITA funktioniert in Europa (noch) nicht.

von Dirk Rogl, 03.04.2013, 08:30 Uhr

Google Flights ist in Europa angekommen. Vor zwei Wochen hat die Suchmaschine ihre bislang nur für Abflüge in Nordamerika verfügbare Flugsuche in Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien und den Niederlanden freigeschaltet. „Wir arbeiten daran, Flight Search in mehr Ländern und Sprachen verfügbar zu machen“, erklärt Google in ihrem britischen Travelblog.

Zugleich macht Google dort auf die eigenen Unzulänglichkeiten aufmerksam (Bild rechts). Denn das Tool funktioniert längst nicht so, wie es sich seine US-amerikanischen Erfinder einst ausgedacht haben. In Nordamerika ist eine Direktverbindung der Google-Tochter ITA Software an die Angebotsdatenbanken der Airlines und eine tiefe Verlinkung mit den Internet Booking Engines der Carrier obligatorisch. In Amerika sperren sich nur wenige Airlines gegen diesen Direct Connect. Eine davon ist Lufthansa, die in Google Flights nur als Code-Share-Flug ihres Star-Alliance-Partner buchbar ist.

Und so ist es auch in Europa. „Manchmal sind wir nicht in der Lage, Ergebnisse für jede Airline anzuzeigen“, schreibt Google. Nur wenige Carrier wie British Airways, Air France und KLM gewähren Google eine tiefe Anbindung an ihre Systeme. Die Liste der Google-Verweigerer ist lang. Und sie wird von Google bemerkenswert offfen angezeigt. Je nach Flugstrecke wird sie transparant über der Suchmaske eingeblendet.

Für die Billigflieger Easyjet und Ryanair zeigt Google nicht einmal Preise an. Die Angebote von Lufthansa, Germanwings, Condor und TUIfly erscheinen bei Google Flights nicht oder nur mit zum Teil erheblichen Ladezeiten. Buchbar sind sie dann auf den Seiten externer Online-Reisebüros. Und da sich die erste Liga der OTA relativ eindeutig gegen Googles Ambitionen ausgesprochen hat, als Metasearcher den Flugmarkt umzukrempeln, kommt derzeit die zweite Garde der Portale zum Zuge. Im fvw-Test waren dies das spanische Portal Bravofly.com, das zu BCD Holdings gehörende Portal Budgetair.co.uk (Travix/Flugladen) sowie in Einzelfällen der britische Unister-Ableger Fly.co.uk.

Es bedarf einer eingehenden Analyse, welche Tarife Google und ITA noch integrieren müssen, um ein Angebot zu etablieren, dass den Reisebüros und den pulsierenden Metasuchdiensten ebenbürtig ist. Veranstalter-Tarife und Consolidator-Fares dürften hier fehlen, so lange sie nicht über die zumindest im US-Markt wenig geschätzten OTA-Partner nicht zur Verfügung stehen. Gleiches gilt für die Vielzahl der Web-Tarife, dieauch Liniencarrier nicht oder nur gegen Aufpreis in den GDS abbilden. Hinzu kommen die Low Cost Carrier. Sie bleiben eine harte Nuss, allerdings nicht nur für Google.

Andererseits: Die Usability von Google Flights in Europa ist gut. Der Web-Riese hat gezeigt, dass er auch neue Wege einschlägt, wenn die angedachte (US-)Logik nicht funktioniert. Sollten Lufthansa und andere wichtige Airlines irgendwann ihre Systeme für Google und ITA öffnen, gewinnt das Angebot an Relevanz. Die Frage wird sein, welche Rolle dann noch die Online-Reisebüros spielen, die bei Google Flight Search überhaupt nicht vorgesehen waren, nun aber doch für die umfängliche Buchbarkeit sorgen müssen. Kurzfristig betrachtet ist die Relevanz von Unister, Travix und Bravofly im europäischen Online-Reisemarkt schlagartig gestiegen – als Steigbügelhalter für den neuen Metasearcher Google, der mit seiner eigenen Technologie nich weiter kam.

Welche Rolle Airlines, Metasearcher und Online-Reisebüros künftig im Online-Reisevertrieb spielen ist auch Thema auf dem fvw Travel Technology Day am Donnerstag, 11. April, in Köln. Hier reden wir über Direct Connect, den neuen Iata-Datenstandard NDC.

Kommentare

von Jürgen Barthel, 03.04.13, 10:49
War in den 80er-Jahren der Trend hin zu einer Vereinheitlichung der Angebote um über die damals exklusiven Reisevertriebssysteme buchbar zu werden, wurde in den 90ern mit dem Hype des Internet "Preisparität" eingefordert, so entwächst nun "das Internet" den Kinderschuhen. Und wieder einmal dominiert das Prinzip Hoffnung. Fluggesellschaften auf dem Weg, die Vorteile des Internet für sich zu entdecken sind nicht unbedingt geneigt, Google eine "tiefe Einbindung" in ihre Prozesse und Tarife zu gewähren, ohne dass dies entweder für sie kostenneutral ist, bzw. ihnen auch einen klaren Vorteil bringt. Wird derzeit (vor allem in Amerika) über "custom pricing" gesprochen (ein Apple-Nutzer zahlt bspw. mehr als ein Windows-Nutzer, ein Vielflieger bekommt andere Preise als ein "Laufkunde"), merken immer mehr Fluggesellschaften, dass "Service" und andere "Alleinstellungsmerkmale" sich sehr wohl auch in höheren Erträgen bemerkbar machen können. Wenn es dem Reisenden einen entsprechenden Mehrwert vermittelt. Egal, ob der "real" oder "nur psychologisch" ist. Ich frage mich schon, wie "Google Flights" und ITA das künftig überhaupt darstellen wollen. Und ist der Preis nun mit Gepäck oder ist da gar etwas zu Essen dabei? Solche Mängel in der Google-Info liest man in amerikanischen Blogs sind bereits dabei, von Nutzern thematisiert zu werden... Ich denke, hier wird etwas (auch dank der "Marktmacht" Google's) gehyped und viele werden durch derartige Darstellungen verunsichert, eigene Wege zu gehen. Nur Mut! Denn Google wird im September gerade mal 15. Und davor gab es IBM, Microsoft, AOL, Yahoo, ... Und was kommt nach Google? Die Frage finde ich viel spannender!

von Conny Weiß, 03.04.13, 10:59
Was bringt es der Gesellschaft ? Wie wird diese verändert ? Macht es sie besser oder glücklicher ? Ob es Google Flight Search ist oder eine andere Anwendung: ich denke, das ethische Aspekte einen höheren Stellenwert in unserer Arbeits- und Lebenswelt bekommen sollten. Insofern wünsche ich mir, dass Google sich auch für Nachhaltigkeitsfragen interessiert. Siegel gibts ja jede Menge.

von Bernd Hellmuth, 03.04.13, 11:27
Google wird den Willen der Airlines zur Stärkung des Eigenvertrieb nicht brechen können. Die Airlines werden wohl eher weiter in Adwords investieren und den User direkt auf die eigene Seite leiten als in noch einem Preisvergleichsystem der Konkurrenz zu stellen. Weil es Google ist erwartet jeder einen zukünftigen Superstar, aber wieviele Superstars wurden in den letzten Jahren auch wieder aufgegeben...

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