Deutsche Bahn

Digitaloffensive mit Haken

Eines muss man der Bahn lassen: Sie hat den Digitalisierungs-Trend zweifellos verstanden – die richtigen strategischen Weichen wurden gestellt. Doch bei der konkreten Umsetzung der Projekte lohnt es sich genauer hinzuschauen. Denn der Teufel steckt im Detail. Und manch eine vermeintliche Neuheit entpuppt sich lediglich als geschicktes Marketing.

von Tobias Pusch, 05.06.2015, 14:50 Uhr

Hamburg Hauptbahnhof, an der Treppe zu den S-Bahn-Gleisen: Eine junge Mutter mit Kinderwagen drückt immer wieder den Knopf, der den Aufzug holen soll. Nach einiger Zeit bemerkt sie dann den Hinweis an der Tür: „Aufzug defekt“.

So etwas passiert natürlich Mal, kein Unternehmen ist vor technischen Problemen gefeit. Was diese Szene aber bemerkenswert macht, ist die Tatsache, dass der Hinweis auf einem perfekt gedruckten, akkurat angebrachten Aufkleber steht – der Lift ist also offenbar bereits länger kaputt. Denn für einen kurzen Ausfall hätte wohl ein mit Tesafilm angeklebter Papierzettel gereicht. In Österreich gibt es für solche Lösungen wie mit dem Aufkleber ein Wort: Dauerprovisorium.

Wenn nun also Bahnchef Rüdiger Grube wie am Freitag auf der Digitalisierungspressekonferenz von „sprechenden Aufzügen und Rolltreppen“ schwärmt, die ihre Defekte selbstständig an die Servicezentralen melden, dann ist das eine super Idee. Einzig: Was bringt dieser digitale Fortschritt, wenn es offenbar ewig dauert, bis Handwerker oder Ersatzteile verfügbar sind?

Ähnliches gilt für die – erst nach sanftem Druck aus der Politik erfolgte – Einführung von Gratis W-Lan in der 2. Klasse der ICEs. Toll, dass Bahnfahren und Surfen keine Gegensätze mehr sind. Aber bei der tatsächlichen Nutzung drohen Enttäuschungen. Denn wenn 500 Passagiere gleichzeitig ins Netz wollen, dann entstehen schnell Engpässe. Schließlich müssen die Daten ja irgendwie raus aus dem Zug. Dies geschieht via Mobilfunknetz. Und das ist nicht nur in seiner Bandbreite beschränkt, sondern auch in seiner Verfügbarkeit. Vor allem auf dem flachen Land. Die Folge werden bisweilen kriechend langsame Datenübertragungen und Verbindungsabbrüche sein. Kleiner Witz am Rande: Ende 2015 sollen sämtliche ICEs mit den entsprechenden Hotspots versorgt sein, so schreibt die Bahn stolz in der Vorstellung des Digitalisierungskonzeptes. Doch was verschwiegen wird, ist der ursprüngliche Plan, laut dem es bereits Ende 2014 so weit sein sollte.

Enttäuschend auch die neu gestaltete Bahnauskunft-App „Navigator“. Schon seit Monaten wird aus dem Umfeld der Bahn verlautbart, dass hier eine komplett neu programmierte Anwendung kommt. Das ist der neue Navigator zwar auch. Nur sind die Zusatzfunktionen ziemlich dürr. In der ersten Stufe sollen lediglich der Reiseplan auf einer Karte visualisiert und dazu passende Leihfahrrad- und Carsharing-Angebote gezeigt werden. Wirklich bahnbrechende neue Funktionen – wie etwa das Lotsen des Passagiers durch den gesamten Bahnhof bis zum eigenen Sitzplatz – werden von der Bahn vorsichtshalber nur vage in Aussicht gestellt, also ohne Termin.

Bei allen Innovationen und aller Weitsicht, mit der die Bahn das Thema Mobilität der Zukunft angeht, wurde am Freitag in Berlin also vor allem eines deutlich. Noch besser als Digitalisierung kann die Bahn vor allem eines. Selbstmarketing.

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